Billy Coen über Vaterliebe

Der Kommentar ist so wertvoll, dass ich ihn hier noch mal eigens reblogge. Es handelt sich um eine Antwort auf ein feministisches Statement, in welchem u.a. diese These geäußert wurde: „Es war nun mal Fakt, dass die Mehrheit der Trennungsväter sich gar nicht für die Kinder interessierten, sondern eher dafür, so wenig wie möglich Unterhalt zu zahlen.“:

„Dass das vor dem Hintergrund heutiger Gegebenheiten dysfunktionale bis menschenverachtende Scheidungs- und Sorgerechtssystem historisch gewachsen ist, dürfte auch im Kreise der hier vorherrschenden „Menosphere“ als Binsenweisheit anzusehen sein. Natürlich gehen Dinge wie Ehegattenunterhalt und Zuschreibungen „das Kind gehört zur Mutter“ auf Zeiten zurück, in denen es in Familien weit stärkere geschlechtsgebundene Rollenzuschreibungen gab. Die Frau kümmerte sich um Haus und Kinder und der Mann schaffte das Geld ran.

Allerdings finde ich, dass du, obwohl du nach meinen Eindrücken aus deinen Kommentaren zu den deutlich reflektierter denkenden Vertreterinnen feministischer Ansätze gehörst, in diesem Punkt leider selbst retrospektive Ressentiments internalisiert hast, die nach meiner Meinung vor allen Dingen daher rühren, dass die „Geschlechterdebatte“ schon in ihren Anfängen bedingungslos frauenzentriert war und nur aus dieser Sicht analysiert wurde.

Die Behauptung, dass sich in früheren Zeiten Männer einfach nur weniger für ihre Kinder interessiert haben und sich nicht um sie kümmern wollten, halte ich für eine schon geradezu infame Darstellung, die leider über die bekanntlich medial massive Diskurshoheit des Feminismus‘ stark in der gesellschaftlichen Wahrnehmung verwurzelt ist. Dabei halte ich persönlich diese Darstellung des früheren Mannes, dem seine Kinder weitgehend egal waren, für geradezu weltfremden und hochgradig zynischen Geschichtsrevisionismus. Zumindest erschließt es sich mir nicht, wenn man bedenkt, mit wie viel Liebe und Hingabe sich viele Väter um ihre Kinder kümmern, warum Männer noch vor wenigen Jahrzehnten nicht dieselben dieses Handeln befördenden Gefühle aufgebracht haben sollen. Wir reden hier von zwei bis drei Generationen, was evolutionär absolut null Komma gar nix ist.

Die Wahrheit dürfte sein, dass auch schon damals die erdrückende Mehrheit der Männer ihre Kinder über alle vorstellbaren Maßen hinaus geliebt haben. Es waren aber eben die, natürlich aus heutiger Sicht nur mal wieder „die armen Frauen unterdrückenden“ Strukturen, die dafür sorgten, dass diese Männer ihre Liebe zu ihren Kindern diesen kaum bis gar nicht darlegen konnten abseits davon, dafür zu sorgen, dass sie immer ein Dach über dem Kopf und etwas zu Essen in der Küche hatten. Aber selbst das wird ihnen aus feministischen Kreisen rückblickend auch nur als weiterer Akt patriarchaler Unterdrückung ausgelegt: Sie ließen ihre Frauen mit den Kindern allein und in umfänglicher finanzieller Abhängigkeit in der Wohnung versauern, während sie sich in die abenteuerliche Welt der Erwerbsarbeit zurückzogen (also in so spaßige Dinge wie 12-Stundenschichten in Fabriken oder auf Baustellen).

Ich denke diese sehr kritische bis vernichtende Haltung den „früheren Vätern“ gegenüber stellt ein geradezu essentielles Beispiel für die einseitige analytische Sicht auf Geschlechterthemen dar, wie sie Lucas in seinem Text, für mich vollkommen korrekt, als unzureichend und potentiell gar schädlich darstellt. Die Leistungen die früher Männer erbrachten, um, ebenfalls in festen Rollen gefangen, ihren Frauen und Kindern ein halbwegs passables Leben zu ermöglichen, werden schlank umgedeutet in Unterdrückung der Frauen, weil man sie so finanziell abhängig machte (mal ganz davon ab, dass damals vielen Frauen die beruflichen Bedingungen ihrer Männer bekannt waren und sie mit dieser Rolle vor dem Hintergrund eben dieser Alternative mehr als zufrieden waren) und, was ich schon in perverser Weise menschenverachtend finde, in Desinteresse gegenüber ihren eigenen Kindern. Der Vorteil an derartigem einseitigem Geschichtsrevisionismus ist nun mal leider, dass diejenigen, über die dort derart herablassend und entmenschlichend geurteilt wird, zu annähernd 100 % schon lange tot sind und gar nicht mehr die Möglichkeit haben, ihre Sicht der Dinge noch darzulegen, auch wenn ich bezweifle, dass ihnen verwöhnte hysterische Third-Wave-Femi-Gören überhaupt zuhören würden, diesen ganzen alten, weißen, heterosexuellen Männern.

Nur mal so als Beispiel: die Gewerkschaftskampagnen „am Samstag gehört mein Papa mir“ waren keine originär feministischen Kampagnen, auch wenn sie sich der Feminismus retrospektiv gerne einverleibt (auch hier mal wieder Stichwort „Geschichtsrevisionismus“). Gestartet wurden die Kampagnen von Gewerkschaften mit fast 100 % Männeranteil (vornehmlich Industriegewerkschaften, die also für Berufe zuständig waren, in denen Frauen selbst heute noch eine verschwindende Minderheit darstellen) und sie kamen daher, weil eben auch früher schon die Väter einfach die Schnauze voll davon hatten, dass sich für sie Familienleben, wenn überhaupt, nur auf einen einzigen Tag in der Woche beschränken sollte.

Auch die Darstellung der „Tausenden von Männern“ die sich ihrer Verpflichtungen beständig entzogen haben, geht in die Richtung einer sträflich einseitigen Sicht der Sachlage. Zum einen stellen „Tausende“, auch wenn das erst einmal nach geradezu epidemischen Ausmaßen klingen mag, in einer Bevölkerungsgröße im zweistelligen Millionenbereich nur eine Menge dar, die selbst unter Promilleangaben nur zu Veränderungen irgendwo hinter dem Komma sorgen. Und zum anderen standen und stehen derlei Rabenvätern auch schon immer eine vergleichbare Größe von Rabenmüttern gegenüber. Und / oder Mütter, die durchaus wissentlich und willentlich die mit den „tausenden von Vätern“ begründeten Rechtslagen ausnutzen um, als Rache für eine gescheiterte Beziehung, liebende Väter fundamental zu vernichten. Dennoch käme nie jemand auf die Idee, diese „Tausende von Müttern“ als Exempel heranzuziehen, sie mit großer Lust auf die Gesamtheit der Mütter zu extrapolieren, um damit sich klar gegen die Menschenrechte von Frauen richtende Gesetze und Rechtsprechungspraktiken zu erklären oder gar zu legitimieren (letzteres will ich dir ausdrücklich nicht in die Schuhe schieben). Wenn es aber um die „kritische Auseinandersetzung“ mit Männer und Männlichkeit geht, sind derlei „Analysepraktiken“ die erkennbare Regel.“

6 Gedanken zu „Billy Coen über Vaterliebe

  1. Stadtmensch

    Hi Ueps,
    in absoluten Zahlen überweisen natürlich mehr Männer als Frauen keinen Unterhalt für ihre Kinder, allein schon, weil die Familiengerichte im Scheidungsfall die gemeinsamen Kinder überwiegend der Mutter zusprechen. Relativ gesehen sieht das ganz anders aus. Da sind Unterhaltspreller auf der männlichen Seite die Ausnahme (bezogen auf die Masse der unterhaltspflichtigen Männer), während die meisten der Mütter, die die gemeinsamen Kinder beim Vater leben lassen, hochgradig unterhaltssäumig und der Normalfall sind. Ich bin einer der seltenen alleinerziehenden Väter. Auf Unterhalt für die Tochter angesprochen, hieß es von der Kindsmutter lapidar »Du kriegst doch Kindergeld« (von der Familienkasse). Auf einen quälend langen Gerichtsprozess hatte ich damals keinen Bock und wir sind ja auch ohne sie zurechtgekommen. So war’s für uns beide stressfreier.

    Beste Grüße,
    Stadtmensch

    Antwort
    1. Mario

      Kann ich nicht ganz nachvollziehen. Inwiefern sollte der Gerichtsprozess quälend lang ausfallen? Nach meinem Rechtsverständnis ist die Sachlage doch eindeutig. Gut, ich bin ja auch keine Feministin. ;-)

      Ich hätte auf jeden Fall nicht klein beigegeben, zumal vermutlich auch staatlich unterstützte anwaltliche Hilfe möglich sein dürfte. Und wieso sollte man das die Folgen eines gemeinsamen Vergnügens (Kind und der daraus folgende Unterhalt) der Allgemeinheit aufbürden.
      Salopp formuliert. Zum Poppen gehören mindestens zwei. Und wer Kinder in die Welt setzen kann, kann auch dafür zahlen. Das trifft auf die meistens zahlenden Männer zu, auf Frauen aber nicht weniger.

      Antwort
  2. Stadtmensch

    Hi Mario,
    das war damals eine rein emotionale Entscheidung. In dieser Situation war ich einfach nur froh, die Alte von der Backe + meine Ruhe zu haben. Den umgekehrten Fall gibt es ja durchaus auch. Ich kenne Ex-Ehepaare, die noch Jahre und Jahrzehnte um irgendwelchen Firlefanz streiten (meistens gemeinsame Güter), ihre Kinder damit stressen usw. – da kommt man schon mal darüber ins Grübeln, ob der wechselseitige Kleinkrieg die ganzen Nervereien mit Anwälten, Richtern etc.pp. sinnstiftend ist.

    Ich gebe zu, in die zügige Verhandlungsabwicklung der Familiengerichte in solchen Dingen hatte ich damals keinerlei Vertrauen. Formaljuristisch falsch, aber emotional die stressfreiere Variante. Es gibt ja noch ein Leben außerhalb der Gerichtssäle und Aktendeckeln, so dachte ich das.

    Grüße,
    Stadtmensch

    Antwort
  3. Billy Coen

    Hey, da hab ich aber gar net mein Einverständnis zu gegeben… ;)

    Nee, nur Spaß. Danke für das Vollzitat. Fühle mich geehrt, auf deinem Blog mit nem Quasi-Gastartikel aufzutauchen.

    Beste Grüße!

    Antwort

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