Sind wir darauf angewiesen, richtig "gelesen" zu werden?

Feministen sprechen häufig davon, dass Menschen „gelesen“ werden. Damit ist gemeint, dass die Umwelt einen auf eine bestimmte Art und Weise wahrnimmt (also: „liest“) und dann in eine bestimmte Schublade steckt, um das „Opfer“ dieses Vorganges dann dementsprechend zu behandeln. Hierbei entfalten sich Vorurteile, was von Feministen angeprangert wird.

Ein Beispiel: Ich sehe einen Menschen, lese ihn als Frau und gehe automatisch davon aus, dass ihr der Rechner von einem Mann eingerichtet wurde, da sie selbst nicht in der Lage ist, eine Betriebssystem zu installieren. Anhand dieses Beispiels zeigt sich schon, dass Feministen negative Vorurteile über Frauen haben, unabhängig davon, ob sie nun zutreffen oder nicht; ich schrieb bereits einmal, dass Problem der Feministen ist nicht, dass Männer so böse, gewalttätig und schlecht sind, das Problem ist, dass Männer zu gut sind, und der ganze Feminismus ist im Grunde eine Revolte gegen die eigene Selbstverachtung, wie es einmal ein Maskulist ausdrückte.

Jeder Mensch arbeitet mit auswendig gelernten Widerholungen, Schubladen und Vorurteilen. Was anderes wäre auch gar nicht möglich. Wenn ich jeden Morgen das Schuhzuknüpfen neu lernen müsste, die ganze Gesellschaft wäre schlicht nicht überlebensfähig. Und so ergeht es auch allen Menschen, die ich sehe, die irgendjemand sieht: Für mich wie für jeden heterosexuellen Mann ist eine junge, attraktive Frau nunmal etwas grundlegend anderes, als ein junger, attraktiver Mann. Von der einen will ich etwas, was ich vom anderen nicht will. Ich stecke sie also in unterschiedliche Schubladen, behandele sie unterschiedlich, was im Grunde ein Sexismus darstellt. Nur das dieser Sexismus moralisch einwandfrei ist (Feministen sehen das freilich anders): Es ist legitim, dass ich einen Mann anders behandel als eine Frau, also zum Beispiel keine Annäherungsversuche unternehme.

Meine These ist jetzt, dass dies von der großen Mehrheit der Menschen auch so angenommen, akzeptiert wird, ja: gewollt ist. Die allermeisten Menschen sind mit ihrem Geschlecht zufrieden, und wollen auch geschlechtsspezifisch behandelt werden, ja ich gehe sogar noch weiter und behaupte, als Frau oder Mann ist man geradezu darauf angewiesen auch als Frau oder Mann geschlechtsspezifisch gelesen und behandelt zu werden.

Zur Beweisführung berufe ich mich auf das Phänomen der Transsexualität. Ich habe mehrer Transsexuelle kennengelernt und will hier zwei Menschen als exemplarisches Beispiel anführen. In beiden Fällen handelt es sich um Mann-zu-Frau-Transsexuellen, also Frauen, die in einem Männerkörper eingesperrt sind oder waren. Beide hatten bereits ihre operative Geschlechtsumwandlung hinter sich.

Bei der Einen war die Geschlechtsumwandlung geglückt. Ich habe selten eine derart entspannte Seele kennengelernt. Die Geschlechtsumwandlung war in dem Sinne geglückt, als dass man ihr abkaufte, eine Frau zu sein, immer schon gewesen ist. Und das war der Grund für Glückseligkeit. Sie wurde als Frau gelesen und auch so behandelt, womit ihr höchstes Ziel erfüllt war. Sie trug lange blonde Haare, Lippenstift und Eyeliner, und man nahm es ihr ab. Ihr seelischer Glückszustand rührte daher, dass sie so behandelt wurde, wie sie es sich wünschte, dass die Reaktionen ihrer Umwelt in Kongruenz standen zu ihrer psychischen Verfassung – sie fühlte sich als Frau, trat so auf, wurde so behandelt, also war sie glücklich.

Der zweite Fall hingegen war ein tragischer. Während die Transfrau aus dem ersten Beispiel schon vor der Geschlechtsumwandlung ein sehr femininer Mann gewesen sein musste, so traf auf das zweite Beispiel das genaue Gegenteil zu. So war sie erstmal einen Kopf größer als ich, und ich bin nicht klein. Weiterhin verfügte sie über ein männlich-markantes Gesicht genauso wie über ein männlich-robusten Körperbau. Mit anderen Worten: Sie konnte sich bemühen wie sie wollte, sie wurde nicht als weiblich gelesen. Egal, ob sie Lidschatten oder Lippenstift auftrug, ob sie sich in Sommerkleider hüllte, man kaufte ihr einfach nicht ab, eine Frau zu sein, sie wirkte nur wie ein Freak. Und das war ihr höchstes Unglück – sie wurde nicht als Frau behandelt, keiner machter ihr den Kavalier und Gentleman, und darunter litt sie – so sehr, dass sie psychologische Hilfe in Anspruch nehmen musste.

Was sich hier am Beispiel der Transsexualität zeigt, ist, dass genau das, was von Feministen verteufelt wird, nämlich, dass man geschlechtsspezifisch gelesen, und in der Folge auch geschlechtsspezifisch behandelt wird, eine Notwendigkeit für psychische Gesundheit ist. Frau und Mann bleiben gesund, wenn wir sie als Frau und Mann lesen und so behandeln. Und so sind die Fronten: Hier Feministinnen, die sich dagegen verwahren, als „weiblich“ gelesen zu werden, weil dies „Diskriminierung und Sexismus“ sei, dort Transsexuelle, die von nichts anderem träumen, als genauso behandelt zu werden, wie es ihrer geschlechtsspezifischen, psychischen Situation entspricht. Ein Feminismus, der alle Geschlechtermerkmale oder -stereotype aufheben will, ist nicht nur krank, er ist auch krankmachend.

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3 Gedanken zu „Sind wir darauf angewiesen, richtig "gelesen" zu werden?

  1. ClaudiaBerlin

    Hallo Jüngling,

    den Artikel finde ich sehr gelungen, weil er wirklich argumentiert und Beispiele für Behauptungen bringt. So wünsche ich mir eine angenehme Debattenkultur!

    Mit einem Ausrutscher allerdings.

    „ich schrieb bereits einmal, dass Problem der Feministen ist nicht, dass Männer so böse, gewalttätig und schlecht sind, das Problem ist, dass Männer zu gut sind, und der ganze Feminismus ist im Grunde eine Revolte gegen die eigene Selbstverachtung, wie es einmal ein Maskulist ausdrückte.“

    Ich hätte ja nicht geglaubt, dass es reflektierte Männer gibt, die noch ernsthaft die Meinung vertreten, Männer seien irgendwie grundsätzlich BESSER als Frauen. (Auch im umgekehrten Fall kritisiere ich das).

    Dass du diese Meinung „den Feministen“ unterstellst, wirft die Frage auf, wie dein Begriff „Feministen“ zu verstehen ist. Bezieht er sich auf Männer, die sich als Feministen verstehen? Oder sprichst du im generischen Maskulinum und FeministINNEN sind mitgemeint? Je nachdem wäre der Absatz durchaus anders zu verstehen.

    Nun aber zu deinem Transfrau-Beispiel: Ich denke nicht, dass es zum Beweis deiner These (die viel für sich hat) taugt. Denn es ist – so verstehe ich die Transfrauen mit „schlechtem Passing“ – ja nicht der schlichte Mangel an männlicher Aufmerksamkeit oder an „weiblich gelesen werden“ allgemein. Sondern wie du selbst sagst: Sie werden ALS FREAK betrachtet – und DAS ist es, was verletzt!

    Es ist demütigend, so „nackt“ vor den Menschen zu stehen und die Mangelhaftigkeit der weiblichen Performance nicht verbergen zu können. Frau lebt weiter in einem auffälligen, defizitären (weil phänotypisch zu männlichen) Körper – und die Blicke der Anderen machen die „Freakshow“ auch noch ständig bewusst!

    Glaubst du wirklich, in so einer Situation geht es vornehmlich um mangelnde Flirts und dergleichen?

    Zu deiner These: ich finde das mit dem „weiblich gelesen“ etc. auch gelegentlich übertrieben. Menschen mit „komplizierten“ Geschlechtern sind nun mal eine kleine Minderheit. Diese Minderheit sollte sich nicht dadurch persönlich angegriffen fühlen, dass die große Mehrheit weiterhin Frauen und Männer sieht – und je nach eigenem Frauen- und Männerbild auch so behandelt.

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  2. uepsilonniks

    Hallo Claudia,

    Hallo Jüngling,

    ich bin nicht der Jüngling, mein Blog ist diesem lediglich gewidmet.

    Ich hätte ja nicht geglaubt, dass es reflektierte Männer gibt, die noch ernsthaft die Meinung vertreten, Männer seien irgendwie grundsätzlich BESSER als Frauen. (Auch im umgekehrten Fall kritisiere ich das).

    Ich halte Männer nicht für besser – außer vielleicht in der Disziplin Stehpinkeln. Es ist aber auffällig, dass im Feminismus Männer einerseits dämonisiert werden (Männer sind zu schlecht) auf der anderen Seite eine Politik der Vermännlichung von Frauen verfolgt wird. Männer werden im Krieg verheizt und studieren Naturwissenschaften, also fordern Feministen den Dienst an der Waffe für Frauen und versuchen die Mädchen für die MINT-Fächer zu begeistern (Männer sind zu gut).

    Von Feministen spreche ich im generischem Maskulinum. Wenn ich Männer meine sage ich das auch: „Männliche Feministen lassen sich von Feministinnen schlecht behandeln“.

    Deine Ausführungen zu meinem Beispiel mit den Transsexuellen überzeugen mich nicht. Es ist nicht allein der Umstand, dass man wie ein „Freak“ wirkt, es wird auch als Leidensdruck empfunden, wenn man als Transfrau (vor einer Geschlechtsumwandlung) als ganz normaler Mann durchgeht und entsprechend behandelt wird. Wegen dieses Leidensdruck wird ja auch so ein krasser Eingriff wie eine Geschlechtsumwandlung ja erst vorgenommen.

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  3. Frank Thiele

    Liebe Claudia,

    obwohl ich mich als durchaus reflektiert sehe, glaube ich schon, dass Männer in weit mehr Bereichen als beim Stehpinkeln grundsätzlich (statistisch) BESSER sind als Frauen.

    Dafür gibt es viele Gründe, einer ist z.B. die Verteilung der Intelligenz. Zwar sind beide im Durchschnitt etwa gleich intelligent, aber bei den Extremen, dumm wie schlau, sind Männer stärker vertreten. Dafür gibt es viele Quellen, hier z.B. zwei:
    https://www.mensa.ch/de/category/semantic-tags/iq-faq

    http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/intelligenz-mythen-im-check-zwischen-klischee-und-wahrheit-a-897751.html

    Weitere Gründe sind z.B. Hormone (insb. Testosteron), gesellschaftliche Prägung, Mutterschaft oder Balzverhalten.

    Jungen, schönen Frauen liegen andere Menschen zu Füßen genauso wie erfolgreichen Männern, die typischer weise mindestens mittelalt sind.

    Ohne eine Statistik zur Hand zu haben vermute ich, dass 90% der Besteiger des Mount Everest Männer sind. Obwohl Frauen dazu genauso in der Lage sind.

    Gründer großer, erfolgreicher Unternehmen sind fast immer Männer. Für Selbständige gibt es keine gläserne Decke als Erklärung.

    Männer sind (im Durchschnitt) risikobereiter, konfliktfreudiger, wettbewerbsorientierter, machtbewuster und verbissener als Frauen, die im Zweifel schon wegen der Kinder zurückfallen.

    Extremleistungen – im Guten wie im Schlechten – werden meistens von Männern erbracht.

    An guten Gegenargumenten bin ich sehr interessiert.

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