Feministische Argumentation: "Nicht wehren müssen"

Eine beliebte Formel im feministischen Kontext ist, dass man, genauer: frau, sich nicht wehren wollte. Feministinnen sehen sich in einer Gesellschaft, in der sich frau permanent gegen alle möglichen Übergriffe – in der Regel sexuell und von Männern – wehren müsste.

Was sich hier deutlich zeigt, ist die Prinzessin-auf-der-Erbse-Mentalität. Man (frau) bildet sich tatsächlich ein, dass die gesamte Gesellschaft nach der eigenen Pfeife zu tanzen hätte, und dass man ein Recht darauf hätte, von jedweder Unangenehmlichkeit verschont zu bleiben.

Nur ein solches Recht existiert nicht. Ich war auch schon mal „Opfer“ sexueller Belästigung, aber will ich, dass wir eine Gesellschaft gründen, in welcher ein solcher Übergriff unmöglich wäre? Klare Antwort: Nein, das will ich nicht. Denn eine solche Gesellschaft wäre schlichtweg totalitär.

Um das zu differenzieren: Es ist ein Unterschied, ob a) ein Übergriff möglich ist, oder b) ein solcher Übergriff strafverfolgt wird. Wenn eine Beleidigung oder sexuelle Belästigung einem ein Bußgeld einbringen kann, so ist das etwas grundlegend anderes, als wenn man eine Gesellschaft schafft, in der es gar nicht erst zu sexueller Belästigung oder Beleidigung kommen kann, zum Beispiel weil alle Mitglieder der Gesellschaft so konditioniert sind oder sich vor der zu erwartenden Strafe zu Tode fürchten – eine totalitäre Gesellschaft also. In Nordkorea bspw. wird man kaum einen Einwohner treffen, der sich beleidigend gegen den Staatschef äußern – nur: ist das gut? Es ist ersichtlich, dass nur in einer Terrorherrschaft sowas wie Beleidigungen und sexueller Belästigung nicht mehr existieren würde.

Ein weiterer Punkt ist, dass hier ein einengender Fokus allein auf sexuelle Belästigung gelegt wird (und auch nur auf solche, die sich gegen Frauen richtet – Männer dürfen belästigt werden). Das führt zu der grotesken Situation, dass massivstes Mobbing erlaubt ist, erst wenn eine sexuelle Komponente hinzukommt, greifen die Abwehrmechanismen, so schreibt bereits Matussek über einen Jugen, der einer Treibjagd ausgesetzt ist:

Als der Schuldirektor sagte, ihm fehlten die Beweise für «sexuelle
Belästigung», kaufte Sam Harms seinem Sohn ein Tonbandgerät.
«Wir haben zu Hause geübt, wie man es heimlich
einschaltet », sagte er.

Das Tonband, das ich zu hören bekam, war ein grausiges Dokument.
Nicht, weil es obszön war, sondern weil es die infantile
Lust von Pennälern dokumentierte, ein Opfer auszusuchen und
zu quälen – eine Studie über die Entstehung faschistischer Strukturen.
Ein kleiner Junge zog da los, um Schmutz zu sammeln. Er war
sein eigener Köder. Er ließ sich prügeln und demütigen, um die
Täter zu überführen. Seine Rache bestand darin, daß er sich
nicht wehrte, sondern aufnahm. Verbale Kränkungen, die den
Tatbestand der «sexuellen Belästigung» erfüllten.
«Warum hast du mich gerade geschlagen, Dennis», hörte man
Jonathans Stimme. «Weil ich Lust dazu hatte, du Knalltüte.» Jonathan
weiß, daß so etwas zwar weh tut, aber unbrauchbar ist.
Unter Tränen fragte er: «Wie hast du mich vorher genannt?»
«Pißloch», hört man eine höhnische Jungenstimme. «Nein, davor
». «Altes Pißloch. Schwanzlecker.»
Eine Woche lang sammelte Jonathan Schmutz. Dabei ließ er
sich schlagen, treten, mit Stöcken bearbeiten. Nebenprodukte,
für die sich keine Eltern, kein Lehrer, kein Richter interessierte.
Er ließ sich verhöhnen, verlachen, von Mädchen und Jungen beschimpfen,
um jene einzigen Worte zu sammeln, die neuerdings
in der Erwachsenenwelt eine Rolle spielen.
Jonathan denunzierte nicht. Er kämpfte gegen ein Rudel kleiner
Blockwarte um seine Existenz. Er sammelte Regelverletzungen
auf jenem einzigen Gebiet, wo das puritanische und das feministische
Amerika gemeinsam zum Durchgreifen entschlossen
sind. Gegen Baseballschläger, Waffen und Drogen haben
die Schulbürokratien den Kampf verloren. Doch im Kampf gegen
Schmutzwörter sind sie seit neuestem zu jeder Sanktion bereit.

All das Leid dieses Jungen interessiert nicht. Erst wenn eine Beleidigung wegen eines Begriffs wie „Schwanzlecker“ sexuell konnotiert ist, springen die Erwachsenen an. Ein gutes Beispiel nicht nur dafür, wie selektiv und irrational der Feminismus vorgeht, sondern auch, wie mächtig er inzwischen ist. Mobbing? Egal! Sexuelle Belästigung? #Aufkreisch!

Das, was dem Jungen passiert ist schrecklich, und ich denke, jeder fände es schön, wenn er solches nicht erleiden müsste, wenn niemand sowas ertragen müsste. Die Frage ist nur: Was wäre der Preis dafür, dass sowas nicht möglich wäre? Der Preis wäre, dass man in einer totalitären Gesellschaft leben müsste. Ich wurde auch schon gehänselt, ich wurde auch schon sexuell belästigt, und auch wenn ich den Tätern Übles wünsche, so will ich doch nicht in einer Gesellschaft leben, in welcher solch unangenehmen Erfahrungen von vornherein unmöglich wären – denn dies wäre nur einer porentief reinen, totalitären Gesellschaft ausgeschlossen.

Doch! Man muss sich wehren! Es ist in einer freien Gesellschaft nicht zu verhindern, dass man unangenehme Begegnungen zu anderen Menschen hat, dass man beleidigt wird, auch sexuell. Man hat jeden Tag mit Menschen zu tun, und dazu gehört dann auch, dass man angegriffen und verletzt wird. Damit muss man umgehen können, denn der Preis dafür, dass dem nicht mehr so wäre, wäre nichts weniger – ich kann es nicht oft genug sagen – als eine totalitäre Gesellschaft. Und genau das wollen Feministinnen, etwa wenn sie Feminismuskritik verbieten möchten, damit sie eben frei von kritischen Äußerungen wären, so wie der Machthaber in Nordkorea ebenfalls frei von Kritik ist.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s