Djadmoros: Grundsätzliches zum Feminismus

Djadmoros (Mail-Korrespondenz):

Kontext: Es geht darum, eine möglichst allgemeine Formel für das zentrale Problem der feministischen Weltanschauung zu finden.

Ausgangspunkt war der aus der Ethnologie (Klaus E. Müller) stammende Grundgedanke, dass menschliche Gesellschaften räumlich nach Endosphäre und Exosphäre (man könnte auch sagen: Binnenzone/Innenbereich vs. äußere Umwelt) gegliedert sind und diese Bereiche wenigstens tendenziell geschlechtsspezifisch zugeordnet sind. Das heißt: am »Perimeter«, an der räumlichen Außengrenze der Gemeinschaft, ist der Mann positioniert, um den Binnenbereich (mit den fortpflanzungsfähigen Weibchen und der »Brut«) zu schützen. Das kann man evolutionsbiologisch herleiten, in dieser Hinsicht sozusagen ganz konventioneller „Evochris“.

Natürlich ist das beim Menschen kulturell überformt, und man kann beliebig viel Ideologie darauf häufen, warum es auch heute noch eine »natürliche« Arbeitsteilung sein soll. Beauvoir hatte eine ähnliche Idee, als sie von Sartres Existentialismus die Konzepte von Transzendenz und Immanenz übernommen und kritisiert hat, dass Frauen traditionell dazu erzogen werden, in der Zone der Immanenz zu verharren. Transzendenz erlangt man aber vorzugsweise in der Exosphäre, wo der Mann sich selbst riskiert und dabei, wenn er nicht umkommt, über sich hinauswächst, und Frauen bleibt das Beauvoir zufolge verwehrt.

Im Laufe der Geschichte weicht diese Innen/Außen-Dichotomie auf, weil irgendwann eine Sphäre des Politischen bzw. eine bürgerliche, zivilgesellschaftliche Öffentlichkeit entsteht, also ein Bereich, der weder privat noch außergesellschaftlich ist, sondern dazwischen liegt, und diesen öffentlichen Raum hat die Frauenbewegung für Frauen erobert. Seither steht Frauen der Weg aus der beauvoirschen Immanenz im Prinzip offen. Und viele Frauen, ob nun vom Feminismus beeinflusst oder nicht, sind ihren Weg in der zivilgesellschaftlichen Sphäre erfolgreich gegangen, und insoweit es dem Feminismus darum ging, Frauen dazu zu ermuntern, betrachte ich die Frauenbewegung als legitime moderne Emanzipationsbewegung.

Nun ist das aber bloß die halbe Wahrheit: zumindest die *neue* Frauenbewegung war von Anfang an auf einem Auge blind – nämlich dafür, dass die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung für Männer nicht nur Privilegien, sondern auch Kosten mit sich bringt: klassischerweise das, was Farrell den *disposable male* nennt: als Mann bist Du im Zweifelsfall verheizbar, weil (polemisch kurzgefasst) Deine Frau im Notfall auch vom Nachbarn schwanger werden kann, ihr Fortpflanzungspotential durch Deinen Tod also für die Gesellschaft nicht vergeudet ist. Das hatte auch Esther Vilar im Grundsatz erkannt und in Breite ausformuliert (»die Frau ist vom Mann abhängig wie das Auto vom Benzin«) und war darum für Alice Schwarzer »Staatsfeind Nummer Eins«. Das ist der *empirische* Skandal des Feminismus: alles zu ignorieren, was nicht ins ideologische Raster passt.

Der *theoretische* Skandal des Feminismus, der sich mit dem empirischen Skandal wechselseitig stützt, ergibt sich aus der Frage: welchen Begriff der *Gesellschaft* haben Feministinnen eigentlich? Ein Lexikoneintrag (Lexikon zur Soziologie, VS Verlag) definiert »Gesellschaft« als »Summe von Individuen, die durch ein Netzwerk sozialer Beziehungen miteinander in Kontakt und Interaktion stehen, bzw. als Summe der sozialen Wechselwirkungen.« Aber welche Art von »sozialen Wechselwirkungen« wird vom Feminismus thematisiert? Männer erfinden das Patriarchat, das Patriarchat dient der Privilegiensicherung von Männern, und wenn das Patriarchat einmal nicht der Privilegiensicherung von Männern dient (»das Patriarchat schadet auch Männern«), dann leiden die Männer unter selbstverschuldeten Rollenzwängen. Das, was in meinen Augen der Grundgedanke aller Soziologie ist: dass es »soziale Wechselwirkungen« gibt, die sich nicht aus den Handlungsabsichten, sondern aus (beabsichtigten und unbeabsichtigten) Handlungsfolgen ergeben, fällt im Feminismus unter den Tisch bzw. wird unter den Teppich gekehrt.

Beispiel: Männer führen Kriege, die Handlungsabsicht dahinter ist: schütze Deine Sippe vor Gewalt und mehre die Deiner Sippe zur Verfügung stehenden Ressourcen. Nicht-intendierte soziale Wechselwirkung: irgendwann werden die Kollateralschäden des Kriegs zu hoch, weshalb sich ein Gewaltmonopol durchsetzen kann (also nicht nur faktisch durchsetzt, sondern aufgrund der Befriedungswirkung auch Akzeptanz genießt), das dann »Staat« heißt (z. B. Altägypten, Römisches Reich, absolutistischer Fürstenstaat). Nun kann man diese Geschichte im Sinne der griechischen Tragödie als tragische Verstrickung erzählen, die am Ende eine neue friedenssichernde Institution hervorbringt (Pharao, Caesar, Leviathan), oder im Sinne des Feminismus als »Geschichte patriarchaler Gewalt«. In letzterer Variante gibt es keine echten äußerlichen Faktoren, sondern »der Mann« ist die ultimate Ursache von allem: und weil man das irgendwie substantiieren muss: die inhärente *Psychologie* des Mannes, seine »männliche Hegemonialität« und »toxische Männlichkeit«.

Der theoretische Skandal des Feminismus besteht also darin, Soziologie in Vulgärpsychologie zu verwandeln, indem dem Mann und seinen angeblichen Charaktermerkmalen zugeschrieben wird, was eigentlich einer Ebene »sozialer Wechselwirkungen« zuzuschreiben wäre. Die typische Feministin sieht einen Mann und *hält ihn für* die »Gesellschaft«. Weil Männer im »Patriarchat« angeblich so mächtig sind (»Macker-Internationale«), dass alles ganz anders sein könnte, wenn sie denn nur wollten. Dieser Fehlschluss ist im Kern »verschwörungstheoretisch« (komplexe anonyme Effekte werden der bewussten Planung einer kleinen, mächtigen Gruppe zugeschrieben) und führt zu der Paradoxie, dass es keine weibliche Freiheit gibt, die nicht als patriarchal verschuldete Unfreiheit gedeutet werden kann, sobald sie an irgendwelche Grenzen stößt. Und darum erwarten Feministinnen auf dem Umweg über den Staat von Männern ein kompensatorisches Handeln (Quoten, Gender Budgeting, Förderprogramme, etc. pp.), dessen Charakter als Frauen *privilegierendes* Handeln unsichtbar bleibt. Weil es für Frauen *per definitionem* keine Privilegien gibt, sondern nur kompensiertes Unterdrücktsein, und analog für Männer per definitionem keine Benachteiligung und Diskriminierung.

Im Endeffekt gibt es im Feminismus keine demokratische Vermittlung widerstreitender Interessen unter Bedingungen knapper Ressourcen (das ist das, worauf Lucas Schoppe immer wieder hinweist, seit er bloggt), sondern »Fraueninteressen« sind a priori das höchste gesellschaftliche Gut, der Trumpf, der alle anderen Karten sticht. Antje Schrupp treibt das auf die Spitze: Feminismus wird ausschließlich durch das definiert, was Frauen wollen und fordern sollten, nicht durch irgendwelche äußeren Randbedingungen. Weil jegliche Einschränkung weiblicher Handlungsmöglichkeiten *per definitionem* ein Resultat »des Patriarchats« ist. In diesem Sinne wird von Feministinnen »der Mann« mit »der Gesellschaft« gleichgesetzt.

Djadmoros: Der Mythos vom Patriarchat und der Niedergang des Feminismus

2011-10-09

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