Gender und Rolle – Was ist anerzogen, was angeboren?

Eine Frage, die sich in Genderdebatten regelmäßig stellt, ist, wieviel der „Geschlechterrolle“ ist anerzogen, wieviel angeboren. Wenn Jungen gerne mit Autos spielen oder toben, wenn Mädchen Glitzer und Rosa bevorzugen, ist das nun durch gesellschaftliche Erwartungen aufgedrückt oder äußert sich hier die Biologie?

Was die biologistische Position angeht, so kenne ich keine, in welcher behauptet wird, dass jedwedes Verhalten angeboren ist – und zwar zu 100%. Erzieherische und gesellschaftliche Einflüsse auf die Charakterentwicklung wird in der Regel – bis zu einem bestimmten Maß – eingeräumt.

Auf der Gender-Seite sieht das anders aus. Eine dominierende Theorie lautet darauf, dass der Mensch von der Geburt an ein unbeschriebenes, weißes Blatt in seiner Persönlichkeit sei, und alle Charaktereigenschaften, wozu ausdrücklich auch die sexuelle Identität und Orientierung zählen, lediglich anerzogen seien (und zwar zum Nachteil der Frau). Mit anderen Worten: Wenn ich einen Jungen kastriere und wie ein Mädchen aufziehe, dann wird daraus eine vollwertige Frau (von der Gebärfähigkeit abgesehen). Ein solches Experiment wurde tatsächlich schon unternommen, unter Applaus der Gender-Szene und der Feministen, beispielsweise Alice Schwarzer, die bekundete, dass hier ein Mann dem Auftrag der Wissenschaft gerecht würde. Nachdem dieses Experiment tödlich scheiterte – das Versuchskaninchen erschoss sich – wurde der Fall stillschweigend aus der Gender-Literatur gestrichen. Aufgeklärt wurde nicht, unter anderem darüber, dass das Opfer sein ganzes Leben lang die aufgezwungene Geschlechterrolle ablehnte, und augenblicklich beschloss, als Junge weiterzuleben, als er erfuhr, dass er auch als ein solcher geboren worden war. Man hatte hier künstlich einen Transsexuellen geschaffen, einen Menschen, der sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlte, als es seinem körperlichen entsprach.

Die Frage, was denn nun anerzogen ist, und was angeboren, ist eine ungeheuer spannende. In nächster Zeit dürfte sie aber nicht zu klären sein, da Gender-Feministen, die den Diskurs dominieren, gar nicht an einer offenen Fragestellung interessiert sind, sondern das Dogma von der ausschließlich anerzogen Geschlechterrolle vor sich hertragen und keine Kritik daran zulassen.

Was meine persönliche Theorie angeht: Ich halte bestimmte Charaktereigenschaften bis zu einem gewissen Graf für angeboren, aber nicht für geschlechtsspezifisch – von sexueller Orientierung und Identität abgesehen.

Okay, das ist erklärungsbedürftig, ein Beispiel: Aggression. Der Mann gilt in der Regel als das gewalttätige und aggressive Geschlecht, was zu Folge hat, dass die ersten Opfer im Krieg als Täter gesehen werden und männliche Opfer häuslicher Gewalt keine Hilfe erfahren, da es sie ja angeblich gar nicht gibt. Jetzt weiß man aber aus der Forschung über häusliche Gewalt, dass Frauen ganz genauso gewalttätig werden wie Männer. Hier trifft einer der Gendergrundsätze zu, nämlich dass die Unterschiede innerhalb einer Geschlechtergruppe größer sind, als zwischen den Geschlechtern – sprich: Die Formel „Männer aggressiv – Frauen friedfertig“ ist nicht zu halten. Ich halte die Charaktereigenschaft „aggressiv“ oder „gewaltbereit“ also nicht für geschlechtsspezifisch.

Ich halte sie aber für einen guten Teil für angeboren. Hierzu erinnere ich mich an einem Fall, bei welchem ein Mann eine Kopfverletzung erlitt. Bis zu diesem Tag litt seine Familie darunter, dass er jähzornig und gewalttätig war. Eine Eigenschaft, die er nicht mehr aufwies, als er aus dem Krankenhaus heimkehrte. In Situationen, in welchen er vorher einen Wutanfall gezeigt hätte, blieb er nun ruhig, sein Jähzorn war mit der Beschädigung bestimmter Hirnareale wie weggeblasen. Ein starker Indikator dafür, dass seine Wut im Hirn angelegt war. Diese Eigenschaft war also angeboren – aber nicht geschlechtsspezifisch.

Solche Charaktereigenschaften halte nicht für geschlechtsspezifisch angeboren. Andere, wie die sexuelle Orientierung, schon. 95% der Jungen stehen nun mal auf Mädchen, das ist nicht anerzogen, sondern angeboren (genauso wie homosexuelle Neigungen).

Die Frage ist jetzt, wie es zu geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen kommt. Warum zum Beispiel obliegt es dem Mann, und nicht der Frau, den jeweils anderen anzusprechen und damit das Risiko der Zurückweisung einzugehen? Warum ist Rosa die weiblich kodierte Farbe? Dies halte ich für kulturell anerzogene Unterschiede; sicher gibt es kein Gen, welches das Weibchen auf „rosa“ trimmt*. Was aber angeboren ist, ist das Bedürfnis sich vom anderen Geschlecht abzugrenzen, Unterschiede zu kultivieren. Das hat was mit der geschlechtlichen Identität zu tun, denn wenn man gleich ist (nicht im Sinne der Gleichheit vor dem Gesetz) ist man gar nichts, da man sich vom anderen nicht unterscheiden kann. Die meisten Menschen fühlen sich mit ihrem Geschlecht wohl und auch damit, sich im alltäglichen Umgang voneinander zu unterscheiden. Das betrifft natürlich nicht die Gleichberechtigung, die Gleichheit vor dem Gesetz. Aber nur weil man als Rechtsperson gleichgestellt ist, bedeutet das nicht, dass man dies auch im kulturellen Umgang miteinander ist. Und in einer toleranten Gesellschaft können sowohl Mädchen als auch Jungen vom typisch-geschlechtsspezifischen Verhalten abweichen: Ein Mädchen kann ein Tomboy sein und eine Olivia Jones kann wie ein weiblicher Paradiesvogel auftreten, ohne, dass es damit ein Problem gibt – oder geben sollte. Jeder wie er will, lautet die Devise. Allerdings – und das wird Feministen gar nicht passen – bedeutet das auch, dass sich Mädchen und Jungen unter einer solchen Direktive überwiegend geschlechtsspezifisch verhalten werden.

*(Feministen stört es, dass Rosa die weiblich kodierte Farbe ist. Genauer: Feministen stört, dass überhaupt eine Farbe weiblich kodiert ist, wäre es Grün, diese würde genauso angefeindet werden, und es gäbe eine Initiative: „Die Grün-Hellblau-Falle“ und Parolen wie „Green stinkt“. Das Kernproblem des Feminismus ist nicht der Unterschied zwischen den Geschlechtern, das Kernproblem ist, dass es überhaupt zwei Geschlechter gibt, die man im alltäglichen Erleben klar und deutlich voneinander unterscheiden kann. Gender bedeutet, die Geschlechter aufzulösen, zu „dekonstruieren“, weil die bloße Existenz zweier Geschlechter für den Genderisten eine Zumutung darstellt.)

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2 Gedanken zu „Gender und Rolle – Was ist anerzogen, was angeboren?

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