Sexuelle Belästigung und Ansprechangst

Wenn man Feministinnen folgt, dann leben wir in einer Gesellschaft, in der Frauen (und nur diese) permanent von Männern sexuell belästigt werden. Jede zweite Frau habe bereits sexuell übergriffiges Verhalten erlebt, und die Initiatorin der #Aufschrei-Kampagne, Anne Wicorek, behauptet sinngemäß, dass „viele“ (also nicht alle) Frauen allein dadurch Widerstand leisten würden, einfach indem sie vor die Tür gehen und sich nicht zu Hause einbuddeln. Wir leben also in einer Kultur der sexuellen Belästigung, eine „Rape-Culture“ eben, in welcher Frauen ständig unerwünschte Anmachen erfahren müssten.

Demgegenüber steht ein ganz anderer Sachverhalt: Nämlich das Phänomen der „Ansprechangst“, welches Männer verspüren, die den Entschluss gefasst haben, attraktive Frauen, denen sie begegnen, „einfach“ anzusprechen. Wobei der Begriff es nicht ganz trifft, denn Angst besteht ja nicht vor dem Ansprechen sondern vor einer potentiell verletzenden Reaktion der Angesprochenen. Damit will ich auf keinem Fall in Abrede stellen, dass es Männer gibt – Angetrunkene, Assis oder Machos zum Beispiel – die sich auf unangenehme Weise Frauen nähern – eben sexuell belästigen.

Dennoch finde ich es bezeichnend, dass das Problem etwa in PickUp-Foren nicht darauf lautet, dass man sich unangemessen nähert, woran gearbeitet werden müsste, sondern dass man gar nicht erst den Mut hat, sich der Frau überhaupt zu nähern. „Wie überwinde ich die Ansprechangst?“ ist ein Thema, das in PickUp-Foren rauf und runter diskutiert wird. Zur Lösung dieses Problems gibt es viele Ratschläge, aber leider keine Patentlösung. Empfohlen werden Affirmationen, Selbsthypnose, verschiedene Techniken, wie etwa die „3-Sekunden-Regel“ oder auch – im Ernst! – Psychotherapie (privat gezahlt). In den PickUp-Foren finden sich unzählige „Tastaturhelden“ – das sind Männer, die zwar spitze in der Theorie sind, aber aufgrund der Ansprechangst noch kein einziges Mal eine Frau angesprochen haben.

Die Frage ist jetzt, welche Beobachtung oder Anklage stimmt nun? Ist es so, dass „die Männer“ ständig sexuell belästigen würden, oder ist nicht eher doch so, dass die Ansprechangst dominiert?

Ich denke, dass letzteres stimmt. Und dass viele Frauen – um die oder mehr als 50%  – sexuelle Belästigung erleben, überzeugt mich nicht. Denn wenn man einfach mal bedenkt, mit wievielen Menschen man im Leben Kontakt hat, in Interaktion tritt, müsste in einer „Rape-Culture“ 100% (!) der Frauen sexuelle Belästigung erleben – und zwar nicht nur „mal“ sondern ständig und immer wieder. Die Studien, die eine angebliche Kultur der sexuellen Belästigung belegen sollen, beweisen stattdessen, dass sich die meisten Männer zu benehmen wissen.

Auf der anderen Seite: Wie oft wird man denn Zeuge von sexueller Belästigung? Nehmen wir an, eine Frau ist im Sommer mit Minirock und tiefausgeschnittenem Dekolleté unterwegs. Jeder Mann mit einer gesunden Heterosexualität würde gerne ganz genau hinschauen, einen tiefen, langen Blick nehmen. Wenn Du aber die Männer beobachtest, wirst Du feststellen, dass die wenigsten das machen. Wenn Du sehr genau beobachtest, kannst Du – mit Glück! – vielleicht den einen oder anderen dabei erwischen, wie er einen kurzen, verstohlenen (!) Blick wirft, mehr nicht.

Das hat was mit Regulierung der männlichen Sexualität zu tun. So gut wie jeder Mann würde sich zu Tode schämen, wenn man ihn als „Spanner“ oder „Lustmolch“ bezeichnen würde. Beides sind vernichtende Schimpfwörter, und wir leben in einer Kultur, in der ein Mann dieser Anklage potentiell unterliegt, wenn er einfach mal so gucken würde, wie er eben „Lust“ hätte – geschweige denn sein Verlangen verbalisieren also „sexuell belästigen“ würde.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der Frauen ihre Sexualität leben können, was bedeutet, dass sie ihre weiblichen Reize betonen können, ohne unter die Anklage zu geraten, dass sie Männer sexuell reizen also belästigen würden. Im real existierenden Matriarchat wird lediglich die männliche Sexualität reguliert und verboten. Dies führt zu Ansprechangst, die Angst vor Bestrafung der eigenen Sexualität.

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11 Gedanken zu „Sexuelle Belästigung und Ansprechangst

  1. Miria

    Wie oft eine Frau sexuell belästigt wird hängt meiner Meinung nach auch davon ab, was sie als sexuelle Belästigung auffasst.
    Und das wiederum hängt natürlich von der Situation, der Stimmung und dem Gegenüber ab. In manchen Situationen fühle ich mich selbst von einem Klapps auf den Hintern nicht belästigt, in anderen kann schon ein blöder Spruch belustigend sein.

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  2. uepsilonniks

    @Miria
    Richtig, dazu habe ich auch schon mal was geschrieben:

    „Sexuelle Belästigung ist, was das Opfer als sexuelle Belästigung empfindet“

    Das heißt, nicht die Handlung sondern eben das Empfinden des „Opfers“, also der Frau bestimmt darüber, ob die Handlung strafwürdig ist oder nicht. Das bedeutet, ein- und dieselbe Handlung ist mal strafwürdig, mal nicht. Ein- und derselbe Anmachspruch ist, je nach Absender und Adressatin mal sexuelle Belästigung, mal nicht. Wenn ein George Clooney was sagt, ist das anders zu werten als wenn es ein Niemand äußert. Hat sie gerade gute Laune, oder ist sexuell aufgeschlossen, geht eine Anmache in Ordnung; verhält es sich anders, kann sie den „Rüpel“ wegen sexueller Belästigung verklagen.

    http://der-juengling.blogspot.de/2015/02/definitionsmacht-im-bereich-sexuelle.html

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  3. Miria

    Ich glaube, du hast mich nicht ganz richtig verstanden. Ein Klapps auf den Hintern bleibt immer strafwürdig – nur ob das Opfer diesen auch anzeigt macht einen Unterschied!
    Es geht nicht darum, dass jeder strafrechtlich definiert wie er will.

    Aber in bestimmten Situationen kann dies eben auch mal als „flirten “ durchgehen.
    Und ich denke im Übrigen nicht, dass das nur für Frauen gilt, sondern auch für Männer.

    Letztes Wochenende erst habe ich auf einer Party einem recht attraktiven Mann auf den Hintern gehauen als dieser sich von mir weggedreht um an der Theke zu bestellen.
    In dem Moment hat du er sich umgedreht und ich habe dann gesagt: “ Wenn du mir deinen Hinten so hinhälst, kam ich einfach nicht widerstehen! “

    Natürlich war das sexuelle Belästigung meinerseits, ist aber nicht negativ angekommen – ganz im Gegenteil.
    Aber wir hätte der Mann wohl reagiert, wenn ich nicht Mitte zwanzig, sondern 60 Jahre alt wäre, vermutlich nicht so positiv…

    Es ist also ganz normal, dass gleiche Handlungen unterschiedlich aufgefasst werden.

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  4. uepsilonniks

    @Miria:
    Vielen Dank für deine Antwort.

    Ob ein – dein Beispiel – Klaps auf den Hintern _immer_ strafwürdig halte ich für fragwürdig 😉

    Es gibt objektive Kriterien, nach dieser man diese Handlung bewerten kann; es ist ein Unterschied, ob ich diese Handlung bei meiner festen Freundin ausführe oder bei einer Arbeitskollegin, zu der ich keine weitere Beziehung unterhalte.

    Das feministische Dogma aber zielt darauf ab, dass nicht die Handlung ansich oder der Kontext zur Bewertung herangezogen wird, sondern allein das „Empfinden“ der Opferin (exklusives Femininum). Also eine „Definitionsmacht im Bereich sexuelle Belästigung“, wie ich sie im obig verlinkten Artikel beschreibe. Und das geht halt gar nicht, damit hält Willkür Einzug.

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  5. Miria

    Ich hatte die Situation beim festen Partner gedanklich ausgeschlossen, da ich sexuelle Belästigung, die als solche verstanden wird innerhalb einer festen Beziehung nahezu ausschließe.

    Was das Konzept der Definitionsmacht angeht, glaube ich nicht, dass wie da lange drüber diskutieren müssen. Es ist mir als Feministin natürlich gut bekannt und ich halte davon gar nichts! Mehr gibt's dazu wohl nicht zu sagen.

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  6. Miria

    „Ach übrigens: Nach deinem Avatar bist Du wirklich süß! „

    AUFSCHREI!!! Jetzt fühle ich mich aber sexuell belästigt!

    Nein, quatsch. Dankeschön! Und weil ich so süß bin, kann ich Männern ja ungestraft auf den Hintern hauen ;P

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  7. uepsilonniks

    AUFSCHREI!!! Jetzt fühle ich mich aber sexuell belästigt!

    *zähneknirsch*

    Egal, was man sagt, es kommt falsch an. Hätte ich eigentlich wissen müssen 😉

    Dankeschön!

    Oh. Ich glaube ich muss dir eine kleine Nachhilfe-Lektion in Sachen Feminismus geben:

    Indem ich dich als „süß“ einstufe, wende ich eine heteronormative Schönheitsmatrix auf dich an, das heißt: Ich übe Macht über dich aus. Die korrekte Antwort lautet nicht:

    „Dankeschön“

    sondern:

    „Friss das, Du Despot!“

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