Selbstlose Liebe

Brecht_Liebe_Wunsch

Paul Watzlawick erzählt eine Geschichte über die Liebe: Und zwar die eines Mannes, dessen frisch verehelichte Frau ihm eine Packung Kellogs auf den Frühstückstisch stellt. Jetzt kann er das Zeug nicht ausstehen, würgt es aber herunter, da er sie nicht enttäuschen will, schließlich möchte sie ihm eine Freude machen. Er isst also widerwillig die Kellogs und will ihr sagen, dass sie keine mehr kaufen soll, wenn die Packung leer ist. Aber ach, kaum ist sie das, steht schon eine neue auf dem Tisch. So geht das dann 20 Jahre und ein Ende ist nicht abzusehen. Und niemals würde er ihr sagen, dass die „Freude“ für ihn in Wirklichkeit eine Qual ist. Und wenn sie nicht gestorben sind, stellt sie ihm auch heute noch Kellogs hin.

Eine andere Geschichte mit falschen Vorannahmen erzählt eine Feministin. Und zwar die eines sehr wohlhabenden Ehepaares mit Haushaltshilfe. Die Frau fährt auf Kur und der Mann frühstückt also allein. Als die Haushaltshilfe ihm wie üblich die untere Brötchenhälfte reicht, fragt der Gatte, ob er die obere haben könnte, die sonst immer seine Frau bekam, die sei ihm lieber. Das verblüfft die Haushaltshilfe, denn sie wusste zu berichten, als der Ehemann auf Reisen war, verlangte seine Frei die untere Hälfte, denn diese sei ihr lieber. Für die Feministin, die die Geschichte erzählt, ist dies ein Beleg für die „kaputte“ Kommunikation im „Patriarchat“.

Ich sehe das anders. Beide verzichteten auf etwas Genuss, um dem Anderen etwas Gutes zu tun. Und sie taten es: Selbstlos. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Es ist ein Unterschied, ob man etwas Gutes tut, und darüber stillschweigt oder es wie ein Gutmensch an die große Glocke hängt. Die Eheleute sagten ihrem Partner nicht, dass sie auf etwas verzichteten, ein kleines Opfer brachten, damit der Andere es so ganz ohne Schuldgefühle genießen konnte, sondern behielten es für sich – das ist selbstlose Liebe.

husband_engineer

8 Gedanken zu „Selbstlose Liebe

  1. beweis

    Und niemals würde er ihr sagen, dass die „Freude“ für ihn in Wirklichkeit eine Qual ist. Und wenn sie nicht gestorben sind, stellt sie ihm auch heute noch Kellogs hin.

    Und nachdem sie gestorben war, hat er weiter jeden Morgen Kellogs gefrühstückt – und sie haben ihm geschmeckt. Ein Tag ohne Kellogs war für ihn ein verlorener Tag.

    Der Punkt ist meiner Meinung nach gar nicht, ob man selbstlos über seinen egozentrischen Schatten springt und die Kellogs lächelnd runterwürgt, sondern ob man es zulässt, dass man sich selbst verändert und so eine symbiotische Beziehung über die eigenen Vorlieben und Marotten stellt. Denn die sind nicht unumstößlich.

    Wenn man aber stoisch an den eigenen Ansichten und Vorgaben festhält und sich womöglich durch Einflüsse des Partners eher dominiert und benachteiligt fühlt, dann überwiegt die Rivalität die Liebe.

    Ich finde, es geht gar nicht um Selbstlosigkeit, sondern um die ehrliche Bereitschaft, die eigenen Dogmen der Liebe zu unterwerfen. Denn wenn sich das Selbst entsprechend verändert, braucht man gar nicht selbstlos sein. Dann schmecken die Kellogs auch so.

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  2. Sabrina Seerose

    Im Sinne wünschenswerter gegenseitiger Wertschätzung ist aber nicht das schweigend klaglose Herunterwürgen des als Zumutung Empfundenen sinnvoll gewesen; besser und ehrlicher wäre eine offene Bekundung der eigenen Geschmacksvorlieben und -Abneigungen, die man eventuell aus dem Wunsch heraus, mit dem Partner möglichst viele Gemeinsamkeiten zu teilen meint, sich zumuten zu können, und dem Partner hierbei explizit entgegenzukommen.
    In Zeiten von Anspannung und Gereiztheit können solche unterdrückten eigenen Vorlieben in der Beziehung als „vergebliche Opfergabe“ im Verbund mit vielen anderen Stressoren eine Sprengkraft besitzen…

    Insgesamt eine heikle Thematik: welche eigenen Bedürfnisse werden im Anfangsstadium von Verliebtheit mit „Leichtigkeit“ hingenommen, die bei einer Verstetigung zunehmend als belastend oder gar zerstörend erlebt werden…

    Antwort
    1. beweis

      im Anfangsstadium von Verliebtheit mit „Leichtigkeit“ hingenommen, die bei einer Verstetigung zunehmend als belastend oder gar zerstörend erlebt werden

      Ja. Wird eine symbiotische Beziehung angestrebt und erreicht, oder bleibt es bei Kompromissen, die man in der akuten Liebe gerne und viel, später dann weniger eingeht?
      Bei der zweiten Variante steht immer das Ich über dem Wir. Wenn hingegen das Wir über dem Ich steht, gibt es keine Ungerechtigkeiten mehr, denn das Wir ist dann die oberste Prämisse, unter der sogar Kellogs gut schmecken.

      Ich finde, unser massiv zunehmendes narzisstisches Gerechtigkeitsdenken verhindert symbiotische Beziehungen fürs Leben, die wir uns aber eigentlich wünschen.

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  3. Sabrina Seerose

    Deine für mich erkennbar intensive und vielfach vertiefte Befassung mit dem Thema einer qualitativ hochwertigen (lebenslangen) Partnerschaft findet meine große Anerkennung.
    Der Begriff der SYMBIOSE ist aber dabei m.E. eher unglücklich und riskant gewählt (vgl. hierzu: https://praxistipps.focus.de/symbiose-definition-des-begriffs-in-biologie-und-psychologie_111171)

    Wie ich auf AE vor Kurzem angekündigt habe, werde ich demnächst einen Gastbeitrag zum Thema „Über Sinn und Zweck hochwertiger lebenslanger Ehe-Partnerschaft“ vorlegen, wo ich auf die Herausforderungen, Chancen, aber auch auf die Gefahren dieser dabei unerläßlichen Gradwanderung näher eingehen werde: der Mensch als Individuum UND Sozialwesen zugleich.
    An dieser Stelle sei nur kurz dazu bemerkt, daß ein „Absturz“ zu jeder der beiden Seiten letztlich immer auch „tötlich“ enden kann…

    Antwort
    1. beweis

      SYMBIOSE ist aber dabei m.E. eher unglücklich und riskant gewählt

      Riskant gerne, aber warum unglücklich? Die verlinkte psychologische Definition beschreibt einfach nur auf Basis derzeitig geltender gesellschaftlicher Vorstellungen, was eine „kranke“ und eine nicht-kranke Symbiose zu sein hat:
      Die starke Abhängigkeit von anderen Personen macht unsicher, hilflos, aufopfernd und entfernt von sich selbst.
      Das liest sich wie aus einem Dr-Sommer-Ratgeber in der Brigitte für empowerungswillige Frauen, die künftig lieber alleine durchs Leben gehen. Warum das nicht hinterfragen?

      Eine starke Abhängigkeit von anderen Personen kann gleichermaßen auch Sicherheit bieten, die Gewissheit auf Hilfe in der Not, Aufopferung kann auch gegenseitig sein und eine Entfernung von sich selbst hin zu einem geliebten Menschen ein großes emotionales Glück darstellen. Das ist keine Unterwerfung, das ist eine Art Freigang aus dem narzisstisch-egozentrischen Käfig der Gefühlskälte.

      Natürlich entstehen bei einer solche Symbiose Unterschiedlichkeiten, Ungerechtigkeit oder Machtgefälle. Warum ist das aber per se so schlecht, dass man emotionale Leere und Einsamkeit vorziehen sollte?
      Ich sehe das eher als eine Mischkalkulation, die gut ist, wenn sie beiden mehr gibt, als sie mit Gerechtigkeit und zwangsläufig damit verbundener Rivalität hätten.

      „Über Sinn und Zweck hochwertiger lebenslanger Ehe-Partnerschaft“
      Da freue ich mich drauf. Aber warum rührst du den bürokratisch-formalen Aspekt der Ehe da rein?

      Antwort
      1. Sabrina Seerose

        „Über Sinn und Zweck hochwertiger lebenslanger Ehe-Partnerschaft“
        Da freue ich mich drauf. Aber warum rührst du den bürokratisch-formalen Aspekt der Ehe da rein?

        Eine (ehrliche und tragfähige) Ehe einzugehen bedeutet in meinen Augen eine einzigartig bezeugte, tiefergehende Verbindlichkeit und wechselseitige „Verpflichtung“, die zudem in unserem geographisch-kulturellen Raum eine über die monadisch-dyadische Abgeschiedenheit hinausgehende konzentrische Öffnung für unser weiteres soziales Umfeld, und unsere Anteillnahme und Verpflichtung an und für die soziale Gemeinschaft ermöglicht, zum Nutzen Aller.

        Antwort
        1. beweis

          Ja. Die nach außen getragene dauerhafte Verbindung mit entsprechender Zeremonie verändert wirklich etwas. Ein Grundstock der Verbindlichkeit wird geschaffen.

          Wenn das beide so empfinden und leben. Anderenfalls ist die Ehe eher eine Bürde und ein teures Unterfangen.

          Antwort

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