Puer Robustus – Part Two (Gastbeitrag)

Es folgt ein Gastbeitrag von Elmar (erster Teil):

Auf der Suche man einer einerseits humanistischen und andererseits selbstwirksamen Art männlichen Lebens, folge ich heute Dieter Tomä’s Darstellung des puer robustus durch Thomas Hobbes in seinem gleichnamigen Buch von 2016.

Schon in seiner Staatslehre De Cive von 1642 weist der englische Philosoph Thomas Hobbes dem puer robustus neben seinen fundamentalen Eigenschaften der Stärke und Durchsetzungsfähigkeit, der Bösartigkeit und der Widerspenstigkeit, die Rolle der Störung der normaler Unterordnung unter die staatliche Ordnung zu, die man seines Erachtens etwa von einem gewöhnlichen Erwachsenen erwarten kann, der seine kindliche Widersetzlichkeit zugunsten von Rechtschaffenheit abgelegt hat. Hobbes koppelt hier die Frage des individuellen Umschlagens von Macht und Moral an das Überschreiten einer entwicklungsphysiologischen Schwelle: Wenn Männer sich entscheiden, auf die falsche Weise erwachsen zu werden, dann scheitern sie als Menschen und enden als puer robustus, als unheimliche, unbescheidene Drohung, als feindliche Fremdheit gegenüber einer Ordnung, welche das Endstadium der Abkehr des Menschen vom Zustand des wilden Tieres ist. Bei Hobbes reicht allein das Geschlecht aus, um von vornherein außerhalb der Gesellschaft zu stehen. Männer gehören nicht automatisch dazu, ihre Randstellung ist zentral und ihre Teilhabe kostet die Männer ihre Unterwerfung – was ihn zugleich zivilisiert.

Wenn nach Hobbes die menschliche Bestimmung im Mann an der Schwelle zum Erwachsenwerden verfehlt wird, dann liegt die Ursache dafür in einer Eigenmächtigkeit, welche Moral als Ganzes verhindert. Da dieser Gegensatz keinesfalls auf der Hand liegt, deutet Tomä Hobbes ihn so, daß der puer robustus der Moral als Ganzes nicht nur seine persönliche Bosheit entgegensetzt, sondern zugleich eine alternative Moral, eine Verweigerung von Komplizenschaft aus Freiheitsdrang, die am Ende in eine Weiterentwicklung der durch Moral beschützten Gesellschaft münden kann oder aber auch in einer generellen Kulturfeindlichkeit: Ein Mann zu sein, kann nicht von der Folie einer Kippfigur abgelöst werden, in der die ganze Bandbreite von Macht und Moral im Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft ausgetragen wird. Der Mensch männlichen Geschlechts – sagen wir besser: einige von uns – ist geradezu die Projektionsfläche für diesen Typ von Konflikt. Und der Grund dafür ist seine Stärke, die die Gesellschaft zur Selbstverteidigung herausfordert. Damit ist nicht einfach nur körperliche Stärke gemeint, denn Hobbes selbst nennt als Beispiele für solche eingeborenen Unruheherde auch Narren, Tollwütige, herrenlose Ronin, verwahrloste Vagabunden, Bettler, Wanderarbeiter, Schausteller etc.. Insbesondere kann diese Stärke erworben worden sein durch eigene Tugenden wie z.B. Disziplin, Fleiß, Heroismus, Besonnenheit oder Bescheidenheit.

Interessanterweise ist Hobbes nicht der Meinung, daß jeder Mensch von Natur aus böse sei, so daß sich die Frage stellt, wie der puer robustus zu seiner Bosheit kommt. Nun ist Hobbes generell der Meinung, daß das Individuum durch den Gebrauch der Vernunft von selbst zur Moral finden würde – wenn dieser Gebrauch nicht wenigstens zum Teil dadurch überflüssig wird, daß ein Mensch über eine Macht über andere verfügt derart, daß er seine vor allem anderen kommenden Begierden auf Kosten anderer durchzusetzen kann.

Es ist sehr typisch für Hobbes, völlig unrealistischerweise zu unterstellen, dass die Menschen ohne Befehl von oben im allgemeinen im egozentrischsten Sinne und damit losgelöst von allen Bindungen nur für sich sprechen. Doch es würde zu weit führen, das hier zu verfolgen.

Wiederum sind Männer als physisch oder mental stärkeres Geschlecht die bevorzugten hobbesianischen Kandidaten für diese Art von Entwicklung: Denn Bosheit ist nach Hobbes ein Unterlassensdelikt, welches sich vor allem an sich erwachsene Männer leisten können. Nicht die Vernunft einsetzen zu müssen, macht Männer zu Opponenten der Moral im Ganzen – und zugleich zu einer Chance, eine eventuell verbesserungsbedürftige Ordnung aufzubrechen.

Doch diese Art zu leben, ist nicht für jeden geeignet, denn Hobbes schreibt selbst:

“Die Leidenschaften, die die Menschen friedfertig machen, sind Todesfurcht, das Verlangen nach Dingen, die zu einem angenehmen Leben notwendig sind, und die Hoffnung, sie durch Fleiß erlangen zu können. Und die Vernunftlegt die geeigneten Grundsätze des Friedens nahe”.

Und vor allem der Frieden, der zugleich der höchste moralische Wert ist, ist für jeden einzelnen Menschen nach Hobbes die Voraussetzung dafür, sein Eigeninteresse auch umzusetzen. Zur Sicherung dieses Friedens ist daher die souveräne Macht des Leviathan erforderlich, die sich auf eine Art gesellschaftlichen Vertrag der meisten, aber niemals aller Menschen stützt.

Im Vergleich dazu verfolgt der puer robustus zwar das Ziel der Selbsterhaltung, schlägt dafür aber einen Weg ein, der typischerweise gar nicht zu diesem Ziel führt – denn er vertraut dafür, schon irgendwie rational, aber letztlich ohne den Schutz des Staates und damit potentiell selbstschädigend, auf die eigene Stärke.

Den generellen Urheber der Rebellion fehlt es also notwendigerweise an Weisheit. Ob das aber auch böse ist, hängt offenbar davon ab, wie man den Zustand der Ordnung, gegen die der puer robustus opponiert, einschätzt – und damit davon, wie man die Unterordnung der erwachsenen Mitmenschen einschätzt, die für sich selbst die Klugheit des Eigennutzes reklamieren, aber von außen betrachtet durchaus kritikwürdig sein können. Dieses Changieren zwischen den Polen ist dem hobbesianischen Verständnis von Männlichkeit inhärent, weil er zu wissen meint, wie Naturmenschen funktionieren. Es liegt zudem kein Widerspruch in der Annahme, daß sich der puer robustus in seinerm Widerstand auch von eigenen Erwägungen mit ethischen Anspruch leiten läßt.

Und es ist mehr als offensichtlich, daß an genau diesem Punkt eine Fülle männlicher und inhärent politisierter Lebensformen erfunden werden können und – in der Belletristik dokumentiert – auch erfunden und erprobt wurden.

Ob sich für die Ideen von Thomas Hobbes am Ende tatsächlich schlüssig argumentieren läßt, ist nicht Gegenstand dieses, sondern wird Thema des letzten postes dieser Series von blog-Artikeln sein.

(Zu Teil 3)

2 Gedanken zu „Puer Robustus – Part Two (Gastbeitrag)

  1. Pingback: Männlichkeit unter Druck – Victor Hugo « jungs & mädchen

  2. Pingback: Theorie der Männlichkeit – Teil 1 « jungs & mädchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s