Billy Coen: Verdrängung der Klassenfrage durch Intersektionalismus, oder wie Privilegierte mit gutem linken Gewissen privilegiert werden

Billy Coen:

Ich kann mir vorstellen, dass sich in den Kreisen der nicht wenigen linken Akademiker bzgl. der eigenen Position und Rolle in der Gesellschaft ein Unwohlsein eingenistet hatte. Auf der einen Seite fand man Marx toll, sah aber auch, dass man selbst zu denen gehörte, die über Einfluss und nicht selten Wohlstand verfügten. Eine „linke“ Ideologie, die dann darauf abhebt, dass viel wichtiger als die Zugehörigkeit zu gesellschaftlichen Klassen / Schichten in Wahrheit die Zugehörigkeit zu irgendwelchen mehr oder weniger willkürlichen Gruppen ist, aus denen sich angeblich individuelle Privilegien oder auch Diskriminierungserfahrungen ergeben, kann da als persönlich sehr entlastend wirken. Entweder kann man sich so auf einmal sogar selbst als ganz doll unterdrückt darstellen (Ich habe zwar zig Millionen auf dem Konto und für mich arbeiten 20 000 Menschen, aber ich bin eine schwarze, lesbische, muslimische Rollstuhlfahrerin; bitte unterstützt mich in meinem harten Los!) oder sich wesentlich einfacher, weil oft nur rein virtuell stattfindend, als tugendhafter Unterstützer inszenieren, ohne sich dabei selbst existentieller Bedrohung ausgeliefert sehen zu müssen.

Ein Einfallstor, zumindest in Europa, dürfte dabei tatsächlich die irrige Ansicht gewesen sein, Feminismus sei links, so dass sich mit dieser Ideologie erstmals im linken Lager eine eindeutig auf biologistischem Essentialismus aufbauende Weltsicht ausbreiten konnte (Männer unterdrücken Frauen). Schon damals wurde dabei standhaft der offensichtliche Widerspruch dieses Gemeinplatzes zur traditionell linken Klassenfrage ignoriert, gewiss nicht ohne teils erhebliches Bewältigen kognitiver Dissonanzen. Die Frage, wie ein männlicher Tagelöhner denn bitte die Gattin eines Bankchefs unterdrücken solle, war so naheliegend und derart entwaffnend, dass sie einfach nicht mehr gestellt werden durfte, sobald es um die „Geschlechterfrage“ ging.

Durch die nunmehr nahezu vollständig stattgefundene Importierung weiterführender intersektionalistischer Biologismen aus den USA, stehen Identitätslinke endgültig nicht mehr vor der Aufgabe, diesen Widerspruch verleugnen zu müssen. In ihrem Weltbild wurde die traditionell linke Klassenfrage unter derart viel Bullshit begraben, dass sie quasi nonexistent geworden ist. Identitätslinke müssen keine kognitiven Dissonanzen mehr auflösen, um die offenen Widersprüche ihres biologistischen Essentialismus‘ zur Klassenfrage zu bewältigen, sie sehen diese Widersprüche einfach nicht mehr, weil das Konzept von Klasse in ihren Überlegungen gar nicht mehr auftaucht.

Es ist also wohl eher keine „böse Absicht“, sondern eher eine Entwicklung aus Bequemlichkeit heraus. Der Intersektionalismus ist ein klares Kind elitärer Kreise. Auch in diesen Kreisen ist es schick, sich selbst als links zu bezeichnen, weil links irgendwie allgemein als „gut“ gelabelt wird. Der Intersektionalismus als „linke“ Ideologie bringt nun aber direkt mit sich, dass sich Leute, die nach traditionell linker Sichtweise klar zu den „Privilegierten“ zählen, sich nicht mehr als solche fühlen und hinterfragen müssen. Der Intersektionalismus hält für viele Dinge bereit, dank derer sie sich an sich selbst etwas suchen können, um sich trotz allem Wohlstands und gesellschaftlichem Einflusses als irgendwie doch eigentliches Opfer darstellen zu können. So kann man sich auch als reiche Bankierstochter links fühlen, ohne sich aufgrund der eigenen Überzeugungen hinterfragen zu müssen.

Und selbst jene, für die der intersektionale Opferkatalog kein Kriterium bereithält, können Abbitte leisten, ohne wirklich schmerzhaft ans Eingemachte gehen zu müssen. Zumindest bis jetzt reicht es für jene aus, sich einfach ab und zu via Twitter ob ihrer weißen Männlichkeit verbal zu geißeln, um sich auch weiterhin als einer von den Guten fühlen zu können.

Früher haben Intellektuelle die linke Arbeiterbewegung philosophisch mit Ideen unterstützt, heute haben sie sie auf dem politischen Parkett weitgehend hingerichtet und ersetzt durch eine „linke“ Ideologie, mit der sie sich in erster Linie selbst aufgrund ihres eigenen gesellschaftlichen Status‘ reinwaschen können, sich nicht ob ihrer eigenen Privilegien „schämen“ müssen.

9 Gedanken zu „Billy Coen: Verdrängung der Klassenfrage durch Intersektionalismus, oder wie Privilegierte mit gutem linken Gewissen privilegiert werden

  1. Jonas

    Links zu sein war nie beschränkt auf Klassenkampf oder Arbeiterbewegung. Links und Rechts haben und hatten nie einen festen politischen Inhalt, sondern bezeichnen einfach nur, dass sich im politischen Diskurs im Großen und Ganzen immer zwei (bzw. drei) konträre Lager abzeichnen: Das linke, das rechte (und die Mitte). „Links“ heißt nicht sozialistisch, sondern links heißt „nicht rechts“. Und „Rechts“ heißt nicht nationalistisch oder kapitalistisch sondern rechts heißt „nicht links“. Es sind rein relative Begriffe, d.h., sie machen nur in Bezug aufeinander Sinn.

    Wofür die Linken und wofür die Rechten stehen, ändert sich von Zeit zu Zeit. Manchmal dreht es sich sogar um. Das ist normal. Dass Quotenpolitik und Väterschikanierung nicht im Sinne des Proletariats ist, ist völlig klar. Links ist dieser Unfug aber trotzdem, denn er kommt halt aus dem linken Spektrum und ist dort unhinterfragbares Dogma.

    Natürlich hat Femnismus wenig bis gar nichts mit der Aufhebung der ökonomischen Klassengegensätze und der Überwindung des Kapitalismus oder sonst irgendwie mit der Vertretung von Arbeiterinteressen zu tun. Ökologie und Antirassismus aber auch nicht. Trotzdem ist all das klar erkennbar aus dem linken Lager erwachsen und kann dort als unhinterfragbares Dogma gelten, ergo ist es heute links. Maskulisten hingegen, auch wenn sie noch so sozialdemokratisch/sozialistisch und noch so liberal oder egalitär sein mögen, sind heutzutage notwendigerweise und grundsätzlich gegen dominierende Strömungen des Feminismus. Dementsprechend ist alles aus dem Bereich Maskulismus automatisch rechts oder maximal noch Mitte, aber unmöglich links, ob einem das gefällt oder nicht, ist egal. Und was ist denn so schlimm an dieser Vorstellung? Du kannst geschlechterpolitisch rechts oder mittig stehen, aber sozialpolitisch trotzdem klassische linke Positionen vertreten.

    Antwort
      1. Jonas

        Diesem Artikel stimme ich zwar inhaltich weitgehend zu, bzw. ist mir völlig klar, dass „linke“ Maskulisten keine Konservativen oder Traditionalisten (oder gar Faschisten) sind, aber argumentativ geht der Artikel an dem, worüber ich rede, vorbei. Links und rechts haben keinen konkreten Inhalt. Rechts heißt nicht grundsätzlich „gegen Menschen bzw. gegen Männer“ und Links heißt nicht grundsätzlich „für Menschen (und damit auch für Männer)“.
        Ein Bsp. aus deinem Artikel:

        „Und damit sind wir gleich beim ersten Punkt, warum Männerrechtler nicht rechts sind: Sie hängen nicht einem Bild von dem starken Mann und der schwachen Frau an. Sie verlangen Männern nicht ab, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl zu sein, wie es dem rechten und dem faschistischen Ideal entspricht, sondern gestehen ihnen zu, auch schwach zu sein, ja sogar gegenüber Frauen.“

        Schön und gut, aber was genau soll an diesem Männerbild links sein? Seit wann dürfen Männer bei den Linken schwach sein und bei den Rechten müssen sie immer hart sein? Man könnte es auch andersherum sehen: Progressive (linke) Kräfte haben Männern meist mehr Härte und Gefühllosigkeit abverlangt und der Feminismus als urlinke Ideologie tut dies auf seine Weise bis heute. Rechte und Konservative hingegen haben Männern oft mehr Schwäche zugestanden. Wenn du willst, kann ich darauf etwas näher eingehen, doch es geht mir hier gar nicht darum, hier nachzuweisen, dass die Rechten menschenfreundlicher sind als die Linken, sondern es geht mir darum, zu zeigen, dass deine Vorstellung von links und rechts stark verengt sind. Links scheint bei dir „irgendwie nett“ zu heißen und rechts „irgendwie fies“. Das stimmt aber nicht und hat nie gestimmt. Linken ging es nie nur darum irgendwen zu befreien, sondern Linken ging es gleichzeitig auch immer darum, zu versklaven. Bei den Rechten ist es ähnlich. Die heutige Männerverachtung der Linken fügt sich problemlos in ihre Geistesgeschichte.

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        1. uepsilonniks Autor

          Ich pflege lange nicht (mehr) so ein positives Bild von Linken: Identitäre, Gewaltbereite, die mich bedrohen, Antifa… da gibt es viel, woran man Anstoß nehmen könnte.

          Ja, Linke im Bündnis mit Feministen stellen den weißen Mann unter Anklage und muten ihnen viele Härten zu, verweigern ihnen zugleich Hifle; der offizielle Standpunkt ist aber, dass der Mann schwach sein darf und steht damit im Gegensatz zur soldatischen Männlichkeit der Rechten.

          Und dass Feminismus links sei, lässt sich auch in Zweifel ziehen:
          Warum Feminismus nicht links ist (und die Männerrechtsbewegung nicht rechts)

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  2. Jonas

    „Auch in diesen Kreisen ist es schick, sich selbst als links zu bezeichnen, weil links irgendwie allgemein als „gut“ gelabelt wird.“

    ganz genau, aber denk mal darüber nach 😉

    Antwort
  3. ClaudiaBerlin

    Mal zu „links“:

    Ist „links“ nicht hauptsächlich mit dem Eintreten für Unterdrückte und Marginalisierte jeder Art assoziiert? Spätestens nach dem Scheitern der K-Gruppen 68-Folgende an den Toren der Fabriken war doch klar, dass dem Kapitalismus so nicht beizukommen war: Die „Arbeiter“ hatten kein Interesse, ihre Fesseln abzuwerfen, weil sie keine spürten, bzw. das „Schmerzensgeld“ genug Ausgleich bot. Die Lohnzuwächse konnten sich sehen lassen, ein bescheidener Wohlstand war in der Deutschland-AG für viele möglich geworden.

    Die „Klassenfrage“ als Hauptinhalt linker Politik war somit erstmal selbst marginalisiert. Und sie feierte auch keine Wiederauferstehung, als die Globalisierung intensiviert wurde, der prekäre Sektor entstand und immer mehr Menschen weit vom Lebensstandard des tariflich abgesicherten Facharbeiters (SPD-Klientel) entfernt leben mussten. Akademiker fuhren Taxi, Studierte und gut Ausgebildete wurden arbeitslos und in ALHI geparkt, weil sie als „schwer vermittelbare Fach und Führungskräfte“ für miese Jobs „überqualifiziert“ waren. Mit Agenda 2010/Hartz4 wurde das geändert, jetzt muss jede Arbeit akzeptiert werden, sonst drohen Sanktionen, die – eigentlich verfassungswidrig – sogar das Existenzminimum angreifen.

    Das entstandene Prekariat, das zu großen Teilen nicht mehr zu den althergebrachten Vorstellungen vom „Arbeiter“ passt (es zählen auch in Praktika Augebeutete und stets befristet jobbende Studierte dazu) wird immerhin von der LINKEN adressiert, ist aber zu zersplittert und individualisiert, als dass da ein neuer „Klassenkampf“ organisiert werden könnte.

    Weil das also extrem sperrig und ziemlich aussichtslos ist, wendet sich „links“ eben anderen Unterdrückten zu. Dass noch in den 70gern die Lage der Frauen nicht gleichberechtigt war, müsste auch der hiesigen Leserschaft klar sein – also hat es gepasst. Und heute passt eben das Eintreten für „LGBTQI*“ und für „vom Rassismus Betroffene“.

    Ich halte selbst diverse Erscheinungsformen der intersektionalen Neo-Linken für spalterisch und falsch, weil ideologische Konzepte einfach aus den USA übernommen wurden, die hier auf keine vergleichbare Historie treffen und insofern nicht passen. Dass der „Kampf gegen Rassismus“ zu „links“ passt, bezweifle ich jedoch nicht.

    Aus meiner Sicht passt auch das Eintreten für Männer und Väter zu „links“, sofern sie in einigen Verfahren der Familienpolitik, im Strafrecht oder wo auch immer tatsächlich benachteiligt sind.

    Dass das vielfach noch nicht so gesehen wird, liegt auch daran, dass derzeit Männer mehrheitlich diese Anliegen noch nicht als eigene ansehen, sich nicht „genug betroffen“ fühlen.

    Antwort
    1. Mario

      Dass noch in den 70gern die Lage der Frauen nicht gleichberechtigt war, müsste auch der hiesigen Leserschaft klar sein – also hat es gepasst.

      Stimmt… Schon in den 70ern mussten Männer Wehrdienst ableisten, Frauen dagegen nicht.
      Diese Ungerechtigkeit benachteiligt bis heute die armen, unterdrückten Frauen.

      Antwort

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