Durchtrieben

Schmatz, der Punk war enttäuscht. Auf der Bank am Ententeich und dem ungesicherten Bahnübergang, mitten im Wald, wo er sich gepflegt besaufen wollte, saß schon jemand. Was solls dachte er. Vielleicht würde der Mann ganz in Ordnung sein. Er ging hinüber und setzte sich. Dann warf er einen Blick auf den Fremden, der wiederum einen Blick auf Schmatz warf. Er trug eine abgetragene Kordhose mit Schmutzflecken, genau wie seine mitgenommene Regenjacke, strähniges Haar, wilder Bart, ein Obdachloser. Der Punk kramte einen Euro hervor.
«Können Sie was damit anfangen?» Der Obdachlose lächelte.
«Ich will dich doch nicht berauben. Müsstest Du nicht in der Schule sein?»
«Ja schon, hab aber keinen Bock, ich bin Schmatz» sagte der Punk und holte die Flasche Jackies aus seinem Rucksack hervor, die er hatte mitgehen lassen. Er öffnete sie, nahm einen Schluck und reichte sie dem Obdachlosen: «Hier.»
«Danke Schmatz, ich bin Manni» Der Mann nahm ebenfalls einen Schluck, gab die Flasche aber nicht zurück.
«Äh» sagte Schmatz und griff nach dem Whiskey. Manni nahm ihn einfach in die andere Hand und wehrte Schmatz ab. Der Mann war stärker als der Jugendliche.
«Du solltest nicht saufen sondern in die Schule gehen», sagte er, während er die Enten beobachtete.
«Schule ist Scheiße», sagte Schmatz und griff wieder nach der Flasche. Manni seufzte.
«Das, was Du scheiße findest, ist Arbeit. Schule ist Arbeit, aber die so ziemlich beste, die es gibt. Und wenn Du gut in der Schule bist, kannst Du später bessere Arbeit ausüben. Sonst wirst Du nur von Typen wie mir herumgeschubst», Manni unterbrach sich, «Naja, von solchen, wie ich mal einer war.»
Schmatz hörte nicht zu, in der Ferne kündigte sich ein Zug an, der mit seinem Horn mögliche Unvorsichtige warnte.
«Dürfte ich die wiederhaben?»
«Nein», sagte Manni und grinste. «Siehst Du? Ich zwinge dir meinen Willen auf. Habe ich früher oft gemacht, ich war mal Abteilungsleiter, ein Siegertyp!»
Siegertypen. Wie Schmatz sie hasste. Zum Beispiel im Sportunterricht. Oder die Manager in ihren Anzügen.
«Siegertypen!» Schmatz spuckte das Wort aus. Hinter ihnen fuhr im gemächlichem Tempo der Zug vorbei. Schmatz wartete, bis sich der Lärm gelegt hatte.
«Ja, die Sieger haben ihren Spaß. Siegertypen verlieren nicht, schlimmstenfalls landen sie auf dem zweiten Platz! Es sind all die anderen Leute, die verlieren! Die haben darunter zu leiden. Das ist sooo beschissen, das ist…», Schmatz suchte nach dem passenden Wort, «…ungerecht» sagte er dann schwach.
Manni lächelte. Überhaupt, wie entspannt er war, dachte Schmatz. Manni nahm einen weiteren Schluck von Schmatzs Whiskey und sagte sanft: «Ungerecht? Ah ja. Und was soll das dann sein, Gerechtigkeit?»
Mit dieser Frage hätte er Schmatz gehabt. Sowas hochphilosophisches, gar nicht leicht zu beantworten. Aber das war vor kurzem Stoff im Ethikunterricht gewesen. Schmatz holte aus:
«Naja, stell dir vor, alle Menschen sitzen in einem Raum, wo sie die Regeln der Gesellschaft ausarbeiten. Aber keiner weiß, als was er in diese Gesellschaft hineingeboren wird. Ob er stark ist oder schwach, reich oder arm, gesund oder krank, schwarz oder weiß, Mann oder Frau und so weiter. Diese Regeln würden gerecht sein.» Jetzt hatte die Schule doch mal was gebracht, dachte der Punk befriedigt. Er nahm sein Sandwich aus dem Rucksack, zerbröselte etwas Brot und warf es den Enten zu.
«Das solltest Du nicht machen, das vertragen die nicht», sagte Manni und fuhr fort: «Das ist ja schön und gut mit deiner Gerechtigkeit, aber warum sollte mich das kümmern? Jetzt erzähl ich dir eine Geschichte, und zwar eine wahre.» Er nahm einen ordentlichen Schluck.
«Also: damals, altes Griechenland. Athen war im Krieg mit Sparta. Jedenfalls wollte Athen, dass ein anderer Stadtstaat, Melos, für Athen kämpfte. Melos wollte aber neutral bleiben, das wäre ihr gutes Recht. Da sagten die Athener: ‹Recht könne nur zwischen gleich Starken gelten, bei ungleichen Kräfteverhältnissen tue der Starke, was er könne, und erleide der Schwache, was er müsse. Es sei des Menschen Natur, zu herrschen – und die Melier würden dasselbe tun, wenn sie die Macht hätten.› Also eroberten die Athener Melos, schleiften die Stadt, töteten alle Männer und versklavten die Frauen und Kinder.» Manni genehmigte sich einen weiteren Zug. «Gerechtigkeit ist was für die Schwachen, die Starken brauchen das nicht. Sie zwingen dir ihren Willen auf.»
Der Punk fühlte sich hilflos: «Aber der Starke könnte auch eine anderer Entscheidung treffen, er könnte die Schwachen beschützen…»
«Sowas wie Ritter gibt es nur im Film, sieh es ein, Moral ist einfach keine Sache.»
Schmatz merkte auf. Was hatte Manni gesagt? Er wäre früher mal ein Chef gewesen?
«Und Du, was ist mit dir passiert?»
Manni hielt inne. «Meine Frau hat mich verlassen. Und dann…» Der Obdachlose sprach nicht weiter.
«Ja?»
«…dann hat meine Tochter aufgehört mich zu lieben. Sie lehnt mich ab. Dabei war ich der beste Papa der Welt. Ich habe sogar noch einen Becher, auf dem das draufsteht. Jedenfalls habe ich meinen Antrieb verloren und das kostete mich den Job. Die Kindsmutter sagt, das alles wäre meine Schuld. Ich wäre nie dagewesen, also mag mich meine Tochter nicht mehr. Nun, mein Geld und mein Haus hat sie trotzdem genommen.» Der Mann lachte leise.
Schmatz hätte erwartet, dass Manni dies irgendwie anders erzählen würde. Verbittert vielleicht. Mit Wut. Aber Manni war tiefenentspannt. Schmatz blickte zum Bahnübergang.
«Du hast doch nichts Dummes vor, oder?» fragte er besorgt.
«Du meinst, ob ich mich vor den Zug werfe? Nein, nein, das mach ich nicht. Keine Sorge, ich bin kein Lügner. Und Du solltest jetzt wirklich zur Schule, danke für den Jackies.»
Schmatz gab auf.
«Ok, vielleicht sehen uns mal wieder.»
«Sicher», sagte Manni und Schmatz machte sich auf den Weg. Manni beobachtete die Enten und leerte die Flasche. Dann ging zum Bahnübergang.
«Nein, ein Lügner bin ich nicht», murmelte er zynisch lächelnd, während er sich auf die Gleise niederbettete.
«Aber durchtrieben, das bin ich», flüsterte er und legte seinen Nacken auf die Schiene. In der Ferne kündigte sich ein Zug an.

9 Gedanken zu „Durchtrieben

      1. Renton

        Ist der Text von Dir? Das sprachliche Niveau ist definitiv besser als in dem Text von Strokopwski, der jüngst im NRW-Abi dran war.

        Die Diskussion um das Schicksal von Melos hat Thukydides im sogenannten Melierdialog überliefert. Ich kann die Lektüre dieses Dialogs nur wärmstens empfehlen; als ich selbst ihn vor zwanzig Jahren zum ersten Mal las, war ich schwer beeindruckt, weil nach meinem Verständnis in diesem über 2.000 Jahre alten Text bereits alle relevanten Argumente in dieser moralischen Frage ausgetauscht wurden. (Philosophen mögen es besser wissen.)

        Zurück zu Deinem(?) Text. Ich mag ihn, obwohl er eine unerfüllte Erwartungshaltung bei mir zurücklässt. Ich kann noch nicht genau sagen, welche. Vielleicht fällt es mir wann anders ein, dann schreibe ich noch was dazu.

        Antwort
        1. beweis

          Die „unerfüllte Erwartungshaltung“ würde mich interessieren. Bei mir war es gar nicht so. Ich fand die Geschichte sehr rund.
          Schmatz hat in unfreiwillig nüchternem Zustand seine Lektion mitbekommen, die ihm an nächsten Tag nochmal aus der Regionalzeitung in Form einer Todesmeldung untermalt wird. Manni war konsequent selbst noch nach einer Pulle Schnaps.
          Es ist komplett schlüssig. Der eine hat sein Leben verwirkt. Er hat die Liebe seines Kindes verloren. Der andere ist noch zu jung, um verstehen zu können, dass das mal das Wichtigste in seinem Leben sein wird. Vielleicht wird er sich 20 Jahre später an Manni erinnern.
          Und beide kommen so hakelig und zufällig zusammen. Zwei komplett unterschiedliche Welten auf einer Bank.

          Wie würden wohl die Mädels in der Abi-Klasse das analysieren?

          Antwort
    1. beweis

      Es gibt viele.
      Letztes Weihnachten hing ich vor der Glotze. In der Berliner Abendschau verteilte ein Reporter Kleinigkeiten und Mini-Weihnachtsbäume an Obdachlose, die in der Kälte irgendwo durchzukommen versuchten.
      Da war einer dabei, der guckte mit alkoholisierten Augen in die Kamera, hielt den Weihnachtsbaum achtlos irgendwo und erzählte dem Reporter stolz, er dürfe am zweiten Weihnachtsfeiertag sein Kind treffen. Seine Augen strahlten in diesem kurzen Moment echtes Glück aus.
      Dieses kurze Glück fühlte sich für mich furchtbar an.

      Antwort

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