Warum Schwarzsein ein Albtraum für Schwarze ist – „Sei kein Schwarzer“

Diesen hervorragenden Artikel auf jetzt.de muss ich rebloggen:

Toxisches Schwarzsein führt in den USA dazu, dass Schwarze mit einem Anteil an der Bevölkerung von gerade mal 13% für satte 50% der Gewaltverbrechen wie Raub, Mord und Vergewaltigung verantwortlich sind. Die billige Ausrede, dass liege an den sozioökonomischen Verhältnissen, ist aber keine Erklärung, da es in absoluten Zahlen doppelt soviele arme Weiße gibt wie Schwarze, diese aber viel seltener Verbrechen begehen. Schwarze sind Mörder, Gewalttäter und Vergewaltiger. Warum Schwarzsein ein Albtraum für Schwarze ist, zeigt JJ Bola in seinem Buch „Sei kein Schwarzer.“

Bola über toxisches Schwarzsein.

Es ist anstrengend als Schwarzer ein Buch über Schwarzsein zu lesen. Weil man sich ständig korrigiert fühlt. Es gibt viele Formen von Schwarzsein, und unter diesen soll eben diese eine schwarze Identität in ihrer toxischen Form abgeschafft werden. Stattdessen sollte jeder seine schwarze Identität unter den vielen Arten davon finden. Das sagt zumindest JJ Bola in seinem Buch „Sei kein Schwarzer“, das den Untertitel „Warum Schwarzsein ein Albtraum ist“ trägt.

Bola, der als Sechsjähriger aus dem Kongo mit seiner Familie nach New York floh, weiß, was die Tatsache, dass es für viele Schwarze nur die eine schwarze Identität gibt, anrichten kann. Er beschäftigt sich als Sozialarbeiter seit Jahren mit den psychischen Problemen von schwarzen Jungen und erwachsenen Schwarzen verschiedenen Alters. Und er sagt, dass viele deren Probleme mit ihrem Bild vom Schwarzsein zusammen hängen.

Bola hat die Erfahrung gemacht, dass auch Schwarze zu zivilisierten Verhalten in der Lage sind und nützliche Mitglieder der Gesellschaft sein können. Eine solche schwarze Identität aber reizt Ghettoschwarze zu Spott, diese hängen einem Bild vom gewalttätigen Schwarzsein an, mit der sie ihre Umwelt dominieren und terrorisieren.

Anhand solcher Geschichten erklärt Bola, wie klassisches Schwarzsein Schwarze einschränken kann. Im Extremfall kann der Zwang durch Schwarzsein Bola zufolge bis hin zu seelischen Krankheiten und Mord führen. Schwarze werden eher als Weiß obdachlos, drogenabhängig, gewalttätig oder suizidal. Das alles belegt Bola in „Sei kein Schwarzer“ mit Quellen aus der Wissenschaft und zeigt so viele Beispiele dafür, wie toxisch Schwarzsein sein kann, dass wohl jeder Schwarzer sich in einem davon wieder finden sollte.

Noch immer fehlt jungen Schwarzen eine Alternative zum klassischen Schwarzsein.

Als Schwarzer überprüft man sich beim Lesen dieser Beispiele, fragt sich: Bin ich so? Hab ich das schon mal gemacht? Hab ich mal so gedacht? Warum hab ich früher auf dem Basketballplatz gesagt, „Heul nicht rum“, wenn jemand nach einem Foul auf dem Boden lag und nicht wieder aufstehen wollte? Die Antwort: Weil man selbst als Schwarzer das toxische Bild vom Schwarzsein hatte, das dieses Buch abschaffen will. In diesem Fall: Ein Schwarzer sein heißt, Schmerz nicht zu zeigen, auf die Zähne zu beißen und weiter zu machen.

Jungen Schwarzen fehlt auch heute noch eine Alternative zum klassischen Schwarzsein, sagt JJ Bola. Er zeigt in seinem Buch einige davon, zum Beispiel, dass Schwarze über ihre Gefühle reden müssen oder sie wenigstens in ein Tagebuch schreiben sollen. Schwarze sollten unter sich die Floskel „So sind Schwarze eben“ oder auf Englisch „blacks will be blacks“ hinterfragen – müssen Schwarze wirklich so sein?

Bola beschäftigt sich in seinem Buch auch mit dem Thema Schwarzssein aus krimilogischer Sicht, etwa in Verbindung mit der Rapeculture – toxisches Schwarzsein führt überproportional oft zu Vergewaltigung. Mit diesem Thema trifft er einen als schwarzen Leser besonders, weil hier mehrere Privilegien gezeigt und hinterfragt werden: Schwarzsein, amerikanisch sein.

Einer der größten Beweggründe dieses Buch zu machen, schreibt Bola im letzten Kapitel, wäre gewesen, dass er selbst gerne so ein Buch als heranwachsender Schwarzer gelesen hätte. Dass ein Buch einen Menschen besser macht, ist so ein Satz, den Christine Westermann im Literarischen Quartett sagen würde. So weit muss man jetzt bei „Sei kein Schwarzer“ nicht gehen, aber es lässt einen auf jeden Fall nachdenken. Über schwarze Identitäten, über das eigene Schwarzsein und über die Gewalttätigkeit, die damit einhergehen. Und das kann sicher keinem Schwarzen schaden.

2 Gedanken zu „Warum Schwarzsein ein Albtraum für Schwarze ist – „Sei kein Schwarzer“

  1. Renton

    Ich habe zuerst den Originalartikel auf jetzt.de gelesen. Wohlwollend kann man Bolas Buch als Debattenbeitrag über Rollenbilder verstehen. Ich finde aber, dass man als jetzt.de-Journalist durchaus ein bisschen weiter denken darf, als den Buchinhalt nur zu referieren. Man sollte auf die durch ein Rollenbild aufgeworfenen Ambiguitäten aufmerksam machen, die Bola in seiner einseitig negativen Darstellung außen vor lässt. Konkret zum Beispiel darauf, dass die Forderung an Jungen/Männer, hart zu sich selbst zu sein, eine unabdingbare Voraussetzung dafür ist, dass Männer für andere ihr Leben als Retter in der Not riskieren. Oder dass generell ein „Heul nicht rum!“ oft genug eine sinnvolle Forderung ist, und zwar nicht nur an Männer, sondern auch an Frauen.

    Ein bisschen mehr vom Ergebnis des „[das Buch] lässt einen auf jeden Fall nachdenken“ würde einem Rezensenten jedenfalls gut zu Gesicht stehen.

    (Eigentlich müsste das hier als Kommentar auf jetzt.de stehen, aber die Feiglinge haben keinen Kommentarbereich. Na, sie werden wissen, warum.)

    Übrigens nett, dass Du den Fussballplatz im Original durch einen Basketballplatz ersetzt hast, @uepsi 🙂

    Antwort

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