Zum Männertag ein Leckerbissen: Robert Pfaller zu „Mansplaining“

Auszug aus dem zur Gänze lesenswerten „Erwachsenensprache – Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur“ von Robert Pfaller:

Das Sprachspiel des männlichen Erzählens und Erklärens

In ihrem Buch »Wenn Männer mir die Welt erklären« (2015, im Original: Men Explain Things to Me, London 2014) beschreibt Rebecca Solnit kritisch, wie Frauen zu Opfern männlicher Erklärungsfreude werden. Besonders bizarr ist ihr Ausgangsbeispiel, worin ein älterer Unternehmer ihr etwas über ein Buch zu erläutern beginnt, über das er einen Artikel in einer Zeitung gelesen hat – ohne freilich zu bemerken, dass seine Gesprächspartnerin selbst die Verfasserin dieses Buches ist. Solnit schreibt »…das durch und durch provokative Selbstvertrauen der vollkommen Unwissenden ist meiner Erfahrung nach geschlechtsspezifisch. Männer erklären mir die Welt, mir und anderen Frauen, ob sie nun wissen, wovon sie reden oder nicht. Manche Männer jedenfalls« Seither beklagen sich Frauen häufiger über diese »Standardsituation« heterosexuellen männlichen Verhaltens, dem aufseiten der Männer die fälschliche Annahme zugrunde zu liegen scheint, sie wüssten mehr über die Sache als die Frauen, zu denen sie sprechen. Dies wurde in der Folge mit einem Kunstwort benannt, welches das Übel durch dessen üble Benennung bannen soll »mansplaining« (männliches Erklären).

Besonders interessant erscheint bei diesem Kulturphantomen die Frage nach seiner geschichtlichen Zuordnung Warum macht sich diese Unsitte gerade jetzt störend bemerkbar? Haben Männer früherer Zeiten den Frauen etwa weniger zu erklären versucht? Oder waren Frauen damals, vielleicht aufgrund geringerer Emanzipation, noch mit schwerwiegenderen Verfehlungen beschäftigt, so dass sich erst jetzt, nachdem die allerägsten Grobheiten einigermaßen beseitigt sind, mehr Aufmerksamkeit auf dieses verstecktere Übel richten konnte? Waren Frauen früher etwa unwissender und mithin etwa froh, Dinge erklärt zu bekommen, wahrend sie jetzt, zum Beispiel aufgrund gestiegener Absolventinnenzahlen an Universitäten, ja den Männern an Wissen mindestens ebenbürtig, wenn nicht überlegen sein mussten?

Vielleicht lohnt hier noch eine andere Vermutung. Das männliche Erklären entspringt ja nicht notwendigerweise und ausschließlich einem – sei es wirklichen auch nur fälschlich vermuteten – Wissensgefälle. Es ist vielmehr auch ein Versuch der Männer, die Frauen zu unterhalten und ihnen interessant zu erscheinen. Erklären (oder auch Erzählen) ist nicht nur etwas Erkenntnisbezogenes, »Epistemologisches«, mit Informations- und Neuigkeitswert, sondern auch etwas Höfliches oder Galantes mit dem Wert der Vermeidung von langweiligem und peinlichem Schweigen sowie der Herstellung mehr oder weniger großer geselliger Verbindlichkeit.

Da die Anbahnung eines Gesprächs und das Etablieren einer Konversation traditionell genauso die Aufgabe der Männer war wie das Anbahnen von Bekanntschaften oder erotischen Beziehungen, mussten notwendigerweise sie damit beginnen, irgendetwas zu erzählen – ob sie nun etwas wussten oder nicht. Es war in der traditionellen Geschlechterordnung ein Privileg der Frauen, den Männern diese riskante und oft peinliche Aufgabe überlassen zu dürfen. Nicht sie, sondern allein die Männer mussten sich auf dieses unübersichtliche und glatte Terrain begeben, auf dem man immer Gefahr lief, sich Gelangweiltheit oder auch eine schroffe Abfuhr einzuhandeln. Trotz aller gegenteiligen Beteuerungen scheint an diesem Privileg übrigens auch heute noch von den meisten heterosexuellen Frauen stillschweigend weiter eisern festgehalten zu werden.

Und noch ein weiterer Faktor spielt bei dieser ungleichen Verteilung der Erklärungsaufgabe in der traditionellen Geschlechter-Ordnung eine entscheidende Rolle: das Alter. Üblicherweise interessierten sich ältere Männer für jüngere Frauen. Sie ermöglichten den jungen Frauen dadurch oft Kontakte sowie Zugang zu Luxus und Wohlstand, der gleichaltrigen Männern nicht offenstand. Auch in Rebecca Solnits drastischem Ausgangsbeispiel ist es ein älterer Mann, der ihr und ihrer Freundin etwas erklären möchte. (Gleichaltrige Männer scheinen bei dieser Party gar nicht eingeladen gewesen zu sein.) Solnit aber lässt die Relevanz dieses Altersgefälles für das geschlechterspezifische »Erklärungsgefälle« unbeachtet. Auch wenn der männliche Gesprächspartner in Solnits Erlebnis vielleicht ein besonders arrogantes, herablassendes Exemplar gewesen sein mag, so folgte sein Verhalten offenbar nicht allein seinen individuellen Schwächen, sondern ebenso sehr einem kulturellen Muster, aus dem einem älteren Mann gegenüber einer jüngeren Frau eine Verpflichtung erwuchs. Männer mussten Frauen etwas erklären – entweder weil sie die Älteren waren und damit über mehr Erfahrung und ähnliche Begleiterscheinungen des Alters verfügten; oder aber um zumindest so zu tun, als ob sie die Älteren wären. Dieses strenge Prinzip galt nämlich sogar dann, wenn kein Altersunterschied bestand. Um zu den Frauen höflich zu sein, hatten die Männer sie auf jeden Fall so zu behandeln, als ob die Frauen jünger wären. Denn: »Ein Mann ist immer älter als eine Frau«, wie der Held einer fulminanten Geschichte von Jules Renard seiner (übrigens älteren) Begleiterin einmal erklärt. Im Gestus des männlichen Erklärens steckte somit immer auch der höfliche Akt, den Frauen den Platz der Jüngeren zu überlassen. Die Empörung über die männliche Unverschämtheit, den Frauen etwas erklären zu wollen, läuft darum Gefahr – nach der Logik des »Beuteverzichts« -, etwas preiszugeben, das in Wahrheit in mehrfacher Hinsicht ein Vorteil und Privileg für die Frauen war.

10 Gedanken zu „Zum Männertag ein Leckerbissen: Robert Pfaller zu „Mansplaining“

  1. only me

    Ergänzend ist der Beitrag zum Thema auf avoiceformen lesenswert
    (https://www.avoiceformen.com/feminism/mansplaining/)

    Er fängt so an:

    In a four-pack of Crayons, the colors are red, yellow, blue and green. Four large Lego bricks are on display at the entrance to Legoland: they are red, yellow, blue and green.

    Why green?

    Die männlichste aller Fragen(*): Warum?

    (* Wenn der Bezug die Dinge der Welt sind. Warum wie in: „Warum hat er sich bloß ein blaues Sakko zum ersten Date angezogen?“ ist die weiblichste aller Fragen)

    Es geht weiter:

    I get the red, yellow and blue: those are primary colors. Green is a secondary color but so are orange and purple. So why do we rarely see red, yellow, blue and orange in a box of Crayons? Why do we not see red, yellow, blue and purple at the entrance to Legoland? Why is green always the fourth color?

    I suppose green is soothing or pleasing to the eye.

    But why?

    Perhaps because we have a preponderance of green receptors lining our retina.

    But why?

    Perhaps when man’s ancestors descended from the trees they needed to be on the lookout for threats in the grass. Those without green receptors could not tell that there was a lion in hiding in the tall green grass. Plants are green because chlorophyll reflects back the green light—it is not used for energy extraction.

    But why?

    Perhaps because as the sun rises, the available light shifts to the blue end of the spectrum and when it sets, it shifts to the red end; and green light is always in the middle. So plants evolved to reject the middle green and extract from the ends of the spectrum to ensure they obtained more energy. I think. I don’t know. I could be wrong. If you think I’m wrong, post it.

    Männer wundern sich über die Welt, spekulieren über Zusammenhänge und erzählen, was sie rausgefunden haben oder vermuten.

    Frauen nennen das „mansplaining“.

    Andere fragen sich, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dieser männlichen Neigung, die den meisten Frauen abgeht, und dem Umstand, dass die meisten Naturwissenschaftler männlich sind.

    Antwort
    1. carnofis

      „Frauen nennen das „mansplaining“…“

      … und werden bezüglich Wissen und Können übers Leben immer weiter abgehängt.

      Antwort
  2. beweis

    Früher nannte man das Wichtigtuer oder Besserwisser, wenn man es nicht erhellend und schön fand, inzwischen wird aber leider alles aufs Geschlecht projiziert.
    Vielleicht ist das wirklich weit verbreitet und Teil des Balzverhaltens von älteren Männern. Ich erinnere mich hingegen nur, dass in meinem Leben stets die Frauen die Erklärungshoheit für die Welt hatten, so wie auch die Definitionshoheit für Gut und Böse. Sie waren meist dominant, oft nur durch die schiere Masse der Worte, mit der sie mich überschütteten.
    Aber dafür gibt’s keinen Begriff – wäre ja auch sexistisch…

    Mansplaining besetzt Erzählungen von einem Mann negativ – ein guter Mann hält also den Mund. Das entspricht auch den Rednerlisten bei den Grünen und auf vielen Veranstaltungen im Rest der Welt: Ein Mann darf nur sprechen, wenn vorher eine Frau gesprochen hat. Will keine Frau mehr sprechen, darf auch der Mann nicht reden. Letztens wurde sogar mal eine Informatik-Veranstaltung abgesagt, weil keine Frau gefunden wurde, die dort sprechen wollte. Es hätte ja schon gereicht, wenn sie über ihren letzten Urlaub erzählt hätte oder darüber, welche Probleme ihre Freundin mit dem Ex hat. Dann hätten ein paar Männer auch ihre Programmierthemen austauschen dürfen.

    Antwort
    1. carnofis

      „Letztens wurde sogar mal eine Informatik-Veranstaltung abgesagt, weil keine Frau gefunden wurde, die dort sprechen wollte.“

      Vor drei Wochen war ich auf einer Fachtagung, auf der es über zwei Tage von morgens bis abends im 20-Minutentakt Vorträge zu verschiedenen Facetten des Themas „Trinkwasser“ gab.
      Erst am zweiten Tag traf ich auf zwei weibliche Rednerinnen.
      Nach den Gendas hätte die gesamte Veranstaltung deshalb eigentlich auch abgesagt werden müssen, zumindest hätte ich als anständiger Feminist sie unter lautem Protest verlassen müssen, oder – besser noch – eine Podiums-Diskussionsrunde über patriarchales Gockelgehabe inszenieren müssen.
      Im Auditorium schätze ich den Anteil der weiblichen Zuhörerschaft auf etwa ein Viertel.

      Gottseidank halten sich Gendas von solchen Tagungen fern, so dass etwa 400 Leute mit neuem Wissen nach Hause gingen.
      Nicht eine Frau hatte gemeckert.

      Antwort
  3. apokolokynthose

    Bei Wachsmalstiften kann ich es mir noch vorstellen: purpur, orange und grün kann man sich aus den anderen drei Farben mischen, aber da viel mehr Sachen grün als orange oder purpur sind (Pflanzen), würden sich blau und gelb viel schneller abnutzen als rot.

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        1. uepsilonniks Autor

          Aber die Grünen sind doch Schrott, deren Männer sind lila Pudel und das verbraucht zuvorderst Blau und Rot. Blau dürfte knapp werden und das wäre dann wohl das Ende der Männer, zumindest solange Blau Männlichkeit zugeordnet wird.

          Antwort
  4. rano64

    Ein weiterer Aspekt: Männer sind tendenziell fanatischer und beschäftigen sich oft intensiver mit den Themen, die sie begeistern oder interessieren. Viele häufen dabei ein wirklich irres Detail – Wissen an und können schier endlos fachsimpeln, wenn es sich ergibt.

    Ich habe auch mal von einer IT Frau gelesen, die irgendwann realisierte, dass sie nie wirklich dazu gehören würde. Denn sie hatte nach einer anstrengenden Arbeitswoche ein ganz normales Wochenende verbracht mit Ausgehen, spazieren, sich pflegen etc., während ein Kollege das ganze verdammte Wochenende mit einem riesigen privaten IT Projekt zubrachte, von dem er dann am Montag begeistert erzählte..

    Antwort
    1. uepsilonniks Autor

      Männer sind Kinder, die spielen. Nur, dass wenn sie erwachsen geworden sind – sofern Männer erwachsen werden – das Legoraumschiff dann das Space Shuttle ist.

      Tot der Mann,der sein inneres Kind verloren hat.

      Antwort

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