Freispruch zweiter Klasse

Hin und wieder heißt es, es gäbe keinen „Freispruch zweiter Klasse“, Freispruch wäre Freispruch. Dennoch ist es gerade bei Falschbezichtungen äußerst belastend und rufschädigend, wenn man nicht erwiesenermaßen freigesprochen wird sondern nur aus Mangel an Beweisen (weil wir eben nicht in einer Rapeculture leben und Vergewaltiger noch unter Mördern stehen). Deshalb gab sich Jörg Kachelmann auch nicht eher zufrieden, bis Claudia Dinkel als Falschbeschuldigerin überführt war – was ihm von Alice Schwarzer zum Vorwurf gemacht wurde.

Der Kommentator Debe schreibt zu Freisprüchen zweiter Klasse:

Meines Wissens wird bei Freispruch von vielen Juristen unterschieden zwischen
– Unschuld erwiesen, die Richter wurden durch vorgelegtes Material/Beweise/Indizien davon überzeugt, dass der Tatvorwurf nicht der Wahrheit entspricht; daraus kann gelegentlich auch ein strafrechtliches oder ziviles Verfahren gegen das zuvor vermutete Opfer oder Zeugen resultieren
– Unschuld nicht erwiesen, aber Schuld auch nicht erwiesen und nicht überzeugend dargestellt. Dabei kommt oft der Begriff „Mangel an Beweisen“ vor. Der Beschuldigte kann wegen des selben Vorwurfs auch zukünftig nicht mehr belangt werden („ne bis in idem“, wenn ich mich richtig erinnere) – das zuvor vermutete Opfer kann aber auch nicht belangt werden. Hier sind Konstellationen inbegriffen, in denen aufgrund von Schuldunfähigkeit der Angeklagten oder Beweisverwertungsverboten die Täterschaft juristisch nicht zur Verurteilung führen kann, obwohl die mäßig informierte Öffentlichkeit keinen plausiblen Zweifel am Tatablauf hat.

Im ersten Fall ist aber auch eine Watsche für die Staatsanwaltschaft enthalten – bei ordentlicher Vorbereitung wäre das Verfahren vielleicht gar nicht erst eröffnet worden. Außerdem ist ein Gegenverfahren oft möglich; diese Informationen kann man aus der Bezeichnung „erster Klasse“ also schnell erahnen. Ich finde diese Unterscheidung durchaus sinnvoll.

Daraus folgt noch lange nicht, dass ein nach „zweiter Klasse“ Freigesprochener ein Täter, schuldig, oder ein schlechter Mensch ist.

4 Gedanken zu „Freispruch zweiter Klasse

    1. Mario

      Vor allen Dingen auch vom vorgeworfenen Delikt. Diebstahl etc. wird wohl dazu führen, dass „etwas hängen bleibt“, vermutlich ist aber sehr schnell Gras über die Sache gewachsen. Bei einem mutmaßlichen Sexualdelikt bleibt ziemlich sicher etwas hängen und vergessen wird kaum bis gar nicht.
      Wer denkt bei Karl Dall oder Andreas Türck nicht an Vergewaltigung und das nicht vielleicht doch etwas dran sein könnte? Trotz Freispruchs wohlgemerkt.

      Aber selbst wenn nichts weiterhin anhaftet, zumindest für einige Jahre (bei Türck waren es wohl 8), ist die Karriere erst mal ruiniert.

      Antwort
  1. Mika

    Mal so ganz unbedarft:

    Der Staatsanwalt wirft mir Folgendes vor:

    am xx.xx.xx um xx.xx nahm das Raumschiff Enterscheiß Kontakt zu ihnen auf, stattete sie mit einem Disruptor aus und beamte sie ins Kanzleramt. Dort terminierten sie M und wurden danach wieder auf ihren Balkon gebeamt. Zeugen: 100 Sicherheitsbeamte der Bundespolizei. Sie wurden gesehen und ihre DNA wurde am Tatort gesichert.

    Ich war aufm Balkon und habe geraucht, dazu einen Riesling vom Juffer. Ein Nachbar hat mich gesehen und gewunken.

    Wie beweise ich jetzt meine Unschuld?

    Antwort
  2. Mario

    Gar nicht! Entscheidend ist, ob du als glaubwürdig und deine Ausführungen als glaubhaft angesehen werden.
    Da die Mitwirkung der Raumschiffbesatzung inklusive des flugfähigen Fahrzeugs (Müsste es nicht schwimmfähig oder fahrtfähig heißen, es ist ja ein Schiff?) eher unwahrscheinlich ist, ebenso der Einsatz eines „Disruptors“, wird man dir eher nicht glauben.
    Die DNA-Spur ist zwar ggf. ein Indizienbeweis, letztendlich beweist eine solche Spur aber nur das Vorkommen deiner DNA an einem bestimmten Ort. Wie bzw. ob sie durch dich an den Ort gelangte, halte ich für nicht gesichert.

    Zeugenaussagen gehören im Übrigen zu den schwächsten Beweismitteln, die man vor Gericht anführen kann. Leider beruhen wohl viel zu viele Entscheidungen auf diesem Beweismittel.

    Im Endeffekt wird es darauf hinauslaufen, dass du eingebuchtet wirst.

    Antwort

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