Djadmoros & Only_Me über seriöse und unseriöse Soziologie – eine kurze Verteidigung der Geisteswissenschaften

Djadmoros:

Wie würde denn die Diskussion ablaufen, wenn wir nicht von der Soziologie, sondern von der Biologie reden würden? Nehmen wir einen Staat an, dessen Wissenschaft nicht vollständig, aber sehr weitgehend vom Lyssenkoismus geprägt ist, und es würde tagein, tagaus mit Unterstützung durch Politik und Medien verkündet: »Gene? Schtonk!«

Während andererseits die Schriften von Wissenschaftlern wie Ernst Mayr, Rupert Riedl, Richard Dawkins und Daniel Dennett nicht verboten wären, sondern bloß nicht zum im Medienlautsprecher verstärkten Mainstream gehören würde.

Wie würde die Kritik lauten? Würde behauptet werden, die Biologie sei eine nutzlose Schwätzerwissenschaft? Oder würde nicht vielmehr die Forderung erhoben werden, es möge endlich wieder seriöse Biologie betrieben und die ideologisch verseuchten Doktrinen aus der Universität verbannt werden?

Meines Erachtens ist die Antwort klar. Die Biologie als Wissenschaft komplett abschreiben würden nur Leute, die ohnehin keine Idee davon haben, wozu sie gut sein kann, und Lyssenko wäre dafür die komfortable Ausrede.

Und darauf läuft auch das Soziologie-Bashing hinaus. Anstatt darüber zu diskutieren, worin der Unterschied zwischen guter und schlechter Soziologie besteht und die gute gegen die schlechte in Stellung zu bringen, wird sie als Ganze abgeschrieben. […]

Only_Me:

[…]»Wie konnte es denn so weit kommen, dass die Soziologie so abgerutscht ist? Du schreibst so, als wären der böse Staat und die bösen Medien allein daran schuld und obwohl die Soziologen (die damals noch guten) sich nach Kräften dagegen gestemmt hatten, waren sie einfach chancenlos.«[…]

Djadmoros:

Meines Erachtens hat das damit etwas zu tun, dass Wissenschaftler (nicht nur Soziologen), denen in erster Linie die Wiesenschaft wichtig ist, sich eher aus der Wissenschaftspolitik heraushalten, weil das bedeutet, sehr zeitaufwendige Gremienarbeit betreiben zu müssen. Das heißt aber auch: sie konzentrieren sich darauf, in ihrer unmittelbaren Reichweite am Lehrstuhl gute Wissenschaft zu betreiben, haben aber nicht den weiteren politischen Horizont im Blick.

Zweitens entstehen bestimmte Denkschulen zwar innerhalb der Wissenschaften (die »postmodernen« Denkschulen z. B. in der Philosophie), aber es ist zwischen Entstehung und Ausbreitung zu unterscheiden. Das Gewicht, dass Fachgebiete wie die Genderforschung heute haben, ist ihnen tatsächlich auf politischem Wege zugeschanzt worden (femnistische Netzwerke), insofern ist das Wort vom »bösen Staat« hier zutreffend. »Nach Kräften dagegen gestemmt« haben sich die zuvor etablierten Fachwissenschaftler allerdings weniger – aus eingangs genanntem Grund zum einen, zum anderen ist der Einfluss von Wissenschaftlern gering, wenn es nicht um die Neubesetzung von Stellen am eigenen Lehrstuhl geht, sondern ganze Bereiche neu geschaffen werden.

Dahinter steht ähnlich wie beim Gender-Mainstreaming auf UNO-Ebene erfolgreiches politisches Lobbying. Wie man da manipulieren kann, zeigt ja das Professorinnenprogramm: eine neu zu schaffende Stelle wird geschlechtsunabhängig ausgeschrieben, aber tatsächlich bewilligt wird sie nur, wenn sie an ein Frau geht.

Und ich erinnere mich auch an inhaltliche Auseinandersetzungen: Leute wie Jürgen Habermas und Manfred Frank, die sich schon in den 1980ern mit Poststruktruralismus und Postmoderne auseinandergesetzt haben, Auseinandersetzung mit Annahmen der »feministischen Wissenschaft« am eigenen Fachbereich (konkret ging es damals um die Kohlberg-Gilligan-Kontroverse), und einzelne Profs wie Wolfgang Merkel, die feministischen Ideologinnen im Seminar »den Rost runtergetan« haben, wie man bei den Schwaben sagt.

Das hilft nur leider nichts, wenn einfach nebenan eine als Wissenschaft getarnte feministische Kaderschule aus dem Boden gestampft wird, die es vorher gar nicht gab und wo die Ideologinnen unter sich sind und im eigenen Saft schmoren. […]

5 Gedanken zu „Djadmoros & Only_Me über seriöse und unseriöse Soziologie – eine kurze Verteidigung der Geisteswissenschaften

  1. Günter Buchholz

    Die Einordnung der Sozialwissenschaften als Geisteswissenschaften halte ich für irreführend oder jedenfalls für ungenau. Sozialwissenschaften, die empirisch orientiert sind, die also wissenschaftstheoretisch in der Regel „kritische Rationalisten“ im Sinne von Karl Raimund Popper sind, stehen methodisch den Naturwissenschaften sehr nahe. In diesem Sinne ist die Kritik an der Soziologie irrig. Soziologische Theorien können und müssen im Prinzip genauso empirisch kontrolliert werden wie das in den Naturwissenschaften selbstverständlich ist.

    Hierfür wäre im Netz ein Beispiel etwa das Blog „Sciencefiles“.
    Hier geht es als Ziel der Wissenschaft im Kern immer um => Erklärung, nicht um => Deutung.

    Aber literarische Werke zum Beispiel kann man nicht „erklären“, man kann sie nur „deuten“, wobei der Natur der Sache nach in der Regel unterschiedliche Deutungen möglich sind.

    Der Feminismus-Genderismus bietet m. E. eine solche Deutung des Frau-Seins an. Sie stellt m.W. eine Ableitung aus vorgefundenen philosophischen Postulaten (nicht: Erkenntnissen) dar: von Simone de Beauvoir und von Judith Butler. Und daraus, aus dieser nicht-empirischen Ableitungsstruktur, ergibt sich ihr quasi-theologischer Charakter.

    Literatur:
    https://alexander-ulfig.de/2019/07/18/norbert-bolz-geisteswissenschaften-sind-verloren/
    https://alexander-ulfig.de/2016/11/01/auf-den-spuren-von-wilhelm-dilthey/
    https://alexander-ulfig.de/2016/07/18/das-elend-der-postmoderne/
    https://alexander-ulfig.de/2016/03/15/angriffsziel-gender-studies-verfehlt/
    https://www.cuncti.net/geschlechterdebatte/852-deutung-statt-erklaerung

    Antwort
  2. elmardiederichs

    „Wie konnte es denn so weit kommen, dass die Soziologie so abgerutscht ist?“

    Nicht zur Sprache gekommen ist bisher die Tatsache, daß die neoliberale Politik seit 50 Jahren versucht, die Wissenschaften zu Ausbildungsstätten für die Wirtschaft zu machen. Denn dieses Ziel wurde verfolgt über zunehmende Drittmittelfinanzierung der Wissenschaft, in der politische Beamte ein gewichtiges Wort mitzureden haben. Da der Feminismus den Einzug in das politische establismend schaffte, generierte man Fördertöpfe für Projekt mit Gender- oder Feminismuskomponente. Und auch Wissenschaftler sind korrumpierbar. Insbesondere begannen Teile der academia Leute zu fördern, die sich als Trittbrettfahrer in solchen Themen eine Kernkomponente zulegten. Das genügt, um z.B. die Sozialwissenschaften entscheidend zu schwächen. In der Philosophie sehen wir diesen Trend auch – wenn auch nicht so stark. In jedem Fall beginnt alles mit der Bereitstellung von Geldern. Danach muß man nur noch warten.

    Antwort
    1. Konstantin Sorrow

      Lief Ende der 80er/Anfang 90er an meiner Uni unter dem inoffiziellen Titel „Durchlauferhitzer für Mercedes“. Im selben Zeitraum wurde die Philosophie als Hauptstudium abgeschafft, nachdem der Versuch einer völligen Eliminierung („Orchideenfach“, kann also weg) knapp gescheitert war.

      Antwort
  3. apokolokynthose

    Wirtschaftsorientiert ist ja nur eine Seite, aber Genderwissenschaften sind ja nicht einmal das.
    Bzw., wenn Genderwissenschaften eine „wirtschaftsorientierte“ und eine „wissenschaftsorientierte“ Richtung hätten, gäbe es da ja sowas wie zwei verschiedene Meinungen. Die sich vllt. sogar motiviert sähen, sich zu begründen.

    Antwort

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