Lucas Schoppe zu „toxischer Männlichkeit“ im Feld-und-Festung-Kontext

Lucas Schoppe:

„Leute, erklärt mir, wo ich falsch liege.“ Ich glaube ja, dass diese Verwirrung Sinn der Begrifflichkeit ist. Christian hatte hier ja schon mehrmals Texte zur „Motte-and-Bailey“(Feld-und Festung)-Strategie.https://allesevolution.wordpress.com/2018/04/14/nochmal-feld-und-festung-im-feminismus/

Ich behaupte etwas, was Menschen weiträumig beleidigt, gegen sie hetzt oder womit ich sie sogar bedrohe. Wenn ich daraufhin die erwartbare Kritik erhalte, biete ich eine viel harmlosere Interpretation meiner Behauptung an und verkünde empört und unschuldig, die bösartige Interpretation niemals auch nur für möglich gehalten zu haben.

Erst bewege ich mich also metaphorisch auf einem weiten Feld und greife dort an – und wenn ich daraufhin selbst angegriffen werde, ziehe ich mich in meine diskursive Festung zurück.

Der Begriff „toxische Männlichkeit“ ist dafür regelrecht idealtypisch geeignet. Natürlich kann er ausdrücken, dass Männlichkeit insgesamt irgendwie toxisch wäre, und das betrifft dann auch alle Männer. Das ist unterschwellig, aber deutlich eine faschistoide Bildlichkeit: Die Giftmetapher funktioniert nur, wenn wir unterschwellig einen gesunden Volkskörper voraussetzen, der dann von einer bestimmten Gruppe (Männer halt) vergiftet wird.

Wird aber das kritisiert, werden Nutzer*innen dieser Begrifflichkeit unschuldig erklären, dass es beim Begriff „Männlichkeit“ doch ganz gewiss nicht um Männer ginge (wer kommt denn auf so eine Idee?), sondern um Männlichkeitserwartungen und -konstruktionen. Und die würden ja auch, und gerade, Männern das Leben schwer machen. Die Idee, dass diese Erwartungen möglicherweise vor allem von Frauen entwickelt werden, ist mir dabei allerdings nie begegnet.

Natürlich ist das Quatsch. Ginge es beim Begriff „toxische Männlichkeit“ tatsächlich um Erwartungen, und nicht um reale Männer, dann würden die Nutzer’innen sich anders ausdrücken – sie würden z.B. von „destruktiven Männlichkeitserwartungen“ o.ä. reden.

Fazit: Wer den Begriff „toxische Männlichkeit“ ernsthaft verwendet, ist entweder zu blöd oder zu uninformiert, um zu wissen, was er bzw. sie da eigentlich sagt – oder er/sie verwendet absichtlich eine faschistoide Begrifflichkeit und stellt sich dann unschuldig. Beides lässt keine lohnende Kommunikation erwarten.

6 Gedanken zu „Lucas Schoppe zu „toxischer Männlichkeit“ im Feld-und-Festung-Kontext

  1. beweis

    Vielleicht handelt es sich ja um einen gigantischen Irrtum. Toxische Männlichkeit ist, wenn ein Mensch als Mann auf die Welt kommt und sich diese Welt als weitgehend giftig für ihn herausstellt, weil er das Attribut männlich trägt.

    Wenn er früher stirbt, öfter drogenabhängig wird, schlechtere Bildungsergebnisse aufweist, obdachlos wird. Wenn ihm seine Kinder weggenommen werden, wenn seine angeborenen Triebe als gefährlich und gewalttätig angesehen werden. Wenn er sich häufig das Leben nimmt oder in den Krieg geschickt wird.

    All das würde nicht passieren, wenn ihm seine Männlichkeit erspart geblieben wäre. Daher ist Männlichkeit wirklich toxisch. Allerdings betrifft diese Toxizität nur ihn selbst.

    Antwort
    1. mindphuk

      „Toxische Männlichkeit“ als Begriff wurde zu erst von einer Sketion spiritueller, amerikanischer Männerrechtler in den 1980ern verwendet. Sie meinten damit eine durch den Feminismus feminisierte Männlichkeit, der sie eine tranditionelle Männlichkeit gegenüber stellten, die auf Beschützerinstinkt und Wettbewerb beruht und welche sie in Camps und Vorträgen studierten.

      Allerdings war der Begriff nicht schlau gewählt, erlaubte er doch durch seine Konnotation von „Giftigkeit“ mit einem Geschlecht, dass Feministen ihn relativ problemlos umdeuten und gegen Männer(rechtler) selber in’s Feld führen konnten. Heute wird er fast ausschließlich von Feministen genutzt gegen Bestrebungen von MRAs, auf Männerpobleme aufmerksam zu machen, unter der Ausnutzung der Tatsache, dass mit dem Begriff ein „ihr seid ja selber Schuld“ mitschwingt, um dann zu behaupten, man würde ja mit dem Feminismus und der Dekonstruktion von Männlichkeit auch Männern selbst wieder helfen wollen.

      Antwort
  2. Mario

    Nette Umdeutung, die wohl leider nicht ins Schwarze trifft. Mit Eigenschaften wird im Regelfall das Subjekt/Objekt oder ein Verhslten belegt. Wenn also die Umwelt schädlich für den Mann ist, wird die Umwelt als toxisch bezeichnet werden. Gerade das geschieht auch aber nicht, während immer wieder Männer als toxisch diffamiert werden.

    Antwort
    1. beweis

      Auf dem Aspekt habe ich auch rumgekaut. Toxisch ist hier allerdings die Eigenschaft, männlich zu sein. Diese wirkt sich schädigend auf das Individuum aus. Die Umwelt ist also nicht primär toxisch, sondern die Männlichkeit. Es geht auch nicht darum, dass Männer toxisch seien, sondern dass ihre Eigenschaft Männlichkeit toxisch wirkt.

      Antwort
      1. Mario

        Genau das meinte ich mit Umdeutung. Nein, nicht die Eigenschaft „männlich“ ist toxisch, dementsprechend auch nicht die Eigenschaft Männlichkeit (ist ja eig. auch keine Eigenschaft, sonst würde sie nicht groß geschrieben ;-) ), sondern die Umwelt erklärt eine geschlechtsspezifische Eigenschaft einfach als toxisch. Schädigend ist somit nicht die Eigenschaft, sondern die Umwelt.

        Toxisch – und damit ist dann auch der ursprüngliche Wortsinn „toxische Männlichkeit“ gemeint, ist dann ggf. typisch männliches Verhalten, wie bspw. mangelhafte Gesundheitsfürsorge. Ob die angeboren oder ansozialisiert ist, ist dann wieder eine andere Frage.
        Ich weiß z.B. von Experimenten, u.a. im gängigen TV/Infotainment, wonach Männer im Durchschnitt schmerztoleranter als Frauen sind. Diese angblichen Geburts-Simualtionen, bei denen Männer sich freiwillig quälen lassen, zähle ich nicht dazu, weil ich sie für unseriös halte. Frauen schütten schmerzlindernde Botenstoffe während der Wehen aus, die Männern bei diesem „Test“ nicht zur Verfügung stehen.
        In seriösen Experimenten werden Männer und Frauen unter gleichen Bedingungen getestet (z.B. Hand oder Arm in Eiswasser) und dort schneiden Männer meist besser ab.

        Gerade diese Schmerztoleranz könnte neben Sozialisierung zu diesem toxischen Verhalten der Männer führen, dass sie bspw. seltener oder später (manchmal zu spät) zum Arzt gehen. Hier könnte man dann tatsächlich mit dem Vorwurf „selbst schuld“ kommen.
        Ähnlich wie bei dem Umstand, dass wir Männer uns eigentlich permanent benachteiligen lassen und Widerspruch meist auf Gelächter stößt.
        Tatsächlich wird dann das Verhalten eines Jungen/Mannes „toxisch“, schädlich und toxisch ist aber im Grunde die Gesellschaft. Und die ist eindeutig feministisch.

        Antwort

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