Sozialstaat?

Wenn man mal die eigentlichen Profiteure des hiesigen Systems außen vor lässt, also das obere Prozent, dann stellt sich für den Arbeiter die Frage:

Ist es gerecht, dass ich mit meiner Arbeit einen Arbeitslosen finanziere?

Im Raum steht dabei immer, dass der Arbeitslose schon könne, nur nicht wolle, da sich „Armut lohne“. Und wenn man sich ansieht, dass manch einer, der sich krummschuftet, am Ende kaum mehr hat als ein Arbeitsloser am Hartz IV-Tropf, ist es nachvollziehbar, dass Missmut aufkommt. Dieser Missmut ist von oben gewollt, denn er lenkt von den eigentlichen Herrschaftsstrukturen ab und wird gezielt angeheizt, wie z.B. von Springer, der es als Verlag wie kaum ein anderer versteht, den arbeitenden Armen gegen den arbeitslosen Armen aufzuhetzen.

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Zurück zur Frage, ob das Einzahlen in die Arbeitslosenversicherung gerecht ist. Hierzu möchte ich den Philosophen John Rawl bemühen. Rawl stellt die Frage, wie ein gültiger, gerechter Gesellschaftsvertrag aussehen würde. Also eine Abmachung, die alle rationalen Menschen freiwillig getroffen hätten. Hierzu entwirft er einen „Urzustand“. Man kann sich das wie einen Raum vorstellen, in welchen die Regeln der Gesellschaft festgelegt werden, in die man hineingeboren wird, wobei – und das ist der springende Punkt – niemand weiß, welchen gesellschaftlichen Status er innehaben wird. Keiner weiß, welcher Klasse er angehören wird, noch sonst irgendwas wie Körperkraft, Intelligenz, Gesundheit, Geschlecht, Hautfarbe etc.

Der Vertrag, den man in diesem Raum schließt, wäre gerecht.

Hierzu noch mal angemerkt, dass „Gerechtigkeit“ ein wesentliches Prinzip der Gesellschaft ist. Niemand möchte in ungerechten Verhältnissen leben, es sei denn er profitiert davon – in dem Fall aber ist man zu Unrecht privilegiert, womit man entmachtet gehört.

Zurück zur Ausgangsfrage: Da jedem das Schicksal drohen würde, arm und schwach und krank geboren zu werden, oder im Verlauf seines Leben mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in eine solche Situation zu geraten, ist anzunehmen, dass sich die Vertragspartner auf eine Gesellschaft mit sozialen Faktor, also auf einen Sozialstaat einigen würden, ja vielleicht sogar einen Staat ohne Eigentum an Produktionsmitteln.

Der eine oder andere wird das vielleicht verneinen, und eine andere Art von „gerechter“ Gesellschaft vorschlagen: Nämlich eine, in der Leistung sich lohnt. Das wäre nach der Propaganda der Elite genau die Gesellschaft, in der wir leben: Der Tüchtige ist wohlhabend und der Wohlhabende ist tüchtig. Wer arm oder gar obdachlos ist, ist demzufolge „selbst schuld“, womit wir beim neoliberalen Mantra wären: „Biste arm, selber schuld! Biste krank, Pech gehabt!“

Das ist Humbug. Die größte Mehrheit derjenigen, die heute reich sind, haben sich ihr Vermögen nicht verdient. Die reichen Familien von heute waren mehrheitlich auch die reichen Familien von vor Jahrhunderten, wie ein Reichtumsforscher mal rausfand. Ansonsten spielt auch Glück eine enorme Rolle dabei, ob man nach oben durchstartet. Wäre Bill Gates auch nur ein Jahr zu früh oder zu spät gekommen, er wäre heute nur ein weiterer namenloser, kleiner Programmierer. Und auch der neoliberale Vordenker von Hayek räumt ein:

In diesem Sinne ist Freiheit untrennbar von Entlohnungen, die oft keine Beziehung zum Verdienst haben, das sich jemand erworben hat, und deshalb oft als ungerecht empfunden werden.

Das sei halt eine notwendige Illusion also eine Lüge. Oft schuftet sich einer krumm, wird dafür aber nicht angemessen entlohnt. Ob für ihn diese Lüge „notwendig“ ist, sei dahingestellt.

Da man also im Falle des Falles einer sozialen Notlage nicht gleich existentiell vernichtet werden will, z.B. obdachlos werden, ist davon auszugehen, dass ein Sozialstaat gerecht ist. Und dann sei noch ein anderer Aspekt genannt: Aktuell wurde Finnland zum glücklichsten Land der Welt gekürt. Finnland verfügt über einen starken Sozialstaat. Das spielt hinein in die Frage, ob man lieber in einer glücklichen oder unglücklichen Gesellschaft leben will.

26 Gedanken zu „Sozialstaat?

  1. luisman

    […]Da jedem das Schicksal drohen würde, arm und schwach und krank geboren zu werden, oder im Verlauf seines Leben mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit in eine solche Situation zu geraten,[…]
    Das ist kein Schicksal, welches droht, das ist einfach so fuer jeden. Die Starken, oder darwinistisch Ueberlebensfaehigen wappnen sich fuer diese moeglichen Schicksale, indem sie z.B. sparen, investieren, gesund leben, mal ein paar Hanteln in die Hand nehmen etc. Warum soll ich, der das alles tut, fuer jemanden zahlen, der das alles nicht tut, faul ist und mich ausrauben will per Sozialstaat?

    Die grundsaetzliche Idee einer Versicherung auf Gegenseitigkeit ist ja gut, allerdings ohne Zwangsbeitraege. Diejenigen die das in Anspruch nehmen wuerden, waeren dann ein paar wenige (einstellige) Prozent. Es mangelt aber an der Gegenseitigkeit, wenn nicht nur einige Ausnahmen, sondern sehr sehr viele das System zum Selbstbedienungsladen umbauen, so wie es jetzt ist.

    Antwort
    1. uepsilonniks Autor

      Nein.

      Auch wenn Du gesund lebst, kannst Du schwer krank werden. Und bevor Du unter Qualen elendig an Krebs krepierst, wirst Du auf die soziale Leistung einer Gesundheitsversicherung zurückgreifen.

      Und wenn Du dem Risiko ausgesetzt wärst, mal arbeitslos zu werden, würdest Du lieber Sozialleistungen in Anspruch nehmen als obdachlos zu werden. Ich erinnere mich hierbei an eine Sozialdarwinistin, die sich ähnlich wie Du positionierte. Das Verräterische: Auf Nachfrage bestätigte sie, dass ihr Job sicher sei.

      Aber süß, wie Du die Propaganda vom verdienten Wohl der Tüchtigen nachbetest. Hast Du meinen Beitrag überhaupt gelesen? Da sagt ein neoliberaler (!) Vordenker, dass das eine Lüge ist. Aber ich nehme an, dass Du damit gut leben kannst, so wie er, schließlich sind es andere, die Scheiße schleppen müssen?

      Bleibt die freiwillige Versicherung. Das würde eine Benachteiligung der arm Geborenen oder Geringverdiener bedeuten, die sich keine hochwertige Versicherung leisten können. Gutes Beispiel: Die Serie „Breaking Bad“. Die Hauptfigur kann sich keine Krebsbehandlung leisten, obwohl sie als Chemielehrer gar nicht mal schlecht verdient. Es ist Unrecht, wenn man sich unverschuldet keine hochwertige Bildung oder Gesundheits- oder Sozialversicherung leisten kann, zum Beispiel, wenn man arm geboren wird.

      Antwort
      1. luisman

        Du argumentierst mit Plattitueden, Einzelfaellen und Phantasie-Ereignissen (Fernsehserien).

        Fast alle, ueber 99%, werden arm geboren und bleiben es auch bis Mitte 20. Wen bestehlen also die Sozialversicherungen, Die 1% Reichen oder die 99% Armen? Gesundheitsversicherung – doppelplusgut… Jeder der 99% ist dem Risiko ausgesetzt arbeitslos/krank zu werden. Jeder kann entweder eigenverantwortlich in eine freiwillige Versicherung einzahlen, oder eigenverantwortlich sparen/investieren, oder eigenverantwortlich jeden x-beliebigen Job annehmen, so dass er ueberlebt. Eigenverantwortlichkeit kommt bei Linken im Vokabular offensichtlich nicht vor.

        Es geht nicht um arm Geborene oder Geringverdiener, weil die das selbst mit der Zeit aendern koennen. Mit mehr arbeiten u/o sparen. Du verteidigst Leute, die aus ihrem Jammerzustand das Recht ableiten andere zu bestehlen.

        Antwort
        1. luisman

          Das Ding auf dem wir leben heisst Erde, nicht grosse Kugel der Gerechtigkeit ueber alles. Gerechtigkeit kann man vor dem Recht, bei Gericht erwarten, einer Konstruktion, die wir uns selbst erschaffen haben. Alles andere auf der Welt ist ungerecht – finde dich damit ab.

          Antwort
        2. Mario

          In den USA, wo der Kapitalismus noch ausgeprägter ist als hier, sind Menschen, die sich keine ärtzliche Behandlung leisten können noch häufiger als hier „Einzelfälle“.
          Und auch hier werden Menschen ruiniert, die sich bspw. als Selbstständige abrackern und trotzdem nicht die Krankenkassenbeiträge u. Altersvorsorge stemmen können.

          Fast alle, ueber 99%, werden arm geboren und bleiben es auch bis Mitte 20.

          In der Regel auch bis über Mitte 20 hinaus. Chancengleichheit funktioniert nämlich in unserem System nicht. Bildung – und damit eine Chance auf einen guten Job – ist nämlich stark von der Herkunft abhängig. Richtig gute (Privat-)Schulen kann sich der Otto-Normalbürger nämlich dummerweise nicht leisten. (s. auch Buchtipp).
          Und selbst auf angeblich chancengleichen staatlichen Schulen hängt Bildung weiterhin von der Herkunft ab. Wer aus gut gebildetem Elternhaus stammt, hat idR. auch die Möglichkeit, sein mangelhaftes Schulwissen durch elterliche Hilfe oder durch (kostenpflichtige) Nachhilfe aufzubessern. Meine Cousin & Cousine sind als Kinder eines Lehrer-Ehepaares ein gutes Beispiel dafür.

          Wen bestehlen also die Sozialversicherungen, Die 1% Reichen oder die 99% Armen?

          Weder noch. Nicht die Sozialversicherungen bestehlen jemanden, es sind die 1% Reichen, die den Rest der Bevölkerung „bestehlen“ bzw. sich ihrer sozialen Verantwortung entziehen.
          Und ansonsten zumindest die Gutverdiener. Mir hat bisher noch niemand erklären können, wieso es Beitragsbemessungsgrenzen gibt. Reichenschutzzaun, wie Volker Pispers es nennt.
          Und so zahlt dann der Geringverdiener mit 1500,-€ Brutto prozentual mehr ein als jemand, der 5000,-€ auf der Gehaltsabrechnung stehen hat.

          Sehr zu empfehlen in diesem Zusammenhang:
          Ulrike Herrmann
          Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht
          https://www.nachdenkseiten.de/?p=5626
          Einige Dinge sind natürlich mittlerweile veraltet, weil bspw. Parteien/Politiker längst neu gewählt worden sind, das Prinzip stimmt aber leider nach wie vor.

          Jeder kann entweder eigenverantwortlich in eine freiwillige Versicherung einzahlen, oder eigenverantwortlich sparen/investieren, oder eigenverantwortlich jeden x-beliebigen Job annehmen, so dass er ueberlebt.

          Wie schön, dass du es angesprochen hast. Jeder der 99% kann krank werden. (Warum das restliche, obere 1% nicht erkranken kann, müsstest du mir mal erklären. Aber die können es sich ja wenigstens leisten.)
          Wer erkrankt, ist aber eben u.U. nicht dazu in der Lage, jeden x-beliebigen Job anzunehmen, sodass er überlebt.
          Dein neoliberales Geschwätz ist also ziemlich einseitig und vor allen Dingen unvollständig.

          In der gesellschaftlichen Realität sieht es übrigens so aus, dass in vielen Jobs nicht jeder eine Anstellung findet. Wir leben zwar in Zeiten des Fachkräftemangels und importieren daher weitere Billig-Arbeitskräfte. Fachkräftemangel bedeutet aber laut offizieller Definition der Arbeitsagentur, dass sich auf eine Stelle nicht mehr als drei Bewerber melden.
          Selbst bei Fachkräftemangel bleiben also 2 von 3 Arbeitnehmern auf der Strecke.

          Alles andere auf der Welt ist ungerecht – finde dich damit ab.

          Wie schön, dass du dir in deinem eigenen Nachtrag selbst widersprichst.
          Besser kann man sich nicht als neoliberaler Dummschwätzer outen. ;-)

          Antwort
        3. luisman

          @Dummschwaetzer Mario

          1. Es gibt kein Recht auf aerztliche Behandlung, den dann waere der Arzt dein Sklave oder du stiehlst das Geld dafuer anderen Leuten. Natuerlich sind das Einzelfaelle, auch in den USA (meist illegale Migranten). Bring vertrauenswuerdige Zahlen, oder hoer auf Maerchen zu erzaehlen. Da die Kassen fuer jeden Furz und Illegale mitzahlen muessen, sind die derart teuer. So Leute wie du, die das so wollen, sind mit daran Schuld. In den meisten Laendern stirbt man in den Krankenhausfluren, wenn man weder versichert ist, noch Geld hat. Gut so.

          2. Wer aus gut gebildetem Elternhaus kommt hat idR. intelligente Eltern und hat zu 80% deren hohen IQ geerbt. Daran liegt es, dass die Kinder bessere Chancen haben, nicht am Geld und auch nicht an den Lehrern (ausser sie sind Gender-Gaga oder Marxisten, von denen man eben nichts lernen kann).

          3. Die 1% Reichen, die die 99% bestehlen. Die alte kommunistische Maer. An ins Gulag mit den 1%, nicht wahr? Die ideologisch nicht so verpeilten wissen wie das endet. Mit 100 Millionen Toten.

          4. Ulrike Herrmann: „Die Deutschen scheinen zur Selbsttaeuschung zu neigen.“ Yessir, sieht man an dir. Die merken nicht mal, dass der griechische Pleitegeier ein Haus besitzt, und der deutsche Steuerzahler sich gerade so die Miete leisten kann, halten sich aber fuer reich und was besseres. Das ist so ziemlich der einzige Fakt in dem Buch – beim Rest ‚meint‘ die Autorin oder die Befragten. Nochmal: Planet heisst Erde, nicht „Kugel der Gerechtigkeit ueber alles“.

          5. Natuerlich koennen Kranke meist arbeiten. Nur wer es sich leisten kann sich zu schonen, kann krank feiern. Bei ueber 6 von 7 Milliarden Menschen ist das der Alltag. Der Luxus-Sozialstaat in Europa/ im Westen ist durch Diebstahl, nicht an den Reichen, sondern an den Fleissigen finanziert.

          So, nachdem wir uns gegenseitig beleidigt haben und deine Argumente weder Hand noch Fuss haben, ist das meine letzte Antwort. Jeder Leser kann sich sein eigenes Bild machen.

          Antwort
          1. Mario

            Der Luxus-Sozialstaat in Europa/ im Westen ist durch Diebstahl, nicht an den Reichen, sondern an den Fleissigen finanziert.

            Ach je, bei dir reicht das intellektuelle Inventar ja noch nicht mal aus, um zwischen „an“ und „von“ zu unterscheiden.
            Denn tatsächlich werden ja nicht die Reichen „bestohlen“, sondern die Reichen „bestehlen“ uns. Der Diebstahl wird also folgerichtig nicht an den Reichen begangen, sondern von den Reichen.

            Antwort
  2. only me

    Ich verstehe nicht, wofür oder wogegen du schreibst.

    Dass soziale Spielregeln in einem Raum für alle Personen in dem Raum wünschenswert wären? D´accord.
    Ändert sich die Überlegung, wenn wir nicht von einem Raum reden, sondern von einem Feld inmitten anderer Felder mit anderen Spielregeln?

    Solidarität braucht die erste Person plural, ein Wir.
    Die Wir-Illusion der Linken funktioniert nachgewiesenermaßen nicht.
    Und jetzt?

    Antwort
    1. Mario

      Die Wir-Illusion der Linken funktioniert nachgewiesenermaßen nicht.

      Die Wir-Illusion der Linken funktioniert u.a. deshalb nicht, weil diejenigen, die leistungsfähig sind, nichts abgeben wollen. Selbst dann nicht, wenn sie mehr als im Überfluss haben.
      Und so wird dann bspw. Geld bzw. Vermögen an die Kinder verschenkt, anstatt vererbt. Erbschaftssteuer kostet nämlich mehr…

      Antwort
      1. only me

        Die Wir-Illusion der Linken funktioniert u.a. deshalb nicht, weil diejenigen, die leistungsfähig sind, nichts abgeben wollen. Selbst dann nicht, wenn sie mehr als im Überfluss haben

        Hätten die, die da „zu viel“ haben, ein Gefühl von einem Wir, dann würden sie auch abgeben, zumindest viele davon.

        Da aber Linke wie du diese, die da „zu viel“ haben, als „Die da“ sehen und nicht als „welche von uns“, kann es gar nicht erst zu einem Wir-Gefühl kommen, selbst wenn sonstige Voraussetzungen für die 1. Person plural gegeben wären. Was sie nicht sind.

        Antwort
        1. carnofis

          Irgendwo fällt auch mir es schwer, von „welche von uns“ zu reden, wenn ich für mein Einkommen 45% Einkommenssteuer zahlen muss, ein Jeff Bezos 1%.
          Da ist es auch kein Wunder, dass ich nur ein paar Tausend Euronen auf der hohen Kante habe, Bezos ein paar zig Milliarden.
          Die Argumentation von luisman ist einfach nur unterste Schublade, ein lupenreines Bekenntnis zum Survival of the fittest.
          Wer aber so argumentiert, soll sich nicht beschweren, wenn bei ihm eingebrochen und er auf der Straße abends ausgeraubt wird. Das sind nämlich soziale Auswüchse, die die Solidargemeinschaft im eigenen Interesse mit Versicherungen auffängt.
          Ich möchte noch Mal dran erinnern, dass die Nullzins-Politik, die die Renten der „kleinen Leute“ auffrisst, Folge davon ist, dass eine Handvoll Reicher im ersten Jahrzehnt Billionen Dollar verzockt hat und dafür nicht aufkommen wollte.
          Die Reichen waren danach noch reicher, die Armen noch ärmer.
          Genau deshalb.

          Ich bin weit von einer kommunistischen Ideologie entfernt, aber die kapitalistischen Exzesse der letzten 20 Jahre derart zu verteidigen, ist einfach nur frech.

          Antwort
          1. only me

            Ist es Kapitalismus, wenn die Regierung die kleinen Leute wiederholt in die Eier tritt, indem sie Regelungen pro Reiche treffen?
            Aber das ist Streit um Wörter.

            Dass Bezos keine Steuern zahlt und Merkel immer noch Kanzlerin ist, sind ja nur Anzeichen dafür, dass unser System mit ursprünglich sinnvollen Ansätzen weitgehend durchkorrumpiert ist.

            Leider kenne ich, außer großen Katastrophen (https://press.princeton.edu/books/hardcover/9780691165028/the-great-leveler), keine Wege, diesen Zustand auf 0 zurückzusetzen.
            Du?

            Antwort
            1. carnofis

              Merkel ist demokratisch gewählt. Das muss man akzeptieren, auch wenn man sie nicht mag.
              Aber der Konsens, den Großen nicht ans Bein zu pinkeln, scheint durch alle etablierten Parteien zu gehen.
              Ich will nix auf Null zurücksetzen, dazu besteht kein Grund. Die Welt entwickelt sich weiter, mal schneller, mal langsamer. Schau ich zurück auf die 70er und 80er Jahre, dann finde ich, dass sich die Gesellschaft positiv entwickelt hat, gelassener ist und mehr hinter der Demokratie steht.
              Dir mag es anders erscheinen, aber unter Birne herrschte noch ein rauherer Umgang mit Andersdenkenden.

              Aber ich gebe zu, dass es an den Rändern des Parteienspektrums Radikalisierungen gibt, die viel der nötigen Energie für eine Neuordnung der sozialen Marktwirtschaft auf sich ziehen.

              Neulich habe ich eine Doku gesehen, die meinen Eindruck voll bestätigt hat, dass in den Parlamenten zunehmend eine intellektuelle Elite sitzt, die Politik für eine intellektuelle Elite macht. DAS ist der Grund, weshalb der „kleine Mann“ immer weniger im Fokus der Politik steht.
              Trotzdem hält sich mein Mitleid in Grenzen. Ich bin seit meiner Mittelschulzeit politisch aktiv und habe mich immer tierisch über das Phlegma der breiten Masse geärgert. Irgendwann in den frühen 80ern gab es eine Volkszählung, bei der die CDU mit den Daten gleich einen Überwachungsstaat installieren und eine Art Rasterfahndung gegen das ganze Volk einführen wollte. Ich war damals in der örtlichen VoBo-(Volkszählungsboykott)Bewegung aktiv und wurde ständig von Bürgern ermutigt, die aber selbst auf keinen Fall mitarbeiten wollten.
              Die Volkszählung wurde später vom BVerfG für rechtswidrig erklärt – und plötzlich klopften sich unzählige Menschen selbst auf die Schulter, die ich beim Widerstand nie gesehen hatte.
              Soll ich es da bedauern, dass diese Leute nicht vertreten werden?
              Ich mein, ich geh in die Politik, weil ich MEINE Interessen einbringen möchte – und JEDER andere Politiker tut dasselbe. KEINER macht Politik nur für andere.
              Wenn aber „die kleinen Leute“ ihre Interessen selbst nicht wahrnehmen wollen, warum sollte ich es tun?

            2. only me

              „Wenn aber “die kleinen Leute” ihre Interessen selbst nicht wahrnehmen wollen, warum sollte ich es tun?“

              Ist das nicht ein Argument gegen Demokratie?

            3. carnofis

              „Ist das nicht ein Argument gegen Demokratie?“

              Nein, überhaupt nicht.
              Allenfalls eines, den Arsch auch dann mal hochzunehmen, wenn er schwer wie Blei ist.

              ICH will ja meine demokratischen Rechte wahrnehmen und meine Interessen formulieren können. Dass die nicht mit den Interessen aller anderen korrelieren, ist mir durchaus klar. Dafür wäre ich auch zum Kompromiss bereit – DAS ist Politik.
              Wenn es aber keine anderen Interessen gibt, mit denen ich mich einigen müsste, bleiben nur meine übrig. Dann bleibt es in meinem ethischen Ermessen, auch Rücksicht auf die zu nehmen, die abends lieber vor der Glotze bei Bier und Chips die 7.000ste Folge von „Two and a half men“ verfolgen.
              Und die vielleicht mehr oder weniger offen Applaus klatschen, wenn einer der Engagierten beschimpft, bedroht, oder gar physisch angegriffen wird.
              Wenn mir etwas in der derzeitigen Gesellschft Sorgen bereitet, dann die rapide sinkende Zahl der Leute, die bereit sind, sich fürs Gemeinwohl zu engagieren, weil sie Angst um sich oder ihre Kinder haben.

          2. uepsilonniks Autor

            Hey Carnofis,
            wahrscheinlich hat irgendein Arsch deinen Kommentare als SPAM gemeldet. Ist mir auch schon passiert. Ich empfehle dir, eine andere Mail-Adresse zum Kommentieren zu verwenden, zumindest hier.
            Herzliche Grüße uepsi.

            Antwort
  3. Robert Michel

    Gegen was möchtest du eigentlich anschreiben? Mir wäre neu, dass irgendeine relevante politische Kraft vor hat die Leistungen für wirklich Bedürftige zu reduzieren. Nimmst du es schon als Entsolidarisierung war, wenn man sich gegen die Steuerpläne der SPD zur Wehr setzt?

    Antwort
      1. Emannzer

        Was aber daran liegt, dass der (von mir leider mal gewählte) Ex-Bundeskanzler Schröder genau die entsprechende Systemumgebung geschaffen hat. Nach meiner Erinnerung ist er ein SPDler und hat sich der Bevölkerung gegenüber nur noch Link verhalten (nicht nur bei den Billiglöhnen, einer vollkommen idiotischen EU-Osterweiterung oder dem Häckseln der Minirenten).

        Dass die schwabbelige Glucke im Tsu-Eng-Anzug daran nichts ändern würde war abzusehen. Aber dass ich täglich für irgendwelche Afrikaner (u.a.) arbeiten gehen muss, dass ist für mich keinen Deut gerecht – im Gegenteil!

        Deutschland ist zum Billiglohnland gemacht worden und muss die asozialen Tagelöhner dieser Welt finanzieren? Nicht mit mir, wenn ich es denn könnte! Mit H-IV hätte ich netto beinahe mehr in der Tasche als im aktuellen Job nach allen Abzügen, Uepsi.

        Das macht keinen Spaß mehr hier …

        Antwort
        1. uepsilonniks Autor

          Ja, ich verstehe deinen Missmut. Die arbeitenden Armen werden gegen die arbeitslosen Armen aufgebracht. Aber beide sind arm, dieser Konflikt lenkt von den eigentlichen Machtstrukturen ab, die eigentlich Verantwortlichen und Profiteure dieser Entwicklungen. Lies mal „Angst und Macht“ von Mausfeld.

          Zu einem gerechten Gesellschaftsvertrag nach der Vorlage von Rawl würde natürlich gehören, dass der Arbeiter mehr in der Tasche hat als der Arbeitslose. Und genauso gäbe es keinen Niedriglohnsektor, auch wenn ein sPD-ler sagt, er wäre der Beste.

          Ja, die Einwanderung in die Sozialsysteme stört mich auch. Allerdings: Wenn ich in einem Drecksloch geboren wäre, würde ich auch versuchen ein gutes Land zu erreichen.

          Antwort
          1. Emannzer

            Ja, dein letzter Satz mag im Ansatz stimmen, @uepsilonniks:

            „Allerdings: Wenn ich in einem Drecksloch geboren wäre, würde ich auch versuchen ein gutes Land zu erreichen.“

            Aber es liegt an diesen Leuten selbst, an ihrem „Drecksloch“ etwas zu ändern. Geburtenkontrolle wäre ja mal ein Anfang.

            Aber wenn ich es schon schaffe, aus einem „Drecksloch“ zu verschwinden, dann bin ich dankbar dafür, wenn ich etwas zu Essen, Frieden und ein Dach über dem Kopf bekomme. Und ich würde an dieser Stelle nicht anfangen, aus meiner nährenden Hand auch noch ein Drecksloch zu machen!

            Wir haben plötzlich 50 Mrd. per Anno für Analphabeten, Ungelernte und Minderbegabte, währendessen Opa Herrmann und Oma Luise im Müll rumwühlt oder Eltern heruntergekommene Schulklos selbst renovieren?

            Das ist hoffentlich nicht dein Ernst, dass es in Ordnung ist, wenn Leute als Ballaststoffe hier invadieren und nach 3 Jahren soviel Geld (und mehr) bekommen, als jemand, der sich 30 Jahre den Buckel krumm gearbeitet hat und dann beim selben Hartz-Satz landet wie Menschen, die hier noch nie etwas leisteten!?

            Das hat nichts mehr mit Gegeneinanderausspielen zu tun, sondern mit einem natürlichem Gerechtigkeitsempfinden.

            Und das diese angeblich Schutzbefohlenen sich in ihren Heimatländern gegenseitig abfackeln und das dann auch noch filmen – damit möchte ich erst gar nicht anfangen in dieser Gutmenschen-Kakophonie.

            Antwort
  4. apokolokynthose

    Der Ansatz ist doch ok – wenn man ein System auch dann noch gerecht fände, wenn man nicht wüsste, in welcher Rolle man leben würde?
    Jetzt könnte man auf die Idee kommen, dass es in D. auf jeden Fall besser ist als in 90% aller anderen Länder. Hmmm…

    Antwort

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