Alltagserfahrungen (3)

Morgentoilette, das Radio läuft. Angekündigt wird ein Beitrag über eine junge Mitarbeiterin bei irgendeinem Blatt, die jüngst ihr Germanistikstudium abgeschlossen hat und nun als hoffnungsvoller Nachwuchs der deutschen Dichter und Denker ihr erstes Werk vorstellt. Ich denke „Bitte keine Feministin, bitte keine Feministin“, aber *ach*, *seufz*, es geht in ihrem Buch um starke Frauen. Mehr muss ich nicht wissen, ich schalte das Radio ab.

Etwas später sitze ich im Wartezimmer meiner Ärztin und nutze die Möglichkeit, kostenlos im ehemaligen Nachrichtenmagazin zu blättern. Zügig komme ich zu einem Artikel, der als Thema die erste Frau als Vorsitzende der SPD behandelt, ein historisches Ereignis also und ich bin entsprechend gelangweilt.

Der Autor ist ganz nah dran an Andrea Nahles und begleitet die neue Chefin der SPD ins Willy-Brandt-Haus. Vorbei geht’s an den Porträts ihrer Vorgänger. Ich halte inne und denke mir: „Jede Wette, jetzt kommt Männerbashing.“ Ich lese weiter, und meine Vorhersage erfüllt sich zumindest teilweise: Freundlich gesprochen wird über die Giganten der SPD wie Helmut Schmidt nicht, aber auch nicht besonders abwertend, und das obwohl es sich um alte weiße Männer handelt, ein bisschen Beißhemmung gibt es da noch. Ja, sie seien halt Vergangenheit, schwarz auf weiß, Männer die „streng gucken“. Der Autor ist begeistert: „Wow, es beginnt eine neue Zeit“.

Nein, das Abwerten von Männern ist nicht neu, es ist jahrhundertealt, werter Spiegelautor. Und wenn man den Niedergang der SPD aufhalten will, wäre die neue Vorsitzende gut beraten, sich auf die Werte dieser alten, weißen Männer, die die SPD groß gemacht haben, zurück zu besinnen, anstatt sie zu verachten. Das gilt genauso für den SPIEGEL.

Aber gut, damit habe ich genug kostenlos im ehemaligen Nachrichtenmagazin gelesen. Ich lege es beiseite und greife mir ein Buch, das ich mir für diese Gelegenheit als Zeitvertreib mitgebracht habe.

2 Gedanken zu „Alltagserfahrungen (3)

  1. Siggi

    > „Bitte keine Feministin, bitte keine Feministin“, aber *ach*, *seufz*, es geht in ihrem Buch um starke Frauen.

    Geht mir genauso. Und auch das Ergebnis ist immer das gleiche…

    Die angeblichen Opfer des Patriarchats sind Überall präsent. Wegen der ständigen Unterdrückung wahrscheinlich.

    Antwort

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