Puer Robustus – Part One (Gastbeitrag)

Es folgt ein Gastbeitrag von Elmar:

Angeblich ist Männlichkeit heute überholt, toxisch, bestenfalls langweilig. Doch es wäre naiv, anzunehmen, daß die Vielfalt an Männlichkeitsvorstellungen in den letzten Jahrzehnten vom mainstream nicht in Richtung Systemkonformität angepaßt und geschliffen worden wäre. Blickt man die Geschichte der Abenteuerromane, so wird man schnell fündig: Der widerspenstige Kerl, der Grenzgänger, der auf eigene Faust handelt, nirgendwo hingehört, sich nicht an die Regeln hält, der aneckt und aufbegehrt, unartig, unbeherrscht, unverschämt, unbequem, unbehaust, unbekümmert, als Unhold, als Symbol des Verhältnis von Ordnung und Störung, der sich – begleitet von Trauergesängen und Jubelstürmen zugleich – gegen jeden faulen Frieden wendet, wird von Frauen und Feministen seit 70 Jahren sozial diskrediert, um die Unterordnung des Mannes voranzutreiben.
Kein Wunder – der widerspenstige Kerl als Figur, als Variante personaler Autonomie ist verdammt männlich.

Die einen tun dies, weil sie sich nicht vorstellen können, daß es auf dem Planeten noch eine andere Art zu leben gibt, als die der Frauen. Die anderen tun dies aus verabscheuungswürdiger Bosheit, aus Neid, Mißgunst und Rachgier.

Edward Snowden, Chelsa Manning oder Julian Assange haben übrigens als puer robustus gehandelt, indem sie auf Kosten eigener Freiheiten und Vorteile die für die herrschenden Eliten sehr unangenehme Wahrheit enthüllten und sich damit abfanden, dafür aus der von Frauen dominierten Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, auch wenn ihr Handeln wertvoll war und noch zu positiven Veränderungen für alle führen kann.

In seinem Buch Puer Robustus von 2016 unterzieht Dieter Tomä, Professor an der Uni St. Gallen, diese verachtete Figur von Männlichkeit einer Analyse. Auf knapp 680 Seiten schildert er zunächst die unterschiedlichen Ansichten vergangener Denker zu diesem Thema, welches überraschenderweise ein zentrales Thema der politischen Philosophie ist: Der puer robustus stand schon bei Hobbes für die ultimative Bedrohung der staatlichen Ordnung, der im Laufe der Jahrhunderte aber auch als Dickschädel oder als Leichtfuß, als Barbar oder Narr, als Querulant oder Künstler, Räuber oder Retter, Siegfried, Glöckner von Notre Dame oder Ödipus von verschiedenen anderen Autoren (angefangen bei Horaz) inszeniert wurde.

Dieser puer robustus ist in allen seinen Variationen in einem übertragenen Sinne unterwegs: Weder weiß er, wo er morgen sein wird, noch welche Erfahrungen er machen wird, er schlägt sich irgendwie durch, hofft, daß alles gut ausgehen wird und prägt auf diese Weise einen Individualismus in einer seiner extremsten Formen aus. Und es ist unklar, welchen Zugang so eine Art von Einzelgänger zu welchem Kollektiv er überhaupt finden und halten kann. In dieser Situation kann der puer robustus zerbrechen und zugrunde gehen, er kann die Waffen strecken, zivilisiert werden, oder den inneren Kampf der Selbstbehauptung bestehen und zwischen verschiedenen Varianten des Querulantischen hin- und herwechseln und z.B. mal als Egozentriker, mal als Exzentriker oder mal als Nomozentriker auftreten, der vor allem die bestehende Ordnung aufs Korn genommen hat. In jedem Fall webt der puer robustus eine politische Abenteuergeschichte auf seiner Reise ins Ungewisse. Als politischer Störenfried ist er den Eliten immer ein Dorn im Auge und als unkorrumpierbarer Mann ist er für die einen Frauen unwiderstehlich und für die anderen Frauen der ultimative Feind ihrer erheuchelten sozialen und ökonomischen Privilegien. Welche Figur also könnte mehr modernen Hass auf sich ziehen?

An der Figur des pur robustus haben sich bereits viele politische Philosophen abgearbeitet z.B.:

1. Thomas Hobbes
2. Jean-Jacques Rousseau
3. Denis Diderot
4. Friedrich Schiller
5. Victor Hugo
6. Richard Wagner
7. Alexis de Tocqueville
8. Marx und Engels
9. Siegmund Freud
10. Leo Strauss, Helmut Schelsky und Max Horkheimer

Ich halte die Vorarbeit von Dieter Tomä für die Entwicklung bzw. Rückgewinnung eines gesellschaftlichen fruchtbaren Männlichkeitsideals für so zentral, daß ich in den kommenden Gastbeiträgen auf diesem blog seine Arbeit – auf das Wesentliche reduziert – referieren möchte, um am Schluß jedoch meine eigenen Schlüsse zu ziehen und eine eigene, humanistische Variante des pur robustus vorzuschlagen, die mit keiner Variante des Gynozentrismus kompatibel sein wird.
Auch das Verhältnis zu MGTOW – ich bedanke mich an dieser Stelle bei crumar – wird man beleuchten müssen, um eine selbstwirksame Alternative männlichen Lebens zu gewinnen, die über den kargen Horizont einer genetischen Bestimmung hinausreicht.

Für dieses Unterfangen, welches in insgesamt 12 posts abgewickelt werden wird, kann die Vorarbeit von Dieter Tomä nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Zu Teil Zwei.

6 Gedanken zu „Puer Robustus – Part One (Gastbeitrag)

  1. djadmoros

    Vielen Dank für diesen sehr spannenden Literaturhinweis – da ist mir doch tatsächlich ein Schlüsseltext zum Thema durchgerutscht! 🙂 Ich bin auch sehr auf die geplante Artikelserie gespannt!

    Antwort
    1. elmardiederichs

      Die ersten Hinweise auf den puer robustus gibt es bereits bei Horaz, dem vorchristlichen, römischen Dichter, der schon eine ganze Menge darüber wußte und recht souverän damit spielte.

      Eventuell – vielleicht auch nicht – kann man eine Entwicklungsgeschichte der weiblichen Geschlechterrolle erzählen, welche diese Entwicklungslinie des puer robustus dadurch ökonomisch ausnutzt, daß sie das Lehnsherrenmodell auf Geschlechter überträgt.

      An den Details arbeite ich im Moment noch.

      Damit soll nicht gesagt sein, daß es keine anderen soziologischen Einflüsse gab. Aber man müßte vielleicht neu darüber nachdenken, wie sie historisch erfolgt sind.

      Doch im Grunde sind das alles nur vorläufige Hypothesen.

      Antwort
  2. beweis

    „Puer robustus“ hört sich nach einer edlen, widerstandskräftigen Kaffeebohne an.
    Offenbar geht es ja um einen Männertypus, der sich gegenüber der generellen und der feministischen Konformität im Besonderen recht immun zeigt. Der ein eigenes Koordinatensystem entwickelt hat, in dem er nicht beliebig korrumpierbar ist durch Sex, Angst, Drohungen, Übergriffigkeiten oder materielle Versuchungen.

    Das scheint ein rein männlicher Typus zu sein. Entsprechende Frauen habe ich zumindest noch nicht kennengelernt. Was ich auch darauf zurückführe, dass Männer sich meiner Meinung nach besser und klarer von ihrer Umwelt und deren Einflüssen abgrenzen können. Souveränität funktioniert nur mit Abgrenzung.

    Ich bin ja mittlerweile der Auffassung, dass für die Entstehung unserer aktuellen hysterischen Epoche der expandierenden Feminismus verantwortlich ist. Dort gibt es eben nicht individuelle Souveränität, die ist sogar unerwünscht und wird bekämpft.
    Vielmehr ruft der warme, sichere und anspruchslose Schoß der Konformität. Da werden eigene und kritische Sicht- und Lebensweisen als Gefahr gesehen und pauschal bekämpft.
    Das wiederum führt zu einem Verwerfen bisheriger freiheitlicher und pluralistischer Ideale. Die konkreten Folgen sind sowas wie irrationale Erkältungsangst, Angst vor Klima, Löschen von fremden Meinungen, Canceln von Andersdenkenden, Sanktionierung von abweichenden Verhalten.

    Ich freue mich schon auf die nächsten Folgen der Serie.

    Antwort
    1. elmardiederichs

      @beweis

      „Ich bin ja mittlerweile der Auffassung, dass für die Entstehung unserer aktuellen hysterischen Epoche der expandierenden Feminismus verantwortlich ist.“

      Ich stimme zu, daß der Feminismus einen wesentlichen Betrag dazu geliefert hat, moralische Standards zu verstören und die moralische Katastrophe anzurichten, die jeder kulturellen Dekadenz z.B. der aktuellen hysterischen Epoche voraus gehen muß.

      Aber man darf nicht übersehen, daß es auch andere Verstärker der Systemkonformität gibt: So erzeugt die nach wie vor voranschreitende Arbeitsteilung eine Unfähigkeit zur ökonomischen Unabhängigkeit und erzeugt enormen ökonomischen Konformitätsdruck.

      Beispiel: Ein Bauer weiß heute nicht mehr wie man Kühe melkt, er kann nur noch die Melkmaschine bedienen. Wie man melkt, weiß der Konstrukteur der Melkmaschine, aber er hat keine Ahnung, wie man Kühe hält.

      Antwort
      1. beweis

        @elmardiederichs

        Aber man darf nicht übersehen, daß es auch andere Verstärker der Systemkonformität gibt: So erzeugt die nach wie vor voranschreitende Arbeitsteilung eine Unfähigkeit zur ökonomischen Unabhängigkeit

        Wobei ich diesen Prozess der Arbeitsteilung als einen seit vielen Jahrzehnten recht linear zunehmenden sehe, der natürlich die Basis schafft für die Entfremdung des Menschen von „seiner“ Welt.

        Was ich aber als „hysterische Epoche“ bezeichne, ist die neuartige Phase, in der Jahrhunderte nach der Aufklärung die Rationalität wieder in den Hintergrund geschoben wird, um emotionalen Maximen den Vorrang einzuräumen. Es ist plötzlich das relevant, was passieren KÖNNTE. Nicht das, was real ist. Die rationale Betrachtung des Ist-Zustandes tritt in den Hintergrund vor möglichen Szenarien. Angst und die daraus abgeleiteten Erklärungsmodelle bestimmen die Welt. Angst vor Männern, Angst vor Klima, Angst vor Krankheiten, Angst vor Auffahrunfällen – letztlich Angst vor dem Leben.

        Da geht keiner hin und sagt: Bleibt mal auf dem Boden, das Leben ist doch lebenswert, die Flüsse sind so sauber wie seit hundert Jahren nicht mehr, die Menschen so alt wie noch nie, die Männer so pudelweich und die Unfälle so unwahrscheinlich.

        Die konjunktivistischen Befürchtungen bestimmen die hysterische Epoche, wodurch unglaublich viele zivilisatorische Errungenschaften der letzten Jahrhunderte den Bach runter gehen.

        Die Menschen schlagen mit Keulen aufeinander ein, weil sie glauben, der andere sei eine Gefahr, die man aber nicht sehen kann. Weil er zum Beispiel ein Mann ist, oder ungeimpft ist oder aussieht wie eine Hexe oder eine Kopfform hat wie ein Jude. Faktisch können sie diese Gefahr aber nicht einmal belegen.

        Nicht umsonst haben sich viele kluge Männer der Behandlung der Hysterie gewidmet – seinerzeit. Damals war das eine reine Frauenkrankheit, inzwischen sind auch viele Pudel befallen, was in Summe zu einer Diktatur der Hysterischen führt. Und die sehe ich als die wirklich akute Gefahr für die Welt, weil die von denen mehr oder minder ungewollt hochgeschaukelten Emotionen und Ängste nicht mehr einzufangen sind.

        Antwort
        1. elmardiederichs

          @beweis

          Ich sehe die zunehmende Emotionalisirung, Infantilisierung und Hysterie als Folge des stetigen Bemühens, die Menschen dazu zu bringen, gegen ihre eigenen Interessen zu entscheiden. Und die Profiteure sitzen in Staat, Wirtschaft und Finanzeliten.

          Man kann nur Alexander Ulfig darin recht gegen, daß die Aufklärung als Ganzes in Gefahr ist, um Menschen besser kontrollieren zu können.

          Antwort

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