Ist George Orwells „Farm der Tiere“ eine Kritik am Kommunismus?

George Orwells „Farm der Tiere“ wird von neoliberalen Kapitalismusfans gerne als die Kritik am Kommunismus schlechthin gefeiert. Die Geschichte beginnt mit einer Despotie auf einem Bauernhof. Die Tiere dort haben auf’s Ärgste unter der brutalen Ausbeutungsherrschaft durch einen Menschen zu leiden. Eines Tages erheben sich die Geknechteten und verjagen den Tyrannen vom Hof. Nach der Revolution etabliert sich dann aber langsam eine Herrschaft durch die Schweine, welche noch schlimmer ausfällt. Am Ende beobachten die Tiere die neuen Machthaber durch ein Fenster, wie sie mit Menschen zusammensitzen und können nicht unterscheiden wer Mensch ist und wer Schwein – die neuen Despoten sind wie die alten. „Farm der Tiere“ erzählt also nicht von einer geglückten Revolution, einer gelungenen Befreiung sondern von einer gescheiterten.

Dieses Märchen wird oft als eine Parabel zur kommunistischen Revolution in Russland angesehen, auch dort hatten die Menschen unter Stalin noch mehr zu leiden als unter den Tyrannen, welche mit der Revolution überwunden worden waren. Tatsächlich ist es mir schon mehrmals passiert, dass mir ein Neoliberaler vorrechnete, dass die eine Despotie immer noch besser war als die andere. Na, dann ist’s ja gut!

So stellt die Parabel dann auch keine Kritik am Kommunismus dar, sondern nur an einer Tyrannei, die durch eine andere ersetzt wurde – eine Pervertierung der Ideale der Revolution. Besonders schön lässt sich das am Manifest der Tiere veranschaulichen: Dort wird festgeschrieben wer Freund und wer Feind ist, und dass die Tiere die Sitten der Feinde meiden sollen, wie etwa in Betten zu schlafen, Alkohol zu trinken oder andere Tiere zu töten. Mit am wichtigsten ist Punkt 7 in der Erklärung:

Alle Tiere sind gleich.

Dass die Revolution gescheitert ist, zeigt sich dann eindrucksvoll daran, dass dieser Punkt umgeschrieben wird zu:

Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.

Die neuen Machthaber legitimieren durch diese Pervertierung des Ideals der „Gleichheit“ – welches man besonders gut aus der französischen Revolution kennt – ihre eigene, neue Tyrannei. Und nicht nur das: Weiterhin treiben sie Handel mit dem Feind, trinken Alkohol, schlafen in Betten und lassen andere Tiere töten – die Revolution frisst ihre Kinder. Zu dem Vergleich mit dem real existierenden Russland könnte man dasselbe sagen: Es wurde eine Despotie durch sich selbst abgelöst, eine Variante der kapitalistischen Ausbeutung durch eine andere. Die Sowjetunion lebte keinen Kommunismus sondern einen Staatskapitalismus: Die Eigentumsrechte an den Produktionsmitteln lagen nicht bei der Arbeiterklasse – wie sich das Marx und Engels gedacht hatten – sondern beim Staat bzw. dem Regime. Es handelte sich sowohl bei der „Farm der Tiere“ als auch bei der Sowjetunion um eine Pervertierung einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft.

Die Verfilmung dieses Märchens endet mit einer zweiten Revolution und vielleicht machen es die Tiere diesmal besser, haben aus der bitteren Erfahrung gelernt und stellen die Ideale der Revolution – Alle Tiere sind gleich – wieder her. In der Realität lässt sich das wohl nicht verwirklichen, denn niemals dürfen es die herrschenden Eliten zulassen, dass es irgendwo ein sozialistisches Land gibt, in dem die Menschen gut und gerne leben.

Ein Gedanke zu „Ist George Orwells „Farm der Tiere“ eine Kritik am Kommunismus?

  1. only_me

    „„Farm der Tiere“ erzählt also nicht von einer geglückten Revolution, einer gelungenen Befreiung sondern von einer gescheiterten.“

    Nein, „Farm der Tiere“ erzählt die Geschichte, warum jede kommunistische Revolution scheitern muss:
    Es gibt in jeder Revolution egoistische Arschlöcher, die skrupelloser sind als jene, unter deren Federführung die Revolution vielleicht, vielleicht, vielleicht funktionieren könnte, so dass erstere letztere in Null,nichts um die Ecke bringen.

    So sind Menschen. Mindestens solange Hypergamie ein Ding ist, wird sich daran nichts ändern.

    Dass Kommunismus allein schon daran scheitern muss, dass die Hälfte der Menschheit unter „fair“ versteht, dass jeder so viel kriegt wie er leistet (statt so viel wie alle anderen), steht noch auf einem anderen Blatt.

    Antwort

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