Toxische Männlichkeit und Eigenverantwortung

Eine der größten Lügen des Neoliberalismus‘ ist, dass jeder, der sich nur ehrlich bemüht, es auch zu Wohlstand bringen kann. So gut wie immer werden hierzu die wenigen absoluten Ausnahmekarrieren einzelner angeführt, die es wie im Märchen vom Tellerwäscher zum Millionär geschafft haben. Weil sie es geschafft haben, könnte es jeder schaffen, so die Lüge, wo man es entweder mit Heuchlern zu tun hat, oder solchen, die auf den Gipfeltrugschluss reingefallen sind. Wer also arm ist, ist in unserer Gesellschaft ganz zu recht arm, da er sich einfach nicht genug bemüht hätte: „Biste arm, selber schuld! Biste krank, Pech gehabt!“ – so der neoliberale Schlachtruf, dessen Logik darauf hinausläuft, dass eine in arm und reich getrennte Gesellschaft eine gerechte wäre. Gerne wird in diesem Zusammenhang das Falschwort „Eigenveranwortung“ bemüht. Damit ist immer Sozialabbau gemeint und gleichzeitig täuscht man darüber hinweg, dass Armut seine Ursache in struktureller Gewalt hat, die sich der Einflussmöglichkeit des Betroffenen entzieht; dass er einer Gewalt ausgesetzt ist, die er eben nicht unter Kontrolle hat, und womit er auch nicht die Verantwortung dafür tragen kann. Der Niedriglöhner ist in seiner Lebenssituation gefangen und kommt da auch nicht raus, egal wie selbstausbeuterisch er schuftet, es sei denn, er hat viel, viel Glück, wie zum Beispiel Bill Gates, der, wäre er auch nur ein Jahr zu spät oder zu früh gekommen, nur ein weiterer kleiner Programmierer wäre, den niemand kennen würde.

Was dem Neoliberalen die Eigenverantwortung ist dem Feministen die toxische Männlichkeit. Die Dreistigkeit mit der hier vorgeheuchelt wird, dass man sich um Männer Sorgen machen würde, lässt einen dabei nur noch kalt kotzen. Mit dem Prinzip der toxischen Männlichkeit wird geleugnet, dass der Mann struktureller Gewalt ausgesetzt ist, womit ihm die Verantwortung für Notlagen in die Schuhe geschoben wird – dort, wo man auf solche Notlagen ausnahmsweise mal zu sprechen kommt, denn normalerweise verfolgen Feministen wie z.B. Andreas Kemper die Strategie, solche Nachteile auf Seiten der Männer unsichtbar zu machen.

Das ganze Problem wäre zum Beispiel, dass der Mann nicht um Hilfe fragen könnte – wegen „toxischer Männlichkeit“. Er müsse nur diese Form der Männlichkeit aufgeben, und seine Probleme wären gelöst. Das ist natürlich Humbug: Der Obdachlose zum Beispiel kann um Hilfe auch geradezu betteln, geholfen wird ihm trotzdem nicht, sein Problem ist damit nicht gelöst. Ganz ganz beliebt ist dieses Muster auch bei Buben, die von einem „jungenfeindlichen Biotop Schule“ (GEO) ins Prekariat entlassen werden: Die Schule ist richtig, der Junge ist falsch, wie es die neue schwarze Pädagogik will. Dieses Problem ist aber ein jüngeres; vor einem halben Jahrhundert schnitten die Knaben noch nicht so katastrophal ab. Diese Entwicklung ist also nicht darauf zurückzuführen, dass sich eine neue – toxische – Männlichkeit etabliert hat, sondern auf einen steigenden feministischen Einfluss in der Gesellschaft und ihren Institutionen, eines Feminismus, der schon aus Müttern Monster macht. Auch von den Selbstmördern unter den Männern weiß man, dass sie zum Schluss gekommen sind, dass ihnen nichts mehr helfen könne. Trennungsväter z.B. begehen im Schnitt achtmal häufiger Selbstmord als die geschiedene Frau: Eine Studie hat ergeben, dass die Trennung von den Kindern in vielen gerichtsmedizinischen Untersuchungen als Hauptursache für männlichen Suizid genannt wurde. Wenn man ihnen helfen wollte, wie es der Heuchler vorgibt tun zu wollen, müsste man nur Gleichberechtigung zwischen Müttern und Vätern einführen – das aber will keiner der Feministen, sei es in einem Forum einer Tageszeitung oder in einem Ministerium für alle außer Männer.

Der Feminist sagt also: „Kann nicht um Hilfe fragen“ und damit vereint mit dem Neoliberalen: „Selber schuld!“,  und denkt keine Sekunde darüber nach, wie sich dem Mann in Not helfen ließe. Denn dann würde er ganz anders an die ganze Thematik herangehen. Er würde die Frage stellen, wie Hilfe aussehen müsste, die ihr Ziel erreicht, die etwas bewirken könnte. Das tut er aber nicht, stattdessen dient dieses Manöver allein dazu, die strukturelle Gewalt zu leugnen, die der Mann ausgesetzt ist und die auf den Empathy-Gap zurückgeht, so wie der Neoliberale die strukturelle Gewalt leugnet, die der Arme ausgesetzt ist. Beides derselbe Dreck.

4 Gedanken zu „Toxische Männlichkeit und Eigenverantwortung

  1. C.Sc.

    Eigenverantwortung im „neoliberalen“ Sinne stellt eher die Einsicht dar, dass man sich auf keine externe Quelle bei der Verbesserung der eigenen Situation verlassen kann und sollte, im Sinne des Ausdrucks „Agency“. Ob man damit reich wird, (vom Tellerwäscher zum Millionär) ist sicherlich fraglich; diese Narrative stellen wohl eher moderne moralische Märchen dar, ähnlich den Gebrüdern Grimm.
    Auch die Kontrolle von außerhalb der persönlichen Einflussnahme liegenden Faktoren ist damit nicht gegeben. Stattdessen bietet Eigenverantwortung jedoch die Einsicht, die innerhalb der persönlichen Einflussnahme liegenen Faktoren bestmöglich, auch egoistisch, zu verwenden, anstatt diese auch noch – wie von anderen, sozialer angehauchten, Grundhaltungen favorisiert – in die Sphäre der unmöglichen persönlichen Einflussnahme auszulagern.

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    1. uepsilonniks Autor

      Mit einem Sozialstaat im Rücken hat man mehr Faktoren innerhalb persönlicher Einflussmöglichkeit. Ohne die man vielleicht obdachlos unter der Brücke liegt. Aber lass hören: Welche Möglichkeiten hat so ein Obdachloser? Ansonsten findet im Neoliberalismus das Phantasieren von Einflussmöglichkeiten statt, die schlicht nicht existieren, wie dir jeder von Millionen Niedriglöhnern gerne erklären kann.

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  2. dr. caligari

    Eigenverantwortung im „neoliberalen“ Sinne stellt eher die Einsicht dar, dass man sich auf keine externe Quelle bei der Verbesserung der eigenen Situation verlassen kann und sollte

    selten so gelacht.
    Der reiche Neoliberale kann sich blind auf den Staat verlassen, der ihn mit Subventionen, Steuererleichterungen, staatlicher Übernahme der Kosten für Kollateralschäden seiner Gewinntätigkeit den Rücken freihält.
    Müssten die industrielle Großlandwirtschaft, Kernkraftbetreiber , Transportgewerbe, Chemiegiganten etc. auch nur einen Bruchteil der Schäden bzw. Folgekosten selber bezahlen, die sie bei ihrer Tätigkeit verursachen, wären sie sofort pleite.

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