Outing und kein Ende

Auf einer Party komme ich ins Gespräch mit einem Mann, der etwa in meinem Alter ist. Wir reden über dies, über das, der Alkohol fließt, und dann schließlich frage ich:

„Und, hast Du eine Freundin?“

darauf er:

„Ähm, nein, aber ich bin einer festen Beziehung.“

Es dauert ein paar Sekunden, aber schließlich fällt der Groschen: Er ist schwul (und in einer festen Beziehung).

Dieses Beispiel führe ich an, um auf einen Umstand hinzuweisen, der vielen Heterosexuellen oft nicht klar ist: Nämlich das ein „Outing“ keine einmalige Sache ist.

Es ist nicht damit getan, dass sich ein Homosexueller ans Herz fasst und sich vor seiner Familie und seinen Freunden „outet“ – wobei das allein schon der Beweis dafür ist, das hier ein Problem vorliegt, denn warum muss man sich überhaupt „outen“ und kann nicht einfach frei von der Leber weg zu seiner Orientierung stehen? „Outen“ beinhaltet sowas wie ein „schreckliches“ Geheimnis offenlegen, aber warum eigentlich „schrecklich“?

Hierzu ein Einschub: Ich komme ursprünglich aus der linken Szene, und dort waren Zärtlichkeiten unter Männern gern gesehen. Ich habe es ebenfalls ausprobiert, aber Sorry liebe Schwule: Es hat sich – pardon – Scheiße angefühlt. Im Gegensatz dazu steht eine Erfahrung mit einem Schwulen, der, als er dahinter kam, dass ich harmlos bin, recht zutraulich wurde. Unter anderem streichelte er mir zärtlich meinen Bart und ich mochte das. Außerdem hat er mir Komplimente gemacht, wie ich es noch nie erlebt habe; womit er mich in Verlegenheit brachte und ich ihm schließlich drohte, wegzugehen, wenn er nicht damit aufhöre (was ihn nicht abhielt). Frauen haben mir niemals solche Komplimente gemacht.

Wenn dich ein Schwuler anbaggert, dann: Freue dich! Schwule haben oft einen hoch ästhetischen Sinn (Ok, Klischee), also sag‘ einfach: „Vielen Dank für das Kompliment, aber weißt Du, ich bin sowas von hetero.“ – die Meisten werden das sofort akzeptieren.

Ich rate jedem Jüngling, sich einen schwulen Freund zuzulegen, denn Schwule haben als Außenstehende einen besonders klaren Blick auf Heterobeziehungen – wenn dich irgendein Miststück ausnutzt, dann kann dir das dein schwuler Freund wie kein anderer verklickern.

Einschub Ende

Was war das Thema? Ach ja: Outing.

Man muss sich einfach mal überlegen, dass es Familien gibt, die ihre Töchter oder Söhne verstoßen, wenn sie sich als homosexuell „outen“.

Wenn selbst ein Vater oder eine Mutter ihr Kind verstößt, wenn es sich als anders „outet“, wie steht es dann um andere Menschen? Eben, diese verurteilen einen noch schneller, noch einfacher; man muss sich einfach mal überlegen, dass es international in verschiedenen Ländern immer noch (tödlich) strafbar ist, homosexuell zu sein – wie bei uns bis kurzem auch noch. Der „Kriegsheld“ Alan Turing, von dem manche Historiker meinen, dass er mit kriegsentscheidend gegen Nazi-Deutschland gewirkt hat, kam ins Gefängnis aufgrund seiner sexuellen Orientierung. Peinlich im Quadrat.

Ein „Outing“ ist keine einmalige Sache, sondern muss immer wieder wiederholt werden. Manche Homosexuelle ziehen die Reißleine, und „outen“ sich permanent, zum Beispiel indem sie die typischen Klischees bedienen. In meinem Verwandtenkreis findet sich eine Lesbe, die fünfmal männlicher als ich selbst auftritt.

Etwas komplizierter wird es, wenn eine Lesbe oder ein Schwuler ganz normal auftritt, also nicht gleich jedem wie eine Olivia Jones ihr Anderssein eindeutig auf’s Auge drückt.

Alles klar

Denn was ist die Alternative? Die Alternative ist, dass man ein gigantisches Lügengebäude errichten muss, in welchem man sich selbst verleugnet, nur damit nicht rauskommt, dass man anders tickt als die Normalos. Nehmen wir obiges Beispiel, wo ich einen Schwulen frage, ob er eine Freundin hätte. Wenn er sich nicht hätte outen wollen, müsste er mich anlügen; was also ist davon zu halten wenn Homohasser behaupten, dass Homosexuelle einem ihre Sexualität aufdrängen würden? Wollen sie gern belogen werden? Und was ist eigentlich, wenn ein Hetero „Wow, ist die heiß!“ sagt? Drängt der einem nicht ebenfalls seine Sexualität auf?

Jedesmal, wenn man jemanden neu kennenlernt, muss man sich erneut outen. Und jedesmal besteht dabei die Gefahr, dass das Gegenüber negativ reagiert, einen verurteilt oder angreift. Ein „Outing“ ist eben keine singuläre Sache, sondern eine stets wiederkehrende; keine Begebenheit nach dem Sprichwort „Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende„, denn es gibt kein Ende. Das verunsichert und kann im schlimmsten Fall zu Hass gegenüber den „Normalos“ führen. Ich rate Homosexuellen hier zu Nachsicht: der Mensch ist nun mal so gestrickt, dass er allem Fremden erst mal mit Misstrauen und Ablehnung begegnet, sei es, dass der „Fremde“ eine andere Hautfarbe hat oder eine andere sexuelle Orientierung. „Der Mensch kann zwar tun was  er will, aber er kann nicht wollen, was er will“ sagte mal ein Philosoph; diese Erkenntnis über die Unfreiheit des menschlichen Willens sollte einen versöhnlich stimmen, wenn man mal wieder beleidigt wird, weil man anders ist – was nicht heißt, dass man nicht um Toleranz werben kann. Dennoch wird es immer so sein, dass man einer Minderheit angehört, dass man anders ist.

Immer, und immer wieder.

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4 Gedanken zu „Outing und kein Ende

  1. Anonym

    Dann hast du die falschen Frauen getroffen.
    Die meisten Männer mit denen ich eine Beziehung hatte waren wunderbar, und diese Worte gehören auch ausgesprochen. Das Schutzschild das ihr euch zugelegt habt, und die Mauer die ihr um euch aufbaut haben wir den Feministen zu „verdanken“.

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