Puer Robustus – Part Three

Es folgt ein Gastbeitrag von Elmar (zu Teil 2):

Männliches Leben ist bedroht – nicht nur in militärischen Auseinandersetzungen, sondern vor allem im Sinne eines reichhaltigen und erfüllten Leben abseits von den mit sozialen Abwertungen bewaffneten Forderungen von Frauen und Gesellschaft, nicht etwa eigene Wünsche zu haben und zu verfolgen, sondern sich rückhaltlos und vor allem kostelos als angebliche Wiedergutmachung in den Dienst fremder Interessen zu stellen.

Um diese Suche fortzusetzen, referiere ich heute in zweiter Hand die Ideen von Jean-Jacques Rousseau aus dem Buch Puer Robustus (2016) von Dieter Tomä.

Dafür erinnern wir uns, daß einer der Stützpfeiler der hobbesianischen Theorie vom männlichen Störenfried die Vorstellung eines Übergangs der Menschen vom Naturzustand in den Zustand der friedlichen Zivilisation ist. Und in dem Punkt hat Rousseau natürlich ganz eigene Ansichten, insofern zivilisiert zu werden, für Rousseau einem radikalen Verlust gleichkommt, weil der Mensch durch einen Gesellschaftsvertrag aller seine natürliche Freiheit und damit seine Menschlichkeit verliert. Sehen wir uns die Sache im Detail an.

Rousseau generiert im zweiten Discours von 1755 und im Emlie von 1762 seine eigene Version des puer robustus – den guten Wilden, i.e. einen Menschen im Naturzustand. Macht, Moral und Entwicklungsgeschichte sind erneut die Stellschrauben für diese Alternativvorstellung, ohne daß Rousseau meint, irgendeine Form von gegebener oder erworbener, genereller Bösartigkeit bekämpfen zu müssen. Stattdessen investiert Rousseau in seine Hypthose vom Naturzustand des Menschen sehr viel mehr Details, als es Hobbes tut.

Rousseau offeriert drei Thesen zu der Frage, ob und inwiefern der Wilde böse sei. In der ersten bestreitet er die Moralfähigkeit des Menschen im Naturzustand, in den nächsten beiden verteidigt er sie.

These 1: Nach Rousseau können die Wilden einander viele wechselseitige Gewalttätigkeiten zufügen, wenn es ihnen irgendeinen Vorteil einträgt. Den Wilden erscheinen ihre Mitmenschen nämlich nur als Tiere einer anderen Art, weshalb Räubereien als natürliche Ereignisse zu betrachten. Die Wilden sind aber deshalb nicht böse sind, weil sie nicht wissen, was gut zu sein bedeutet, denn weder die Entwicklung der Einsicht und Aufgeklärtheit noch irgendein Gesetz hindern sie daran, Böses zu tun. Es fehlt damit an Gelegenheit, diesen Unterschied zu erlernen.

These 2: Rousseau nennt noch eine weitere Eigenschaft des Wilden, die er interessanterweise mit dem Kind gemeinsam hat: Primär durch das Ruhen der Leidenschaften wird der Wilde vom Bösen abgehalten, was ausreicht, um niemandem zu schaden. Bei Rousseau stellen sich die Leidenschaften des Menschen erst im Zuge des Erwachsenwerdens ein und zwar durch ein gegenseitiges Hochschaukeln von Erwartungen und Enttäuschungen – ebenso wie Engstirnigkeit, Vorurteile und eine Verknöcherung des Geistes. Folglich erleidet der Erwachsene mehr Elend und Frustration als der geistig noch nicht entwickelte Wilde. Diese These ist der hobbesianischen Vorstellung vom Naturzustand als Überwältigtsein durch Leidenschaften offenbar diamentral entgegengesetzt.

These 3: Menschen im Naturzustand empfinden für ihre Mitmenschen, insofern sie sie als ihresgleichen ansehen, Mitleid, i.e. eine natürliche Güte, auf der letztlich die Kooperation aller zum Nutzen aller im Staat beruht. Nach Hobbes ist der Mensch ein homo oeconomicus, der mit dem rational choice Paradigma komplett erklärt werden kann. Nach Rousseau steckt im Menschen zusätzlich das Mitleid, welches ebenfalls eine Idee der Gerechtigkeit involviert.

Nicht nur sind alle drei Thesen inkonsistent, auch die zweite und dritte These sind miteinander unverträglich: Nach These 2 lebt der gute Wilde autark, in sich selbst ruhend und innerlich ausbalanciert – dafür jedoch ist er ziemlich isoliert. Allerdings richtet er keinen Schaden an. Nach These 3 wendet sich der gute Wilde seinen Mitmenschen zu in einer von den Konzepten von Mitleid und Gerechtigkeit regulierten Weise – um kooperativ und anderen nützlich zu sein. Wenn ich das richtig verstanden habe, ist Rousseau mit diesem Widerspruch in seinen Auffassungen trotz einiger Begriffsakrobatik nie wirklich fertig geworden.

Um nun das Verhältnis von Wildem und puer robustus zu klären, muß man beachten, daß Rousseau mit menschlicher Schwäche gerade meint, daß die Fähigkeiten dieses Menschen weit hinter seinen Wünschen zurückbleiben. Für jegliches Ausmessen dieser Fähigkeiten selbst interessiert sich Rousseau nicht. Entsprechend sieht Rousseau die Freiheit, zu tun, was man will, als höchstes Gut an: Der wahrhaft freie Mensch, will nur, was er kann, und was er tut, gefällt ihm. Genau dann ist er in den Augen Rousseaus mächtig. Und der gute Wilde tut das, was er kann, er lebt autark, ist damit frei und mächtig und fügt anderen keinen Schaden zu.

Das Verständnis des puer robustus geht über diese Skizze des guten Wilden nun insofern hinaus, als er die obige Balance zwischen Wünschen und Fähigkeiten, die man im guten Wilden findet, über das Stadium der Ungebildetheit und Kindlichkeit hinaus bewahrt. Rousseau betrachtet dieses angemessene Verhältnis als Erfolg der Selbsterziehung, bei der sich der puer robustus über seine Gefühle hinaus erhebt. Bei Rousseau ist der puer robustus also durchaus kein Störenfried im hobbesianischen Sinne, denn er ist durch Selbsterziehung zu obiger, innerer Balance und innerem Frieden gekommen. Insbesondere lebt der puer robustus nicht wie das Rousseau’sche Kind jenseits einer eigenen Beurteilung von Gut und Böse und mit einer Tendenz zum bösen Handeln, insofern das Kind noch schwach ist im Rousseau’schen Sinne. Deshalb tut man übrigens einem Kind auch nichts Gutes, wenn man ihm Befriedigungsmöglichkeiten en masse verschafft.

Wörtlich schreibt Rousseau: “Ein Kind, welches nur zu wollen braucht, um zu haben, hält sich für den Besitzer der Welt […] und empört sich über jeden Widerstand ohne jemals für eine Gefälligkeit Dank zu wissen. Wie kann ein zorniges und von Leidenschaften verzehrtes Kind glücklich sein? Ein kleiner Despot!”

Es ist, als hätte Rousseau die psychologische Verfassung unserer heutigen Frauen vorhergesehen – aber das nur nebenbei.

Die Friedlichkeit des puer robustus endet abrupt, wenn er sich in die Gesellschaft begibt, denn die Gesellschaft befindet sich nach Rousseau in einem Zustand des Krieges aller gegen alle – was aber keineswegs ein Naturzustand ist. Als Botschafter des inneren Frieden wird der puer robustus in einer solchen Gesellschaft gegen seinen Willen zum Kampf gezwungen und die Rolle des Störenfrieds ergibt sich bei Rousseau nicht aus innerer Bestimmng, wie man sie etwa vom antiken Herakles kennt, sondern als Nomozentriker aus der Notwendigkeit zur visionären, politischen Umwälzung jenseits von Unterdrückung und Unmenschlichkeit.

Ich habe hunderte von Abenteuerfilmen gesehen, die – bis heute – genau so funktionieren und das kann nichts anderes bedeuten, als daß diese Männlichkeitsvorstellungen nach wie vor breitenwirksam und gültig sind.

Dabei leugnet Rousseau keineswegs die egozentrische Variante des puer robustus, doch versteht er diese Weg nicht als präferiertes Lebensmodell, welches unterschiedliche Schwerpunkte erlaubt vom Mitleid bis zur Gerechtigkeit und von der natürlichen Selbstgenügsamkeit über die Selbstliebe bis zur Selbstgesetzgebung. In allen diesen Fällen muß der puer robustus lernen, sein Mitgefühl mit anderen Menschen aus der Gesellschaft zu beschränken, um nicht ungerechterweise mit den Bösen Mitleid zu haben und ihnen Gutes zu tun. An diesem Punkt wird es spannend:

Rousseau selbst schreibt im Contrat social, daß er die Beschränkung des Mitleides für männlich hält. Denn Mitleid ist ein Gefühl, das im 18. Jahrhundert strikt weiblich kodiert ist und Frauen gelten als Menschen, denen die Fähigkeit fehlt, ihre Leidenschaft zu sublimieren, weshalb sie eine fortdauernde Quelle der Unordnung sind, und keine Moralität entwickeln. Stattdessen würden Frauen zu Ungestüm, eigensinnige Versessenheit und Überschwang neigen und sie müssten deshalb immer einem Mann oder den Urteilen der Gesellschaft unterworfen bleiben. Interessanterweise gilt heute genau das Gegenteil dieser Rousseau’schen Sichtweise als triviale Selbstverständlichkeit: Kein Mann kann heute Mensch werden, bevor er sich dafür nicht einer Frau unterwirft. Männlich hingegen ist die generelle Abweisung der Passion – und zwar bis heute.

Wiederum erspare ich mir Rousseaus nähere Erzählung von der Verwandlung des natürlichen Menschen hin zum Staatsbürger, da sie für das Thema dieses blog nicht wesentlich ist.

Zu Teil Vier.

11 Gedanken zu „Puer Robustus – Part Three

  1. Mika

    Rousseau war doch der Schwurbler, der seine 4 Kinder in Waisenhäuser abgeschoben hat. Dieser Mensch war unmenschlich und vollkommen verantwortungslos. Weiter muss man sich mit dem nicht beschäftigen.

    Antwort
    1. elmardiederichs

      Diese Einschätzung ist ein schwerer Fehler, denn Aussagen sind wahr unabhängig von den Eigenschaften der Person, die sie äußert. Insbesondere haben Rousseaus Ideen historisch eine breite Wirkung gehabt und es wird sich im letzten post herausstellen, daß einige der möglichen Realisierungsformen von Weiblichkeit – einige sprechen von Geschlechterrollen, was aber gefährlich irgendwie nach einer Rolle pro Geschlecht klingt – sich vermutlich nicht entwickelt hätten, ohne den Einfluß von Rousseau. Männerbewegte sind daher gut beraten, zu verstehen, wie historische Denker die Kultur geformt haben, die Frauen nun benutzen, um andere Menschen auszubeuten.

      Antwort
      1. Mika

        Ich kann da jetzt nicht weiter in die Tiefe gehen. Ich habe es mit Geisteswissenschaftlern versucht, aber das wird nicht. Für mich ist das nur Geschwurbel. Die treffen keine echten Aussagen. Ich wollte Marx lesen und nach wenigen Seiten war klar, der hat keine Ahnung und verpackt das in viele Worte. Kant? nicht zu gebrauchen. Popper? Geschwafel. Oder diese Gender Trulla, Butler? Macht aus der Biologie einen sprachlichen Unfug hoch drei.
        Es reichen eigentlich die 10 Gebote, da ist alles drin, was du an Moral brauchst und man kann sie sich leicht merken, weil ohne Overhead formuliert. Fang mal mit einem Text von Geisteswissenschaftlern an und nach dem Streichen bleibt nix übrig.
        Also nimms mir nicht übel, ich beurteile die Typen nach ihren Handlungen und da wird das Eis für viele ganz dünn.

        Antwort
        1. elmardiederichs

          Ich nehme dir deinen Standpunkt nicht übel, aber insofern ich Naturwissenschaftler und Geisteswissenschaftler bin, habe ich einen ganz anderen Standpunkt: Wenn man Menschen verstehen will, muß man mit ihnen reden. Und man redet immer darüber, was diese Menschen im Kopf haben. Das sind gelegentlich Aussagen von Kant, Popper und bedauerlicherweise auch von Butler.

          Aber wenn man was verändern will, ohne die Menschen zu verstehen, dann braucht man gar nicht erst loszulegen – unmöglich.

          Wenn man sich aber auf den Standpunkt stellt, daß ignoriert werden kann, wer scheinbar zu doof ist, dann läßt man im Grunde alles, wie es ist. Für mich ist das keine Option.

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          1. Mika

            Ich ignoriere Menschen nicht. Im Gegenteil, ich rede sehr viel mit ihnen. Ich kann nur mit dieser Verkopfung nix anfangen. Hier auf meiner Burg treffen sich die unterschiedlichsten Menschen und die haben mehr zu sagen als all die Schwurbler, die ach so angesehen sind. Du hast einen anderen Weg, das ist okay. Mein Weg führt zu den Herzen, da braucht es keine Bücher. Schreib mir grob, von wo du bist. Wenn es nicht zu weit ist, dann lade ich dich auf die Burg ein. Hier treffen sich echte Humanisten. Wir sind viele und wir werden immer mehr.

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            1. Mika

              Das ist zu weit. Aber glaub mir einfach, ich habe sehr viele interessante und wache Menschen hier versammelt. Und wir tun etwas.

          1. Mika

            Kann sein, ich habe aber noch keinen getroffen. Die machen viel zu viele Worte um einfache Dinge. Nicht stehlen. nicht lügen, nicht betrügen. Was sonst brauchen wir? Und wie hat sich etwa Goethe verhalten? Für mich kein Vorbild. Aber gut, ich kenne nicht alle. Ich gebe aber zu, dass ich da nicht umfassend informiert bin. Man möge meinen Horizont erweitern.

            Antwort
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