Konnte der Mann der Frau verbieten, arbeiten zu gehen?

Ein Kommentar, zu wertvoll, um ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Wider die Legende der Jobkündigung bis 1975:

„Bis 1976 konnte zum Beispiel der Ehemann zum Chef seiner Frau gehen und sagen, hiermit kündige ich ihre Stelle, die macht ihren Haushalt nicht ordentlich.“ (A.S.)
Wer das betreffende Gesetz liest, stellt fest, dass der Mann das nicht konnte. Er konnte, lt. Gesetz, zum Gericht gehen, und die Kündigung des Jobs beantragen*1, also nicht unmittelbar kündigen.

Wer aber nicht nur das Gesetz liest, sondern auch das Grundgesetz und zudem weiß, dass das GG seit Anfang der 50er nicht nur in Kraft ist, sondern unmittelbar geltendes Recht ist und die anderen Gesetze sticht, der weiß auch, dass dieses Recht von Beginn der Bundesrepublik an grundgesetzwidrig war.

Die BRD hat bei ihrer Gründung das BGB der Weimarer Zeit en bloc übernommen, wissend, dass darin manches grundgesetzwidrig ist, aber als Provisorium war das nach der Nazizeit ein Anfang. Man konnte nicht alle Paragraphen (über 1000) mal schnell eben an die neue Rechtslage anpassen. Aber schon die ersten Kommentare zum BGB, beispielsweise der normativ geltende Palandt, wiesen darauf hin, dass dieser Paragraph angesichts des GG keinen Bestand mehr habe.

Das war Allgemeinwissen unter Juristen – nur zu den Feministinnen hat es sich bis heute nicht rumgesprochen. Je länger es her ist, um so häufiger wird die Legende verbreitet.

Siehe auch: Falschaussage (Geschichtsfälschung): Frauen durften in Deutschland bis 1977 nicht ohne die Erlaubnis des Ehemannes arbeiten.

——-

*1 Wenn die Frau über die Arbeit ihre häuslichen Pflichten vernachlässigte (Anm. uepsilonniks)

[Nachtrag] Trotz der ewigen Klage der Feministen darüber, konnte mir keiner auch nur einen Fall nennen, in dem eine Ehefrau malochen wollte, ihr Mann ihr das aber erfolgreich mit Hilfe eines Gerichts verbieten konnte; bitte in den Kommentare, wenn Sie so einen Fall kennen.

[Nachtrag 2] Siehe Kommentare.

6 Gedanken zu „Konnte der Mann der Frau verbieten, arbeiten zu gehen?

  1. Kibo

    Der seit 1958 nicht mehr existierende § 1358 des BGB räumte die eher theoretische Möglichkeit ein, dass der Ehemann beim Vormundschaftsgericht beantragt den Arbeitsvertrag der Ehefrau zu kündigen, wenn „die Thätigkeit der Frau die ehelichen Interessen beeinträchtigt„. Es ist kein einziger Fall bekannt, wo ein Ehemann auch nur versucht hat, diesen Antrag zu stellen. Fakt ist aber auch, dass der Paragraph 1358 des BGB bereits 1958 ersatzlos gestrichen wurde. Martin Rath hat dies in seinem Artikel Ver­län­gertes Haus­frau­en­leid durchs Gleich­be­rech­ti­gungs­ge­setz? sehr gut dargestellt.

    Kaum eine populäre Darstellung des Gleichstellungsgesetzes von 1957 kommt jedoch ohne den Hinweis aus, dass erst im Jahr 1977 eine ausschließliche Pflicht der Ehefrau, den Haushalt zu versorgen, abgeschafft worden sei.

    Gern wird dabei nahegelegt, bis 1977 sei es dem Gatten möglich gewesen, seiner Ehefrau die Aufnahme oder Fortführung eines Arbeitsvertrags zu verbieten, diesen gegen ihren Willen zu kündigen. Im „Breitbart“ für die akademisch gebildete Feministin heißt es beispielsweise zur Reform von 1977:

    „Mit der Eheschließung war Frau Schlunz gesetzlich ‚zur Führung des Haushalts verpflichtet‘. Berufstätig durfte sie nur sein, wenn sie ‚ihre familiären Verpflichtungen nicht vernachlässigt‘. Fand der Ehemann, das sei der Fall, konnte er die Stelle seiner Frau kündigen, ohne sie auch nur zu fragen.“

    Ein Blick ins historische Gesetz zeigt: § 1358 BGB erlaubte es tatsächlich bis zum 1. Juli 1958 dem Ehemann, Dienstverträge seiner Frau zu kündigen, allerdings nur, „wenn er auf seinen Antrag von dem Vormundschaftsgerichte dazu ermächtigt worden ist“. Bereits der Gesetzgeber des Jahres 1896 hatte den Ehemann also nicht in völlige selbstherrliche Verfügungsgewalt über die Arbeitskraft seiner Frau gesetzt. Diesen § 1358 BGB hob das Gleichstellungsgesetz vom 18. Juni 1957 auf, nicht erst die nächste große Eherechtsreform von 1977.

    Die ganze Beweislast für die Behauptung, Männer hätten bis 1977 ihre Gattinnen aus den Arbeitsverträgen kündigen können, trägt daher die Haushaltsführungsnorm, § 1356 Abs. 1 BGB. Ihr Wortlaut zwischen dem 1. Januar 1900 und dem 1. Juli 1958:

    „Die Frau ist, unbeschadet der Vorschriften des § 1354, berechtigt und verpflichtet, das gemeinschaftliche Hauswesen zu leiten.“

    Das Gleichberechtigungsgesetz 1957 formulierte die bis 1977 geltende Fassung:

    „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.“

    Datenbankrecherchen zu einer gerichtlichen Entscheidung, die die Kündigung des Arbeitsvertrages einer Frau durch ihren Gatten, sei es auf der Grundlage des § 1356 Abs. 1 BGB von 1900 oder 1958 bestätigten – oder auch nur als Tatbestand behandelten – blieben ergebnislos. Gleichwohl heißt es selbst noch in der öffentlich-rechtlichen Kolportage, der Sieg über das Patriarchat sei 1977 errungen worden.

    Im stets unsicheren Zeitzeugenurteil wird das Bild einer in den 1950er Jahren noch inferioren Frau gezeichnet, beispielsweise unter dem Titel „Als der Mann noch gottgleich war“. 50 Jahre nach Inkrafttreten des Gleichstellungsgesetzes vom 18. Juni 1957. Ein Beleg für Unterdrückung soll hier etwa die mangelnde Kontoführungskompetenz der Hausfrau geben. Passt das?

    Bis zur flächendeckenden Einführung des Girokontos, die erst in den 1960er Jahren erfolgte, wurde das Familieneinkommen in Bargeld verwaltet, regelmäßig von nur einem der Eheleute. Zeitzeugenschaft mag empirisch für die Katz sein, aber den Satz: „Alles, was mit wirtschaftlichen, finanziellen Dingen zu tun hatte, war meine Sache“, hört und liest man für diese Epoche wirklich selten aus dem Mund eines Mannes – auch im hier verlinkten Artikel ist es der einer Frau.

    Doch natürlich muss die – oftmals, zumeist nahezu immer vollständige? – Hoheit der Ehefrauen über das Bargeld der Familie im Zeitalter vor dem Girokonto herabgemindert werden auf ein: „Autorität übten die Frauen nur im Binnenverhältnis der Ehe aus“, damit das Bild vom patriarchalen Horror des bürgerlichen Rechts nur keine Brüche bekommt.

    Die – unbestritten – antiquierte Regelungen zur Haushaltsführung sowie die zwischen dem 1. Januar 1900 und dem 30. Juni 1958 nur vormundschaftsrichterlich begrenzte Verfügungsmacht des Ehemanns nach § 1358 BGB konnten übrigens nicht nur durch die soziale Wirklichkeit an Wirkungsmacht verlieren oder ins Gegenteil verkehrt werden – auch ehevertraglich abbedingen ließen sie sich.

    Vermutlich wird dies nicht verhindern, dass auch zum 60. Jahrestag des Gleichstellungsgesetzes von 1957 der Satz: „Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung“ kolportiert wird, als habe es sich um eine bis 1977 polizeirechtlich exekutierte Norm gehandelt.

    Antwort
    1. Carnofis

      „Bis zur flächendeckenden Einführung des Girokontos, die erst in den 1960er Jahren erfolgte, wurde das Familieneinkommen in Bargeld verwaltet, regelmäßig von nur einem der Eheleute.“

      Bis zur Einführung des Girokontos – und darüber hinaus. Es gab nämlich bis in die 90er keine Bankautomaten. Geld musste zu den Öffnungszeiten direkt vom Schalter per Auszahlungsbeleg geholt werden. Die Öffnungszeiten einer Bank orientierten sich an denen der Behörden – und damit waren die vollzeit beschäftigten Männer gar nicht in der Lage, während der Öffnungszeiten an ihr Konto zu kommen.

      „Zeitzeugenschaft mag empirisch für die Katz sein, aber den Satz: „Alles, was mit wirtschaftlichen, finanziellen Dingen zu tun hatte, war meine Sache“, hört und liest man für diese Epoche wirklich selten aus dem Mund eines Mannes – auch im hier verlinkten Artikel ist es der einer Frau.“

      Und entspricht den Verhältnissen in meiner Familie. Ich habe acht Onkel und Tanten, alle zumindest zeitweise verheiratet. In ALLEN elf Fällen (Großeltern und Eltern zu der sonstigen Verwandtschaft) verwalteten die Frauen das von den Männern erwirtschaftete Geld und teilten diesen nur ein Taschengeld zu.
      Und da ich meine Familie im Vergleich als durchschnittlich wahrgenommen habe, dürfte es woanders kaum anders gewesen sein.

      Halt, eine Ausnahme gab es.
      Da war der Mann allerdings Leiter einer Bankfiliale. Ich weiß nicht, ob die Familie als Beleg für das Gegenteil taugt.

      Antwort
      1. Michael

        Du machst ein paar Denkfehler.
        Gehalt ist eine Bringschuld, der Arbeitgeber muss Dich einmal im Monat für eine angemessene Zeit bezahlt freistellen, um Dein Gehalt bei der Bank abzuholen (mein AG hat zu diesem Zweck sogar einen Geldautomaten auf dem Werksgelände! – bis vor 30 Jahren gab es sogar noch einen „Bankschalter“ für Gehaltsauszahlungen in bar).
        Außerdem hatten nur die Sparkassen behördenähnliche Öffnungszeiten (die Mitarbeiter waren bis in die 1970er Jahre tatsächlich Beamte), die Banken hatten schon immer ladenähnliche Öffnungszeiten (auch Samstagsvormittags und langer Samstag).
        Nicht alle Männer waren von 7-17 Uhr arbeiten, es gab schon immer jede Menge Schichtarbeiter, Verkäufer (die wegen Samstagsarbeit einen Nachmittag frei hatten – die kleineren Geschäfte waren Mittwoch nachmittags zu) oder Branchen, die ganze Tage zu waren (Friseure waren Montags zu, alle!; Restaurants haben heute noch fast alle am Montag Ruhetag).
        Mein Schwiegervater hat es als Angestellter (Mo-Fr 7:30 – 16:30) immer geschafft, sein Gehalt von der Bank zu holen. Seine Frau hatte bis zu seinem Tod keinen Zugriff auf das Konto.

        Antwort

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