Off Topic: Über wertvolle und wertlose Menschen

ScienceFiles hält nichts von der Gleichwertigkeit von Menschen, manche sind dieser Seite nach wertvoll und manche wertlos. Nein, hier muss ich mich korrigieren – diese Seite spricht nicht von wertlosen Menschen, denn das wäre wohl zu verräterisch, auch wenn sie es so meinen.

Dieses Mahnmal soll daran erinnern, dass hier wertlose Menschen gefoltert und ermordet wurden.

So heißt es auf dieser menschenverachtenden Seite:

Ein Nobelpreisträger für Physik wäre dann mit einem Professor für Genderforschung gleichwertig, ein Straftäter mit seinem Richter, ein alter Mensch, der sein Leben lang gearbeitet hat, mit den Neugeborenen, ein psychisch Gestörter mit seinem Irrenarzt, ein Faulenzer mit einem Strebsamen usw.

Hier werden klar Kategorien eingeführt, welche Menschen nun wertvoll sind, und welche wertlos. Die Frage, die sich jetzt stellt, ist, in welcher Währung dieser Wert gemessen wird. Dollar oder Euro? Was ist, wenn es einen Menschen gibt, der den „Irren“, den „Gestörten“ mehr wertschätzt als den „Irrenarzt“, zum Beispiel, weil sie gute Freunde sind?

Dazu später mehr. Als ein Argument wird der Notfall angeführt, der einen Arzt erfordert, aber nicht die Hausfrau:

Wer das nicht glaubt, der möge sein Verhalten an seinen Behauptungen ausrichten und z.B. nach einem Unfall keinen Arzt rufen, denn es genügt die Hausfrau von nebenan, mit der Versorgung des gebrochenen Beines zu beauftragen, denn sicherlich ist sie dem Arzt in allem gleichwertig.”

Ja, eine Hausfrau ist einem Arzt gleichwertig, auch wenn sie über unterschiedliche Kompetenzen verfügen. Einem Kind kann seine Mutter sehr, sehr viel wert sein, mehr als ein Arzt – fragen sie es doch einfach mal, von wem es aufgezogen werden will. Warum sollte diese Wertigkeit eines Kindes nicht mehr zählen als die Wertigkeit eines Schreibtischtäters? Und wenn ich einen Elektriker brauche, aber gerade keinen Tischler, ist dann der Tischler wertlos?

Kommen wir zurück zu dem „Irrenarzt“ und dem „Gestörten“. Dies sind massiv abwertende Begriffe für Menschen, die einer psychischen Erkrankung erliegen sind, die also weniger wert sind in den Augen des Wissenschaftlers. Dass Irre weniger wert sind, war auch schon eine Ansicht der Nazis. Auf den Geländern jeder deutschen Psychiatrie finden sich Mahnmale, die an die Verbrechen erinnern sollen, die die Nazis an den wertlosen Irren (und Behinderten, ebenfalls wertlos) begangen haben. Die Nationalsozialisten setzten hier konsequent um, was auf ScienceFiles nur angedeutet wurde: Manche Menschen sind weniger wert, also dürfen wir sie foltern, töten und unserer Experimente mit ihnen anstellen.

Sie finden dieses Beispiel übertrieben? Nein, es ist zwingend logisch. Wenn ich davon spreche, dass manche Menschen mehr wert sind als andere, dann ergibt sich daraus, dass es ein geringeres Verbrechen darstellt, Wertlose zu ermorden als Wertvolle. Auch heute treten Nazis gerne Obdachlose zu Tode, da diese wertlose, ja volksschädliche Menschen sind. Ein Obdachloser ist offensichtlicher weniger wert als ein Arzt, und wenn ich Ersteren töte, ist der Schaden geringer, als wenn ich den Arzt getötet hätte – also sollte meine Strafe auch geringer ausfallen. Pervers? Ja.

[Nachtrag]
Leszek bringt es schön auf den Punkt:

Das Problem bei den neoliberalen antilinken Ideologen von Science Files scheint hier zu sein, dass sie entweder nicht verstehen wollen oder eben negieren wollen, dass das ethische Postulat der Gleichwertigkeit aller Menschen sich auf die Gleichwertigkeit im Sinne von Prinzipien wie gleicher Menschenwürde bezieht, nicht auf Gleichwertigkeit im Sinne kontextueller, intrumenteller und funktionaler Kriterien.
Zeitgenössische universalistische postkonventionelle Ethiken betrachtet alle Menschen als gleichwertig, in dem Sinne, dass allen Menschen das gleiche Maß an Menschenwürde zukommt und dieses ethische Postulat – egal, ob man es religiös, naturrechtlich oder im Sinne einer wünschenwerten sozialen Konstruktion begründet – steht jenseits von allen kontextuellen, instrumentellen und funktionalen Wertmaßstäben, die darüber hinaus auf Menschen angewendet werden können.
Diese beiden Ebenen werden nun offenbar von den ScienceFiles-Betreibern durcheinander geworfen.

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11 Gedanken zu „Off Topic: Über wertvolle und wertlose Menschen

  1. Unknown

    Sie sitzen hier ihrem eigenen Absolutismus auf und haben offensichtlich nicht verstanden, dass sich unsere Kritik am Konzept der Gleichwertigkeit darauf richtet, dass Gleichwertigkeit ein relatives Konzept ist, das einen Bewertungsmaßstab benötigt. Woher soll der kommen? Von uns, von Ihnen, vom Papst? Aber es ist gut zu wissen, dass für Sie ein 15jähriger, der eine App entwickelt mit einem 15järhigen, der einen Hund quält, gleichwertig ist. Manchmal fragt man sich, warum sich Philosophen über Jahrhundert bemüht haben, ethische Prinzipien darzulegen.

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  2. Unknown

    Ich frage mich auch langsam, warum es bei solchen Themen nicht unter diesem unselig dämlichen Natzivergleichen abgehen kann … Man bedenke doch mal, daß dann unter diesen Voraussetzungen auch die Nazis gleichwertig sind. Was ein Unsinn!

    ddBz

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  3. Wolf-Dieter Busch

    Der Begriff “Wert” ist auf Waren anwendbar, auf Menschen seit Abschaffung der Sklaverei nicht mehr, da seitdem keine handelbare Ware.

    Anwendbar ist der Begriff “berechtigt”, der sich ausschließlich auf Menschen, nicht auf Dinge, bezieht.

    Und gleichberechtigt sind beispielsweise Zschäpe und Künast durchaus. Sie unterscheiden sich nur im Grad der Schuld, der bei Zschäpe bis Urteil noch nicht fest steht.

    Mit diesem Text habe ich mich im Kommentar-Bereich bei ScienceFiles verewigt. Nicht gelöscht. Der resultierende Kommentar-Dialog verlief … seltsam.

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  4. Wolf-Dieter Busch

    @Unknown – Ihr Kommentar ergibt Sinn, wenn ich statt gleichwertig durch ethisch gleich vertretbar ersetze. Erst dort sind Maßstäbe in Ihrem Sinn erforderlich.

    Andererseits hat unsere europäische Idee von der Gleichheit der Menschen noch nie ethisch gleich vertretbar bedeutet.

    Falls meine Interpretation zutrifft, ist Ihre Sprache leider missverständlich. Bitte nicht als persönliche, sondern als technische Kritik nehmen.

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  5. Wolf-Dieter Busch

    Nö, ist keine Zensur. Der Hausherr darf sperren nach Gutdünken.

    Mich überraschte die Wagenburg-Mentaliät von Klein und Diefenbach sowie einem weiteren Kommentator. Sie haben meine Kommentare als Affront gewertet, obwohl nicht so gemeint. Der Bereich ScienceFiles ist wohl eine eingeschworene Gemeinschaft.

    Übrigens haben sie eine Erklärung nachgeschoben und explizit zu meinen Kommentaren Stellung bezogen; ich vermute stark, in Reaktion auf den vorliegenden Post. – Ich verkneife mir Kommentare dort.

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  6. Pingback: Den Armen das Wahlrecht entziehen | uepsilonniks

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