Hin zu einer maskulistischen Filmkritik: Antichrist

Man beachte das t in Antichrist.

Abschließendes Fazit: Wer Horrorfilme mag, die langsam Spannung aufbauen, wird auch diesen Film mögen – zusätzlich ist er für Maskulisten interessant, also erst anschauen, dann hier lesen.

Ich bin ja den Hollywoodtrash gewöhnt, also schnelle Filme. Antichrist ist ein langsamer Film, man muss sich auf ihn einlassen. Dann aber wird er sehr intensiv. Bei manchen Szenen konnte ich gar nicht hinschauen, ich guckte weg und hob abwehrend die Hände.

Spoilerwarnung.

Der Film wurde mit den vernichtenden Urteil „frauenfeindlich“ etikettiert. Nun, angesichts dessen, dass unzählige Filme Geschichten von bösen Männern erzählen, finde ich es bezeichnend, wie empfindlich man reagiert, wenn es sich mal andersrum verhält, was selten genug vorkommt. Aber andererseits: Die Reinkarnation des Bösen schlechthin ist eine Frau, aber nicht nur das: Nicht steht einfach nur eine Frau, sondern die Frau für das Böse, manifestiert sich in ihr, ist es – wenn auch mit schizophrenem schlechten Gewissen. Die Frau ist der Antichrist.

Die Protagonisten des Films haben keinen Namen, sie stehen also nicht für Individuen sondern repräsentieren als Mann und Frau die Geschlechter vom Wesen her. Die Geschichte beginnt damit, dass Mann und Frau Sex haben, während ihr Sohn beim kindlichen Erkunden seiner Umwelt ums Leben kommt. Das wirft die Frau und Mutter in eine tiefe Krise, die von ihrem Mann als eine Art Psychotherapeut behandelt wird.

Im Zuge der Therapie will der Mann, dass sich seine Frau ihren schlimmsten Ängsten stellt, und das ist die Natur, wobei im späteren Verlauf deutlich wird, dass diese Angst vor der Natur auch die Angst vor sich selbst, vor der eigenen Natur ist. Also brechen sie zu ihrer abgeschiedenen Waldhütte auf, wo die Situation dann eskaliert. Der Mann findet dort die Doktorarbeit seiner Frau, welche die Hexenverfolgung zum Thema hat, also, wie der Mann selber feststellt, die Ermordung unschuldiger Frauen, die als Hexen bzw. Kräuterfrauen der Natur besonders nahe standen (dass auch Männer als Hexer verfolgt wurden, wird unterschlagen). Die Natur aber ist in dem Film nichts schönes, nichts naturromantisches sondern geradezu bestialisch brutal. Ihre Grausamkeit zeigt sich z.B. daran, wie ein Raubvogel sein eigenes Junges frisst. Wenn aber Frauen der Natur unter diesem Vorzeichen besonders nahe stehen, was sagt das dann aus über Frauen, über die Frau?

Der Mann, ganz modern und aufgeklärt, spricht dann über Frauen als verfolgte Unschuld. Seine Frau sieht das anders. Bereits in eine Psychose abgleitend gibt sie zu erkennen, dass für sie Frauen von Natur aus bösartig wären, und die Natur, so sagt sie, sei die Kirche des Satans. Wie um das unter Beweis zu stellen, lebt sie einen Gewaltexzess gegen ihren Mann aus. Ich habe immer mal wieder mit Leuten zu tun, die damit überfordert sind, sich vorzustellen, dass häusliche Gewalt von Frauen gegen Männer ein großes Problem ist, denn der Mann könnte sich doch locker wehren. Die im Film gezeigte Gewalt verdeutlicht, dass es mitnichten so einfach ist.

Die Frau gleitet in eine Schizophrenie ab, in welcher sie befürchtet, dass ihr Mann sie verlassen könnte, ihn aber zugleich auf das brutalste misshandelt und ihn mit Folter an sich binden will. In einer Rückblende wird auch deutlich, dass sie schuld am Tod ihres Sohnes ist, den sie während des Geschlechtsaktes beobachtet hatte, beobachtete, wie er sich in den Tod stürzte, ohne einzugreifen. Schließlich schneidet sie sich mit einer Schere die Klitoris ab, lehnt also ihr Frausein radikal ab – auch eine Szene, bei der ich nicht hingucken konnte. Am Ende tötet der Mann seine Frau und macht sich schwer verletzt auf den Weg hinaus aus der Natur, wobei unklar bleibt, ob seine Flucht gelingen wird.

Der Film ist ein Fest für solche, die gerne interpretieren. Ich habe hier nur einen Bruchteil davon angesprochen. Weil er als frauenfeindlich verstanden wurde und wohl auch wegen der Brutalität einiger Einstellungen avancierte er zum Skandalfilm. Mich lässt er etwas ratlos zurück, wollte Lars von Trier wirklich sagen, dass das Böse weiblich ist?

Ein Gedanke zu „Hin zu einer maskulistischen Filmkritik: Antichrist

  1. Renton

    Achtung, Spoiler!
    (ein kleiner Spoiler in Absatz 1, ein großer in Absatz 3)

    „Antichrist“ ist der beste (? auf jeden Fall der intensivste!) Horrorfilm, den ich je gesehen habe. Allein das lange Gespräch im Zug, wo de facto nichts passiert, und am Ende ist man mit den Nerven völlig fertig 🙂 Ich habe den Film mit einigen Freunden im Kino gesehen, wir und alle anderen Besucher waren sehr blass um die Nase, als wir das Kino verließen. Da eine von den Freundinnen schon Erfahrung mit Lars-von-Trier-Filmen hatte, hatte sie bereits vorher darauf bestanden, dass wir den Film anschließend bei einer gemeinsamen Café-Runde sacken lassen, und das war auch wirklich gut so. Den Film kann man wirklich nur Horrorfreunden empfehlen, alle anderen sind dort sehr wahrscheinlich nicht gut aufgehoben.

    Ich würde bei dem Film nicht nach einer allzu klaren Aussage von Triers forschen. Wenn von Trier einen Film macht, dann will er einen wirklich guten Film machen; und wenn das ein Horrorfilm ist, steht die Horrorwirkung im Vordergrund. Interpretationen wie „von Trier will sagen, dass das Böse weiblich ist“, müssen sich an von Triers Gesamtwerk messen lassen. Ich kenne von ihm nur noch „Dogville“, aber in diesem Film findet die genannte Interpretation meines Erachtens keine Bestätigung.

    Es ist, wie Du sagst: Kaum ist mal eine Frau ein wirklich übler Bösewicht, schon drehen die Berufssexisten am Rad, für die das heilige Wesen Frau auf gar keinen Fall befleckt werden darf. Ich kann mich nicht entsinnen, dass irgendjemand von uns Kinogängern den Film damals als frauenfeindlich verstanden hat.

    Wir waren einfach nur mit den Nerven fix und fertig, so wie man es nach einem gelungenen Horrorfilm erwarten darf 🙂

    Antwort

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