Der unflexible Linke

Links feiert jetzt auch auf einmal den Überwachungs-, Zensur- und Polizeistaat, seit sich dessen hochnotpeinlichen Instrumente so schön gegen den Gegner einsetzen lassen. Deplatforming. Ausladungen. Demoverbote. Knüppelgarde. Inlandsgeheimdienst. Funkzellenüberwachung an der Stadtgrenze Berlins. Wird von links alles abgefeiert. Auch das war nie der Deal. Der Deal war: Kein Polizeistaat. Keine Überwachung. Keine Zensur. Nicht einen Fußbreit. Gar nicht. Unter gar keinen Umständen. Und mit gar keinem Vorwand.

Ich fühle mich sehr fremd jetzt. Dabei stehe ich immer noch dort wo ich immer war. Habe mich gar nicht bewegt. Bin da sehr traditionell. Oder unflexibel, wenn Sie so wollen. Und glaube in meiner alten Linksdenke entgegen dem, was heute als links durchgeht, gerade nicht, dass sich der Staat im Moment um die Gesundheit von mir, Ihnen oder überhaupt irgendwem sorgt. Weil das nämlich der Staat ist. Dem bin ich so egal wie der mir. Ich bin für den nur eine Wurst. Wie Sie auch. Wie jeder. Der interessiert sich einen Fick. Wenn ich morgen abkratze, dann ist dem Staat das so maximal egal wie irgendwem irgendwas egal sein kann. Er muss dann halt eine Steuernummer im System löschen. Klick. Weg. Und bei der jährlichen Haushaltsaufstellung fällt ein Posten auf der Einnahmenseite weg und es fehlt fortan einer der Idioten, der Rundfunkgebühren für diejenigen abdrückt, die inzwischen kilometerweit an ihm vorbei senden.

Der Artikel eines wahren Linken ist zur Gänze lesenswert.

3 Gedanken zu „Der unflexible Linke

  1. djadmoros

    War auch alles schon mal da. Ich lese ja gerade zu Richard Wagner, als Teil eines größeren Argumentationszusammenhangs. Teil der Revolution von 1848/49 war auch der Dresdner Maiaufstand, dritter bis neunter Mai 1849. Ganz prominent dabei: Michail Bakunin, der russische Anarchist. Auch ganz prominent dabei: Richard Wagner, über den einer seiner Biografen schreibt:

    »In Wagners Garten versammelten sich unmittelbar vor Beginn der Revolution die Freunde, berieten über Volksbewaffnung und lagerten konspirativ Waffen. Als der Aufstand losbrach, war Wagner mittendrin: Er bezog auf dem Turm der Kreuzkirche Position, um der revolutionären Regierung die Bewegungen der feindlichen Soldaten, der heranziehenden Preußen, durchzugeben, wäre fast von Querschlägern getroffen worden, ermunterte Aufständische, führte kleine Kampfgruppen an und brachte zwischendurch seine Frau Minna aus der Stadt.
    Erstaunlich, was sich hier abspielte: Wagner, der höchste Musikbeamte des sächsischen Königshofs, eine der kulturellen Leitfiguren der Dresdner Kunstszene und darüber hinaus mittlerweile deutschlandweit als Komponist bekannt, brach alle Loyalitäten und schlug sich vorbehaltlos auf die Seite der Revolution. Er machte nicht nur mit, er trieb an, wo er konnte, wurde zu einer zentralen Figur der auf totalen Umsturz abzielenden Kräfte. Der Musiker war Einpeitscher der Revolution, war Radikaler im Dienste eines königlichen Hofes. Dass diese Radikalität viele beeindruckte, braucht nicht zu verwundern, denn sie war nicht nur Gerede. Wagner stellte seine gesamte Existenz zur Disposition, seine berufliche wie seine private, einschließlich seiner Ehe, die Minna, stets auf finanzielle Sicherheit aus, nun bedroht sah.«
    (Udo Bermbach, Mythos Wagner, Rowohlt 2013, S. 69)

    Und als alles zusammenbricht, flieht er in derselben Kutsche der Revolutionsregierung, in der auch Michail Bakunin sitzt, aus der Stadt. Aber derselbe, oder der spätere und darum nicht mehr derselbe Wagner entwickelt ein Kunstprogramm, das schließlich in einem solchen Ausmaß an die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts sich entfaltenden Diskurse des Rassismus und des Antisemitismus anschlussfähig wurde, dass die beiden Haupterben des großen Komponisten, Houston Stewart Chamberlain und Cosima Wagner, nicht nur wesentlich dazu beitrugen, diese Ideologien im wilhelminischen Deutschland salon- und hoffähig zu machen, sondern auch 1927 und 1930 ihr Leben als glühende Verehrer Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten beschlossen.

    Damals, also ol 19. Jahrhundert, war das in Deutschland eingebettet in einen generellen Rechtsruck der Liberalen, die Linke war gerade erst dabei, als politische Kraft zu entstehen. Aber es war ein ähnlicher Weihrauchdunst wie heute …

    Antwort
    1. Renton

      Den Vergleich kann ich nicht nachvollziehen. Wenn Wagner nicht gerade später konstatiert hat, dass er seine eigenen Ansichten nicht geändert, nur die von ihm unterstützte Bewegung sich verändert hatte, sehe ich keine Parallelen zu dem unflexiblen Linken.

      Antwort

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