Crumar über die TIMMS-Studie zum Zurückbleiben deutscher Schüler und Jungen

Das wird noch mal richtig böse für Deutschland:

TIMMS 2019 ist erschienen und der Tagesspiegel titelt noch wohlwollend: „Grundschüler fallen international zurück – Laut der internationalen Timss-Studie liegen Grundschüler aus Deutschland in Mathematik und Naturwissenschaften im Mittelfeld“
Der Abstand zur Spitzengruppe: „Singapur liegt rund hundert Punkte vor Deutschland – das entspricht eigentlich fast drei Lernjahren.“
Getestet wurden (überwiegend) Viertklässler.
Mit drei Lernjahren Rückstand.
Noch Fragen?

Das hier ist mehrfach falsch: „Könnte Deutschland von den Ländern Ostasiens etwas lernen? Studienleiter Knut Schwippert, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg, zeigte sich da skeptisch. In diesen Staaten würde Kindern vielleicht energischer Fehler im Unterricht ausgetrieben. Aber ob man das oft auf Drill ausgerichtete System in einer offenen Gesellschaft wie der deutschen wirklich übernehmen wollen würde, müsste man zumindest hinterfragen.“
Diese Schüler sind nicht nur in der Reproduktion von Fakten besser, sondern auch in der Problemlösekompetenz – es liegt erkennbar nicht am „Drill“.
Zweitens ist der Abstand zu Russland in den Naturwissenschaften 567 zu 518 Punkte und in Mathematik 567 zu 521 Punkte. Auch das ist jeweils deutlich mehr als ein Lernjahr Unterschied und es handelt sich um kein Land „Ostasiens“.

Nun zu den Geschlechter- und Klassenaspekten:
Wie ich an anderer Stelle bereits geschrieben habe, wird m.E. „grade inflation“ betrieben, d.h. die Ansprüche an gute oder sehr gute Leistungen werden künstlich abgesenkt, speziell um Mädchen zu begünstigen.

In Mathe: Stehen in TIMMS 32,1% der Mädchen und 38,7% der Jungen auf den Kompetenzstufen V und IV, so haben 48,8% der Mädchen und 54% der Jungen im Zeugnis die Schulnote 1 und 2.
Laut TIMMS haben die Kompetenzstufen I-III 67,8% der Mädchen, 51,2% landen in der Notenskala zwischen 3-5. Bei Jungen befinden sich 61,4% in den Kompetenzstufen I-III und 46% landen dort (Rundungsfehler bitte ignorieren).

In Naturwissenschaften gelingt eine Umkehrung der Testergebnisse im Verhältnis zu den Schulnoten (plus grade inflation):
Stehen in TIMMS 35% der Mädchen und 37,9% der Jungen auf den Kompetenzstufen V und IV, so haben 64,1% der Mädchen und 58,7% der Jungen im Zeugnis die Schulnote 1 und 2.
Laut TIMMS haben die Kompetenzstufen I-III 65% der Mädchen, 35,5% landen in der Notenskala zwischen 3-5. Bei Jungen befinden sich 62,1% in den Kompetenzstufen I-III und 41% landen dort.

Prozentuale Differenzen der Ergebnisse von TIMMS zur Note – also getestete Kompetenzstufe zu Schulnote im Zeugnis:
Mädchen Mathe
V/IV zu 1/2: +52,1%
Jungen Mathe
V/IV zu 1/2: +39,5
Mädchen Naturwissenschaften
V/IV zu 1/2: +83,1%
Jungen Naturwissenschaften
V/IV zu 1/2: +54,9%
Das zeigt sehr deutlich, wem diese „grade inflation“ nützt.

Ihr werdet viele mediale Tränen zu Boden plätschern hören, wenn es um die Diskriminierung in Sachen Gymnasialempfehlungen der Lehrkräfte (die zu 87% Frauen sind) aus sozialen Gründen oder wg. „Migrationshintergrund“ geht, nicht jedoch in Sachen Geschlecht, was ich hier nachhole.

Der „Schwellenwert“ für eine Gymnasialempfehlung liegt im Schnitt bei 549 Punkten in Mathe und 552 Punkten in Naturwissenschaften.
Nicht jedoch wenn es sich um ein Mädchen handelt, dann reichen 535, bzw. 540.
Bei Jungen ist ist die erforderliche Punktzahl in Mathe 562 und 563 Punkte in den Naturwissenschaften.
D.h. das übliche Spiel: Mädchen reichen -27 Punkte in Mathe und -23 Punkte in den Naturwissenschaften gegenüber Jungen für das gleiche Ergebnis.
Jungen brauchen +12 und +11 Punkte über dem Schnitt für eine Gymnasialempfehlung.
Dass Mädchen „doppelt so hart arbeiten müssen“ ist eine Lüge.

Die Klassendifferenzen sind in der Tat eklatant; reichen der Lehrkraft (m/w/w/w/w/d) bei Eltern aus den „Oberen Dienstklassen“ 518 und 506 Punkte, so ist das verlangte Niveau bei elterlichen „Facharbeitern“ bereits 562 und 567 Punkten.
Erkennbar ist „intersektional“ gesehen, der Anspruch lässt sich in Bezug auf Jungen mit dieser sozialen Schicht vergleichen, während Mädchen sich drei soziale Schichten darüber ansiedeln.
Eine Klasse für sich, sozusagen.

Unabhängig von Klasse und Geschlecht sehe ich schwarz für die Zukunft Deutschlands.
Der Anteil (sehr) guter Schüler und Schülerinnen in Mathe und Naturwissenschaften ist im internationalen Vergleich gering, gesondert gefördert werden sie nicht. Es ist auch gar kein Personal da, das dies leisten könnte – die Fortbildungsquote der Lehrkräfte ist im internationalen Vergleich ebenfalls mies. Die offensichtliche Diskriminierung von Jungen in der Schule ist das Sahnehäubchen auf diesem Kackhaufen.

Quellen: https://www.tagesspiegel.de/wissen/timss-studie-zeigt-schwaechere-leistungen-grundschueler-fallen-international-zurueck/26693702.html
TIMMS Studie 2019, Tabellen 8.1-8.2 sowie 11.7

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