Puer Robustus – Part Four

Es folgt eine Gastbeitrag von Elmar (Teil drei):

Ein sehr wesentlicher Dreh- und Angelpunkt der politischen Philosophie ist der Mensch verstanden als Schwellenwesen, als puer robustus, dem Schlüsselkind der Gesellschaft. Das Individuum oder seine – im Moment maßlos überschätzte rein ererbte Identität – noch die Analyse oder Rolle der staatlichen Institutionen dominiert. Rousseau bekämpfte in seiner politischen Philosophie den Einzelkämpfer im Menschen und protegierte den Rolle des Menschen als Gruppenmitglied. Infolgedessen haderte er mit dem egozentrischen und feierte den nomozentrischen Störenfried. Doch eventuell war Rousseaus Ablehnung voreilig: Die passende Theorie zur Figur des egozentrischen puer robustus lieferte aber erst Denis Diderot im 8. Band seiner Encyclopedie von 1765. Gehen wir der Sache nach.

Auf unserer spracharchäologischen Suche nach den kulturellen Ursprüngen des Verständnisses von Männlichkeit, referiere ich heute in zweiter Hand die Ideen des Aufklärers Denis Diderot aus dem Buch Puer Robustus (2016) von Dieter Tomä.

Grundsätzlich sieht Diderot in Hobbes, nicht in Rousseau, einen Gewährsmann für eine Strategie der kleinen Schritte hin zur Vernunft als beste Option der Politik und sein Motiv liegt in der Figur des pur robustus als mögliche Realisation des Bösen, die Diderot bei Hobbes zu entdecken glaubt: Bosheit sei umso größer, je schwächer die Vernunft und je stärker die Leidenschaften sind. Doch im Vergleich geht Diderot sowohl über Hobbes’s wie auch über Rousseau’s Bestimmung des puer robustus deutlich hinaus – wie an seiner Auffassung vom Menschen im Naturzustand deutlich wird.

Diderot geht davon aus, daß der Mensch im Naturzustand eine Vielzahl von nicht allein körperlichen Lüsten mitbringt, die es eigenverantwortlich in seinen natürlichen Details zu entfalten gilt – und zwar einerseits in der Auseinandersetzung mit einer solche Lüste beeinflussenden, steuernden, staatlichen Ordnung und andererseits durch verantwortungsgesteuerte Konflikte zwischen einer angeborenen Gerechtigkeitsvorstellung sowie anderen Neigungen mit moralischem Potential wie Würde, Mitgefühl oder Freiheitsdrang und den manchmal, aber nicht immer berechtigten Interessen anderer Menschen. Der Mensch im Naturzustand ist nicht von Natur aus böse, kann aber durch falsche Umstände zur Bösartigkeit gebracht werden. Zugleich sei Existenzsicherung – anders als Hobbes dies behauptete – nicht das einzige Problem, welches der Mensch im Naturzustand hat. Im Gegenteil: Wenn sich die Vernunft nur an Eigeninteresse oder Eigenliebe hält, beschädigt sie nach Diderot die Anlagen zur Kooperation, die im Naturzustand bestehen, und veranlasst die Menschen, sich nur auf sich selbst zurückzuziehen. Zudem fragt sich Diderot, wie Empfindungen im Horizont des Handelns und der Freiheit auftauchen.

Wenn der Mensch im Naturzustand moralisches Potential hat, dann verändert sich offenbar der Ausgangspunkt dramatisch, von dem aus der Zugang zur sozialen und politischen Ordnung gesucht wird. Seine Zivilisierung operiert nicht mehr mit einem simplen Gegensatz zwischen künstlicher vertraglicher Ordnung und wilder Natur, sondern will bei den selbstgemachten und ererbten sozialen Kompetenzen des Menschen im Naturzustand anknüpfen. Dies ist die Position, die Diderot für seinen puer robustus vorgesehen hat: Weder kann man sich gewiss sein, dass die staatliche Ordnung im Kampf gegen den puer robustus ihre Qualitäten unter Beweis stellt (Hobbes), noch kann der puer robustus garantieren, in einem großen Wurf die Welt zu verwandeln (Rousseau). Vielmehr schlägt die Stunde der Wahrheit für die staatliche Ordnung dann, wenn man sich ihren Umgang mit den Störungen durch den puer robustus ansieht. Und die Stunde der Wahrheit schlägt für die Störungen durch den puer robustus dann, wenn sie sich nicht in ihrer Extravaganz sonnt, sondern sich im Konflikt mit der staatlichen Ordnung selbst auf die Probe stellt.

Mit anderen Worten: Der puer robustus ist bei Diderot ein soziales Problem, welche erst nach und nach und je nach Umständen entsteht und nicht einfach auf physischer Überlegenheit oder dumpfer Brutalität, sondern gerade auf der Fähigkeit zur Reflexion und dem geistigen Wandel beruht. Auch die moralische Beurteilung des puer robustus changiert entsprechend: Der puer robustus bei Diderot ist der Prototyp eines Menschen, der mit Hilfe seiner Anlagen mit sich selbst und mit unterschiedlichen Lebensformen experimentiert – je nach den sozialen Umständen und Erfahrungen, zu denen er innerhalb der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung Zugang hat. Entsprechend könnte man ihn als Exzentriker, als Schwellenwesen, als Zentrum von moralisch-psychologischen Ausnahmesituationen, bezeichnen, die nicht immer widerspruchsfrei sein müssen: Zum ersten Mal tritt hier der Aspekt der Selbstentfremdung beim puer robustus auf.

Soweit erst mal.

Ich erlaube mir an dieser Stelle eine kleine Abschweifung:

Bei dieser Schilderung entsteht bei mir sofort der Eindruck, daß der Feminismus der 3. Welle
das Schema von Diderots puer robustus für Geschlechterrollen lediglich wiederholt – anstatt
selbst kreativ zu sein. Wäre dieser Isomorphismus sinnvoll – was er sicher nicht ohne weiteres ist – dann handeln Feministinnen der 3. Welle ungeachtet des performativen Widerspruchs als männlicher Archetyp.

Als soziales Phänomen ist diese feministische Realisierung der männlichen Rolle in der westlichen Kultur der Überhöhung alles Weiblichen mit all seinen sozialen Privilegien natürlich zutiefst unglaubwürdig: Frauen müssen nicht diejenigen Erfahrungen von Männern machen, die ihre Stellung als puer robustus erst nachvollziehbar macht. Sie werden ihnen regelmäßig erspart, denn sie sind zu wertvoll, um ihnen das schwierige Leben und die unangenehmen Aufgaben der Männer zuzumuten.

Man könnte nun angesichts dessen meinen, daß die sozialen Kooperationspartner der Feministinnen der 3. Welle diese deshalb gar nicht mehr im Alltag ernst nehmen. Doch in Wahrheit erodiert die konstante und mit einem moralischen Vergeltungsanspruch bewaffnete Anmaßung dieser Frauen, ebenfalls soziale Schwellenwesen zu sein, völlig das psychologische Verständnis der Männer von sich selbst und der sozialen Einflüsse, die auf sie wirken.

Und das scheint mir ein vorläufiges Argument dafür zu sein, daß der Feminismus der 3. Welle eben doch in seinem innersten Kern der Feind, ein Protagonist der nachhaltigen, sozialen Desorientierung der Männer zu sein – freilich, ohne daß die Frauen diese Konsequenzen ihres Verhaltens auch nur im Entferntesten durchblicken würden.

Feminismus der 3. Welle ist daher auch kein Humanismus und kann es niemals sein. Auch wenn der linke Maskulismus das gerne anders hätte.

Zu Part Five.

8 Gedanken zu „Puer Robustus – Part Four

  1. Mika

    was willst du uns mit diesem Text sagen? Ich lese nur Phrasen.
    Erkläre es doch einfach mal in verständlicher Sprache. Das liest sich wie Butler, viele Worte ohne Inhalt. Sorry, so kommst du nicht an die Leute ran.

    Antwort
  2. Pingback: Männlichkeit unter Druck – Victor Hugo « jungs & mädchen

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