Argumentieren – aber richtig!

Eigentlich müsste es ganz einfach sein: Wir tauschen unsere Argumente aus, die der Wahrheit verpflichtet sind, widerlegen die falschen Ansichten, kommen zu einem Ergebnis, sind uns einig, und die ganze Welt lebt in Frieden.

So ist es leider nicht. Jeder verfügt über seine ganz eigene Wahrheit und ist so gut wie nie gewillt, sie aufzugeben. Aus diesem Grund ist es wichtig, wenn man für seinen Standpunkt argumentiert, dies in der richtigen Weise zu tun und dabei die Psychologie der Meinungsbildung zu berücksichtigen. Denn es gibt psychologische Effekte, die die Meinungsbildung beeinflussen, und bei denen auch Fakten nicht weiterhelfen.

Eine berühmtes Beispiel ist ein Experiment, in welchen die Probanden aufgefordert wurden, in einem Sportvideo die Ballwechsel zu zählen, die die Mannschaft erreichte. Mitten im Video lief ein Gorilla ins Bild, machte eine Pose und lief auf der anderen Seite wieder hinaus. Als jetzt die Testpersonen gefragt wurden, ob sie irgendwas „Ungewöhnliches“ im Video bemerkt hätten, antwortet die Mehrheit mit: „Nein“. Das ist die Folge dessen, wenn man seine Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Umstand richtet: Alles andere wird ignoriert. Das lässt sich auch auf die Geschlechterdebatte übertragen: Feministinnen glauben, dass wir in einem „Patriarchat“ leben, welches Männer bevorzugt. Die Gorillas hier, die von Feministinnen nicht bemerkt werden, sind, dass Männer die Mehrheit der Selbstmörder stellen wie die der Obdachlosen und zudem Jahre eher sterben als Frauen, ein Indikator für strukturelle Benachteiligung. Diese „Gorillas“ werden von Anhängern der Patriarchatstheorie nicht gesehen, womit sie an ihrem Weltbild des scheinbar bevorzugten Mannes festhalten können.

Ein weiteres Beispiel: In einem Versuch wurden den Testpersonen verschiedene Bilder gezeigt, darunter eines, in welchem ein Schwarzer und ein Weißer zu sehen war, wobei der Weiße ein Messer in der Hand hielt. Als die Probanden zu den Bildern befragt wurden, stellte sich heraus, dass diejenigen mit rassistischen Vorurteilen dazu neigten, sich zu „erinnern“, dass der Schwarzer das Messer in der Hand hielt. Die bereits stehende Meinung und Vorurteile beeinflusste die Wahrnehmung so sehr, dass sie einen „betrog“.

Mit anderen Worten: Wenn man richtig argumentieren und vor allem überzeugen will, dann ist es wichtig, die psychologischen Anteile im Meinungsbildungsprozess zu berücksichtigen. Im Folgenden lege ich ein paar Punkte dazu dar. Das basiert im Wesentlichen auf ein anderes Dokument zu einer anderen Debatte.

Um mit Erfolg zu argumentieren sollte man vier zentrale Punkte beachten:

– Zentrale Fakten: Um ein Gerücht zu widerlegen, sollte man sich nicht auf dieses konzentrieren, sondern stattdessen auf die Fakten.

Wenn man falsch vorgeht, erreicht man das Gegenteil dessen, was man will.

Im Idealfalls nennt man das Gerücht gar nicht erst, was natürgemäß schwierig ist, wenn man es widerlegen will. Du solltest mit der Betonung der Fakten starten und dann erst das Gerücht nennen.

– Eindeutige Warnungen: Wenn Du dann auf das Gerücht zu sprechen kommst, solltest Du vorher davor warnen, dass nun eine Falschinformation folgt. Ansonsten kann sich die falsche Überzeugung des Lesers verstärken – wir tendieren dazu, an Vertrautes, auch wenn es falsch ist, eher zu glauben als an etwas Neues.

Vermeidung der Informationsüberladung: Allgemein geht man davon aus, dass im Argumentieren das Prinzip gilt: Umso mehr, desto besser. Tatsächlich verhält es sich ganz anders rum: Weniger ist besser. Beim Argumentieren sollte man sich deshalb auf drei gute Argumente konzentrieren anstatt auf zehn. Eine Informationsüberladung führt dazu, dass die Überzeugung an die Falschinformation noch gestärkt wird. Das liegt daran, dass es einfacher ist, wenige, einfach verständlich vorgetragene Informationen zu verarbeiten als viele komplexe:

Lieber wenige Fakten als zuviele.

– Alternative Erklärungen anbieten: Wenn man ein Gerücht ausgeräumt hat, entsteht eine Lücke. Es ist wichtig, diese Lücke durch einfache (siehe oben) Fakten und Argumente zu füllen, welche abdecken, was vorher durch das Gerücht erklärt wurde. Bei einem Experiment wurden die Testpersonen mit einem Bericht über einen fiktiven Lagerhausbrand konfrontiert. Dort war die Rede von Ölfarben, welche an dem Brand beteiligt waren – allerdings wurde später klargestellt, dass dies eine Fehlinformation war. Als die Testpersonen später befragt wurden, wie es zur starken Rauchentwicklung kam, wurden überdurchschnittlich oft die Ölfarben als Ursache angegeben – und das obwohl die Testpersonen in der vorhergehenden Befragung bestätigten, dass sie die Fehlinformation als falsch registriert hatten. Wurde hingegen eine alternative Erklärung angeboten – hier: Es waren Brandbeschleuniger beteiligt – wurde die falsche Erklärung der Ölfarben weit seltener genannt.

– Grafiken: Das Sprichwort „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“ trifft zu. Wie Studien zeigen sind erklärende Grafiken weit besser als Argumentationsträger geeignet als ein Text. Wenn Du dein Argument als Grafik darlegen kannst, dann tu das.

Im Folgenden ein Beispiel:

Eine Frau, die wie ein Mann arbeitet, erhält auch den Lohn wie ein Mann (Die zentrale Aussage wird im Titel genannt)

Eine Frau, die in derselben Branche mit derselben Berufserfahrung die gleiche Tätigkeit wie ein Mann ausübt, verdient auch soviel wie ihr männlicher Kollege. (Ein zentrales Fakt wird genannt)

Der falsche Mythos (es wird vorgewarnt, dass nun eine Falschinformation folgt) dass Frauen für die gleiche Arbeit ungleich bezahlt werden, ist darauf zurückzuführen, dass in solchen Studien das Durchschnittseinkommen aller Frauen mit dem aller Männer verglichen wird. Dass aber Frauen im Schnitt weniger verdienen als Männer, liegt daran, dass Frauen weitaus häufiger in Teilzeit arbeiten und zudem häufiger Berufe mit schlechterer Bezahlung wählen. So sind solche Studiengänge mit geringen Verdienstaussichten wie Philosophie oder Soziologie von Frauen dominiert, während einkommensträchtige Studiengänge wie Ingenieurswesen von Männern belegt werden. (Es wird eine alternative Erklärung angeboten, die die Lücke füllt)

Zum Schluss: Man sollte sich an solche Menschen halten, die noch für Argumente empfänglich sind. Jemanden mit Fakten und Argumenten zu konfrontieren, dessen Ansichten bereits gefestigt sind, reagiert darauf negativ: Er verstärkt seine Überzeugung noch, wie Studien zeigen.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Argumentieren – aber richtig!

  1. Pingback: Fundstück: Mit Fakten gegen Gerüchte | Geschlechterallerlei

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s