Hin zu einer maskulistischen Filmkritik: „Der Club der toten Dichter“

Abschließendes Urteil: Kann man sich den Film ansehen? Ja, ist ein Must-Seen.

Spoilerwarnung.

„Denk daran dich immer schön gerade zu halten“ ist als erster Satz zu hören, aus Frauenmund an einen kleinen Jungen gerichtet, der nun der Welton-Academy, einem Internat, das zur absoluten Elite zählt, ausgeliefert wird. Denn genau darum geht es in der Einrichtung: Sich gerade zu halten. Das ganze Leben lang.

So wie das Internat, so sind auch die Schüler Elite, die Entscheider von morgen. Hierzu sind sie einem scharfen Regime unterworfen, dass sie kaum frei atmen lässt. Der Leitspruch lautet: „Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung“, was von den Jungs in einem schwachen Anflug von Rebellion zu „Travestie, Ekel, Dekadenz, Lethargie“ umgedichtet wird.

Die kompromisslose Härte der Bildungseinrichtung ist dabei ganz im Sinne der Eltern, die sich natürlich nur das Beste für ihren Nachwuchs wünschen und diese Wünsche mit aller Strenge durchsetzen. So verbietet der Vater von Neil diesem, ihm vor Anwesenheit anderer zu widersprechen, wie auch am Jahrbuch mitzuarbeiten, eine Tätigkeit, die Neil Freude bereitete. Es ist sozusagen der Ausblick auf ein freudloses Leben, in dem nur Leistung zählt. Die Jungs und späteren Männer sind eingeschlossen in einer Welt, in welcher sie nur die größtmögliche Nützlichkeit zu erbringen haben.

Dieses Muster wird durchbrochen von dem kuriosen neuen Englischlehrer Mr. Keating, wundervoll gespielt vom genauso wundervollen Robin Williams. In der ersten Unterrichtsstunde fordert er seine Schüler auf, die Gruppenfotos ihrer Vorgänger zu betrachten, die genauso wie sie waren, voller Stolz und Hoffnung, jetzt aber tot. Keating macht den Jünglingen eindringlich bewusst, dass das Leben schnell vorbeigeht, dass man irgendwann nur noch Würmerfraß ist, dass die Gefahr besteht, in der Stunde des Todes gewahr zu werden, dass man gar nicht gelebt habe. Deshalb: Carpe Diem. Nutze den Tag, koste das Leben aus. Auch fordert der Lehrer seine Schüler auf, ihn mit O Kaptain, mein Kaptain anzureden – wenn man mutig ist.

Damit stößt Keating ein Tor auf zu einer Welt, in der es mehr gibt als nur Leistung und Pflichtbewusstsein. Die Jünglinge entdecken die Liebe. Zu Frauen. Zur Lyrik. Zum Theater. Das, was das Leben lebenswert macht. Auf Anregung Keatings gründen sie den Club der toten Dichter, in welchem sie sich Poesie vortragen und der eröffnet wird mit den Versen:

Ich ging in die Wälder, weil ich bewusst leben wollte.
Ich wollte das Dasein auskosten. Ich wollte das Mark des Lebens einsaugen!
Und alles fortwerfen, das kein Leben barg, um nicht an meinem Todestag
Innezuwerden, daß ich nie gelebt hatte.

Damit geraten die Jünglinge in Konflikt mit dem System, das aus den jungen Männern Anwälte und Banker machen will. Neil entdeckt seine Liebe zum Theater und übernimmt ohne Wissen seines autoritären Vaters die Hauptrolle in Shakespeares Sommernachtstraum. Er ist dabei sehr gut aber es hilft nicht gegen seinen Vater. Dieser nimmt Neil vom Internat und will ihn auf eine Militärakademie schicken und schreibt ihm zudem vor, was er danach zu studieren hat. Neil erkennt, dass sein ganzes Leben verplant ist und zwar mit dem, was keine Freude bringt. Er darf nicht seinem Herzen folgen sondern soll nur erfolgreich sein; ein ganzes Leben lang unter dem Diktat des sich gerade haltens, unter „Tradition, Ehre, Disziplin, Leistung“.

Neil nimmt sich das Leben.

Die Schuld dazu wird bei Keating gesucht und ihm in die Schuhe geschoben. Die Schüler werden gezwungen, eine unwahre Erklärung zu unterschreiben, die zu Keatings Suspendierung führt. Als Keating ein letztes Mal im Klassenraum erscheint, steigen einige Schüler auf ihre Tische und bekunden ihren Respekt und Liebe mit O Kaptain, mein Kaptain.

Dieser Film fügt sich wunderbar ein in die Erzählungen der Männerrechtler, die den Mann aus der lebenslangen Maloche befreien und ihm ein Leben wie den Frauen ermöglichen wollen. Mit mehr Zeit in Freiheit, mehr in der Familie als im Büro oder auf dem Bau. Der Film ist nach wie vor hochaktuell, denn auch heute ist es für keinen Mann eine Option, zu Hause bleiben, wenn die Kinder kommen. Sie denken nicht mal im Traum an dieses Privileg, wie es Frauen alltäglich einfordern. Denn der Mann wird von der Kindheit an dazu abgerichtet, mit seiner Disziplin und Leistung als Arbeitsdrohne die matriarchale Gesellschaft am Laufen zu halten und er wird ohne Gnade aussortiert, der Obdachlosigkeit oder dem Suizid überlassen, wenn er keine Nutzanwendung mehr hat. Eine Sterbensforscherin interviewte mal dem Tode nahe Menschen. Alle – alle! – Männer bereuten, dass sie zuviel gearbeitet hatten. Sie haben das Mark des Lebens nicht ausgekostet, sie wurden an ihrem Todestag inne, dass sie nie gelebt hatten, sondern sich immer nur gerade hielten.

4 Gedanken zu „Hin zu einer maskulistischen Filmkritik: „Der Club der toten Dichter“

  1. vasshouhs

    Ein schöner Artikel. Leider hat Hr. Williams das gleiche Schicksal eingeholt und die gesellschaftlichen Zwänge, sowie seine gesundheitliche Verfassung, haben uns einen der besten Schauspieler genommen. Ich hoffe das dieses Werk andere junge Männer davon abhält das gleiche Schicksal zu erleiden.

    Antwort
  2. beweis

    Super Besprechung! Habe den Film gesehen, bevor ich den Kontext richtig einordnen konnte. Robin Williams dominiert natürlich mit seiner gutmütigen Kuscheltyp-Art die Emotionen aller Zuschauer. Das ist etwas schade, weil die hier angesprochenen Mechanismen dahinter verblassen.

    Und diese Mechanismen sind es, die die Jungs heutzutage hassen und für die sie von fast allen anderen gehasst werden. Die sie eben so einsam machen in einer Welt, in der sie immer nur falsch handeln können, egal was sie machen – eben weil sie Jungs sind. Es gibt für sie keine Rolle in dieser Welt, in der sie sich zuhause fühlen könnten.

    Also bleibt nur das Schicksal als toter Dichter. Die meisten wären glücklich, wenn sie posthum als Dichter bezeichnet würden.

    Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s