Ein kaputter Typ

Zum Thema sexuelle Belästigung lässt sich festhalten, dass erstens auch Frauen belästigen, und zweitens, dass die Meisten, die belästigen, in der Regel gar nicht belästigen wollen, sondern einfach nur Nähe suchen; eine meine Interviewpartnerinnen brachte das mal mit der griffigen Formel auf den Punkt: „Welcher Mann will denn schon belästigen?“

Jetzt berichtete in einem sozialen Medium eine Frau von einer besonders unangenehmen Begegnung. Beim Einkaufen habe sie sich feuchtes Toilettenpapier in den Einkaufswagen gelegt, woraufhin ein ungepflegter Mann auf sie zugekommen sei, und „Da biste sauber wie geleckt.“ von sich gab. Natürlich war sie davon nur noch angeekelt.

Um das mal zu analysieren, stellen sich die Fragen: „Was will er?“ und „Wie will er es erreichen?“.

Die mangelnde Körperpflege lässt schließen: Vermutlich ein Arbeitsloser ohne Familie und Freunde, ein Alkoholiker, der verwahrlost. Wahrscheinlich einsam, ganz allein. Als so einer sucht er menschliche Nähe, um die erste Frage zu beantworten, geht dabei aber größtmöglich ungeschickt an die Sacher heran. Wenn er so kaputt ist, dass er sich auch nur die kleinste Chance ausrechnet, mit solchem Verhalten eine positive Reaktion zu ernten, ist er noch kaputter als er sowieso schon den Eindruck macht. Vielleicht ist er sich aber auch bewusst, dass die Reaktion auf so einen Spruch nur negativ, nur schockiert ausfallen kann. Negative Aufmerksamkeit ist aber immer noch Aufmerksamkeit, und Ablehnung zu erfahren ist immer noch eine Form zwischenmenschlicher Interaktion, was für ihn vielleicht immer noch besser ist, als von jeglichem Umgang mit anderen Menschen ausgeschlossen zu sein.

Dieser Typ hat weniger Hass verdient, zu dem Feministen tendieren, als vielmehr tiefstes Mitleid. Die einzige richtige Reaktion auf sowas ist: „Sie tun mir Leid, suchen Sie sich Hilfe.“

2 Gedanken zu „Ein kaputter Typ

  1. beweis

    Gutes Beispiel. Kommunikation mittels Provokation zu erzwingen ist aber ein weit verbreiteter Verhaltensmechanismus bei beiden Geschlechtern. Dazu muss man gar nicht allzu kaputt sein. Allerdings unterscheidet sich der provokative Inhalt. Bei Frauen wirkt in der Regel alles, was mit Intimität, Körper und Sexualität zu tun hat, sogar hinterherpfeifen oder auf den Po starren. Männer springen auf vorgebliches Fehlverhalten an („Müssen Sie so nah an meinem Wagen parken“).

    Wenn ich eine Tüte Luftballons im Einkaufswagen liegen habe und eine Dame sagt mir „Sie blasen wohl gerne“, dann kann ich damit umgehen, muss vielleicht sogar lachen – aber auf keinen Fall greife ich zum Hilfstelefon oder suche therapeutische Betreuung. Dass die Dame so ihre emotionale Einsamkeit bekämpft und vielleicht Hilfe braucht, das denke ich mir nur, sag es ihr aber nicht – denn sonst werde ich sie nicht mehr los.

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  2. Androsch Kubi

    In solchen Kreisen ist das nur eine witzige flapsige Bemerkung und natürlich gibt es auch Frauen, die über so ein Wortspiel lachen würden.

    So Leute, die ihre Gehirn kaputtgesoffen haben, merken das gar nicht mehr, wenn jemand sich gestört fühlt (oder es ist ihnen egal). Aber es gibt auch noch andere psychisch Auffällige, mir hat neulich ein Mann am Bahnhof (als ich auf meine Familie wartete) ungefragt ein Gespräch aufs Auge gedrückt, schlenderte ungefragt neben mir her und laberte mich voll. Wenn ich dem nicht entgehen kann, versuche ich freundlich distanziert zu bleiben und warte auf eine Fluchtmöglichkeit :-) Weiß der Himmel, warum die das machen, vielleicht sind sie sterbenseinsam oder sowas, keine Ahnung.

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