Puer Robustus – Part Seven

Es folgt ein Gastbeitrag von Elmar (zu Part Six):

Der puer robustus wird von Marx und Engels als ökonomischer Klassenrevolutionär und Aufständischer gegen eine von Gott eingesetzte Obrigkeit entworfen, dem bereits diejenige Cleverness anhaftet, die der puer robustus ebenfalls nach dem Entwurf von Tocquevilles hat.

So beschreibt bereits Tocqueville den puer robustus als Selbstrevolutionär, als jemanden, der sich darauf konzentriert, den privaten Gewinn zu maximieren, und sich für so clever hält, daß er politisch zur staatlichen Ordnung ausreichend Distanz hält. Motivation dieser Beschreibung bezieht Tocqueville aus der Beobachtung der Verhältnisse im zeitgenössischen Amerika. Diese exzentrische Variante des puer robustus hat nach Tocqueville dadurch die Zukunft für sich gepachtet und pflegt das Lebensgefühl, unschlagbar zu sein, und neben dem Fehlen sozialer Verpflichtungen dominieren Abenteuerlust und Verspieltheit. Insofern tritt der puer robustus, der mehr sich selbst stört, als andere, als Frühgeburt eines Menschenschlages in die Welt, der von politischer Kooperation wenig, von kapitalistischer Rücksichtlosigkeit aber umso mehr hält – was Tocqueville heftig kritisiert, da nach seiner Ansicht dadurch der Niedergang der Demokratie, der Verlust der politischen, der wahren Freiheit drohen.

Das bedeutet: Im Gegensatz zu Rousseau feiert Tocqueville nicht die innere Ruhe des guten puer robustus. Anders als Diderot liebäugelt er nicht mit einem puer robustus, der die Welt in Bewegung bringt. Und anders als Schiller empfindet er keine Sympathie für den Störenfried, der das Recht bricht und anders als Hugo entdeckt er im puer robustus keinen moralischen Kompass und würde anders als Richard Wagner nie im kühnen, unverbildeten Kind den Erlöser suchen. Wie Hobbes sieht Tocqueville den puer robustus als asozialen Typ, der unfähig oder unwillig ist, politische Regeln zu setzen und einzuhalten, weil er seinen rohen Leidenschaften freienLauf läßt.

Die neue Komponente als Revolutionär im Puzzle, das das Bild des puer robustus inzwischen abgibt, wird von Marx und Engels nun im Sinne einer sozialen Klasse, eines revolutionären Kollektivsubjekts, politisch und moralisch positiv gedeutet. Gleichzeitig machen Marx und Engels den puer robustus zum Protagonisten einer Geschichtsphilosophie, in der die Bosheit ins Gute umschlägt und der damit – anders als bei Victor Hugo – auch Erfolg auf ganzer Linie hat.

Auf unserer spracharchäologischen Suche nach den kulturellen Ursprüngen des Verständnisses von Männlichkeit, referiere ich heute in zweiter Hand die Ideen von Marx und Engels aus dem Buch Puer Robustus (2016) von Dieter Tomä.

Das revolutionäre Kollektivsubjekt ergötzt sich bei Marx und Engels an der Angst der Machthaber, denen es als malitiosus erscheint und es macht sich einen Spaß daraus, dieses von Angst getriebene Urteil der besitzenden Machthaber ironisch zu übernehmen und umzudrehen: Das Böse erscheint bei Marx und Engels als Anstrich des Guten, die Gewalt wird als reinigendes Gewitter begrüßt. Marx und Engels bieten das scheinbar böse, letztlich aber gute, rohe und einfache Volk gegen eine staatliche Ordnung auf, die die Güte nicht, wie Hobbes dies vorsah, für sich reservieren kann. Der Bruch der Ordnung soll sich aber nicht in individueller Willkür erschöpfen, sondern ist dieses Mal das Ergebnis geschichtlicher Kämpfe.

Und um obige geschichtsphilosophische Aufwertung der Identität als gewalttätiges Kollektivsubjekt zu legitimieren, muß der neue puer robustus im Namen der Befreiung der ganzen Menschheit und als Vorreiter einer besseren Welt handeln: Das alte individualistischen Selbstbild, das in der bürgerlichen Gesellschaft zur Herrschaft gelangt ist, wird aufgegeben.

Von der natürlichen Freiheit, in der das Individuum fern der Gesellschaft um seine Selbsterhaltung ringt und dem Naturzwang ausgesetzt ist, hält Marx indes ebenso wenig wie Hobbes. Stattdessen winkt dem Individuum im künftigen Reich der Freiheit, das den Fluchtpunkt von Marx‘ Überlegungen bildet, die Selbstverwirklichung in der Gemeinschaft. Das tradierte, bürgerliche Individuum steht bei Marx für die Lösung eines Problems, i.e. für die Befreiung vom Naturzwang, und wird dabei sogleich Teil eines neuen Problems, denn es bleibt auf einer bestimmten historischen Entwicklungsstufe stehen, in der die Freiheit noch verkrüppelt ist.

Wie bei Richard Wagner führt Marx die Verkrüppelung der Freiheit zurück auf die Verirrung, in der sich der zivilisierte Mensch von der Natur entfernt habe: Richard Wagner bringt Natur und Vertrag als Ausdruck einer entwickelten Kultur gegeneinander in Stellung. Der Gesellschaftsvertrag, der die interessegeleiteten Individuen nach Hobbes schließen, taucht bei Wagner daher als künstliche und daher feindliche Ordnung auf. Damit nähert sich Wagner dem Bild des Naturzustands, das Rousseau entworfen hat, denn Wagner faßt die Politik und die Ökonomie in der Welt der Verträge zusammen und betrachtet sie als Spielstätte gewaltsamer oder ränkevoller Individuen, die Verträge nur schließen, um egoistische Vorteile, Zinsgewinne und Ausbeutung zu sichern. Anstatt irgendeine Art von Kooperationsgleichgewicht zu repräsentieren, herrsche nur vom Staat ermöglichte Willkür. Dieser soziale Rahmen sei zudem dafür verantwortlich, daß die Menschen sozial getrennt würden und der freie Wille der Menschen zur widerlichen Leidenschaft, Geiz, Wucher und Gaunergelüste verrküppele sowie der Mensch entwürdigt werde und leide.

Marx attackiert ebenfalls die Vorstellung, dass die Menschen sich verlustfrei als Individuen und Vertragsteilnehmer verstehen können, und sieht die bürgerliche Gesellschaft als eiskalten Institution egoistischer Berechnung, der Trennung und Isolierung, in der nicht gegenseitige Unterstützung, sondern gegenseitige Feindseligkeit, unter gewissen Kriegsgesetzen dominiert, getarnt als sogenannte vernünftige Konkurrenz. Um das zu charakterisieren, bringt er zwei Schlüsselbegriffe in Stellung: Absonderung und Abhängigkeit. Dem Individuum werde weisgemacht, es könne dank der Absonderung von anderen Menschen selbständig entscheiden, auf welche vertraglich geregelte Abhängigkeit es sich einlasse. Doch mit Freiheit hat das nach Marx noch nichts zu tun.

Auch die individuellen Rechte sind nach Marx nicht zufällig Abwehrrechte und nicht etwa Freiheitsrechte: Zwar hat jeder das Recht auf Absonderung, das Recht sich auf sich selbst zu beschränken, doch das gibt dem Individuum kein Recht als Gattungswesen in einer Gemeinschaft zu leben und sich darin selbst zusammen mit anderen frei zu verwirklichen.

Die Vertragsfreiheit allein macht gerade nicht frei, sondern hält die Menschen gefangen in einer Haltung, in der sie sich nur gegen andere, nicht mit anderen entfalten könne. Und indem der Staat seine Aufgabe darin sieht, genau jene Abwehrrechte zu garantieren, die im klassischen liberalistischen Sinne der Vertragsfreiheit dienen, macht er sich zum Helfershelfer eine inhumanen Kapitalismus. So bietet das Recht, das die vertragliche Regelung von Arbeitsverhältnissen ermöglicht, reichlich Möglichkeiten zur faktischen Entrechtung der Arbeiter. Es wirkt ebenso einseitig oder ungerecht wie etwa das allgmeine Verbot, unter Brücken zu schlafen, nur ein Problem für die Armen, nicht aber für die Reichen darstellt.

Infolge seiner wirtschaftlichen These der Kapitalakkumulation, kommt Marx zu der Ansicht, daß sich die Gesellschaft von einer amorphen Masse hin zu einer in wirtschaftliche Lager gespaltenen Gesellschaft entwickelt: Das Proletariat und die Bourgeoisie. In dieser polarisierten Gesellschaft stoßen die einen, die ihre Freiheit beim Vertragsschluss auskosten, auf die anderen, für die die Vertragsbedingungen alternativlos sind und die keinen Spielraum haben, sich zu weitern. Die bürgerlichen, in den Verhältnissen der herrschenden Klasse entwickelten Individuen, meinen in diesem setting über die Abhängigkeiten, die sie als Vertragspartner eingehen, nach Gutdünken entscheiden zu können. Entsprechend deuten sie die Absonderung als Schutzraum, in dem sie auf ihre Freiheit glauben pochen zu können. Die Arbeiter müssen sich dieses individualistische Handlungsmodell zu eigen machen, ohne über einen entsprechenden Spielraum zu verfügen und sind zur Teilnahme an einer Arbeitswelt gezwungen, die als Vertragswelt organisiert ist. Das Junktim aus Absonderung und Abhängigkeit verliert für sie seinen Reiz. Der Angriff der Arbeiter auf die kapitalistische Ordnung lässt sich deshalb präzise als Kampf gegen Abhängigkeit und als Kampf gegen Absonderung fassen. Anders formuliert: Nach dem Modell der bürgerlichen Vergesellschaftung soll an die Stelle der Abhängigkeit vom Naturzwang die Abhängigkeit der Menschen voneinander treten. Letzterer wird der Vorzug zugeschrieben, verhandelbar zu sein: Man soll sich auf Abhängigkeiten einlassen, sich aber auch von ihnen lösen können. Bei den Arbeitern funktioniert diese Verwandlung der Abhängigkeit nun aber nicht. Sie geraten in eine neue Abhängigkeit hinein, bleiben aber zugleich dem Naturzwang ausgeliefert, weil ihnen der Zugang zur Natur mangels Eigentum als unmittelbare Subsistenzquelle verschlossen ist. Daher sind sie um der Befriedigung ihrer natürlichen Bedürfnisse willen auf die Vergesellschaftung in Form des Verkaufs ihrer Arbeitskraft angewiesen.

In dieser Situation ist der Proletarier Engels zufolge so hilflos, daß er für sich selbst kaum einen einzigen Tag leben kann. In der kapitalistischen Produktion wird die abhängige Arbeit nach Marx dazu benutzt, um den erst werdenden Menschen, den ganz unausgebildeten Menschen – das Kind – zum Arbeiter zu machen, und was dabei herauskomme, sei der Arbeiter als verwahrlostes Kind. Der Arbeiter als Repräsentant des revolutionären Klassensubjektes steht daher nicht schon von Anfang an als heldenhafter puer robustus auf der historischen Bühne, sondern muss sich den Kampfesmut erst aneignen. In wirtschaftlicher Not schlägt nun die Stunde des Störenfrieds, der mit diesem Leben in Abhängigkeit bricht und nun als natürlicher Feind an der Schwelle der bourgeoisen Gesellschaft auftaucht. Diese scheinbar unmenschlichen, vormenschlichen Armen werden, je nach Neigung der Gesellschaftsanalysten, verachtet, gefürchtet oder bedauert. Doch die Randposition, die das wilde, tierische Volk einnimmt, ist auch einer positiven Umdeutung zugänglich. Sie setzt an bei der Anerkennung seiner unbändigen Kraft – einer Kraft, wie man sie vom neuzeitlichen puer robustus her kennt.

Die ausstehende Emanzipation des Klassensubjekts, seine revolutionäre Aktivierung, soll nach Marx im Zuge einer Verschiebung des Selbstverständnisses vom individuellen Staatsbürger hin zum Gattungswesen gelingen, insofern jeder Mensch ein gemeinschaftlich lebendes Wesen ist oder werden kann. Tatsächlich handelt es sich um zwei Aspekte, die auseinander gehalten werden müssen:

a) Das Individuum als Gattungswesen ist von vornherein, i.e. vor aller individuellen Entscheidung und Präferenz auf seinem Weg der Autonomiegewinnung in eine vorgegebenen Gemeinschaft eingebettet.

b) Die Gemeinschaft der Individuuen ist nicht vorgegeben, sondern wird zusammen mit anderen aufgrund der individuellen Entwicklungsgeschichte erzeugt. Gemeinschaft wird hier auf ein Mittel für individuelle Zwecke reduziert.

Das Individuum hat nach Marx nicht vorab und als vereinzeltes Wesen Interessen, die es erst in einem zweiten Schritt dazuführen, sich anderen zuzuwenden. Vielmehr findet es sich erst selbst, wenn es sich auf andere einlässt und dabei zugleich sich selbst als Individualisten hinter sich lässt. Diese Idee kann auf zwei Weisen ausbuchstabiert werden:

In seiner später aufgegebenen Verelendungstheorie – das ist Variante a) – führt Marx aus: Unter Bedingungen des Kapitalismus wird der Arbeiter folglich auf seine Existenz als Naturwesen zurückgeworfen: Es gibt gar nicht mehr diesen oder jenen Arbeiter, alle sind vielmehr vereinzelte Gattungswesen in dem Sinne, dass sie als Menschen an die Grenze zum tierischen Leben getrieben werden. Der Zustand tiefster Entfremdung im Hinblick auf die Gemeinschaft soll umspringen in den Zustand höchster Entfaltung: das Kollektivsubjekt als nomozentrischer puer robustus wird auf der Schwelle zwischen zwei Entwicklungsstadien einer durch und durch ökonomisierten Gesellschaft im Kampf gegen die Unmenschlichkeit entfesselt – eine Aktivierung, das Richtige zu erkämpfen, der sich der puer robustus als Schwellenwesen nicht entziehen kann.

Variante b) kommt zum Zug, wenn der Mensch in ökonomische Abhängigkeit gezwungen und dadurch an der freien Entfaltung seines Handelns gehindert wird. Wenn sich die Arbeiter hingegen selbst organisieren, spüren sie die Macht der vereinigten Individuen. Marx wie auch Engels verwenden hier die Intuition der Synergie: In der wirklichen Gemeinschaft erlangen die Individuen in und durch ihre Assoziation als Brüder zugleich ihre Freiheit. Diese Selbstorganisation des puer robustus als Schwellenwesen ist allerdings in besonderer Weise unordentlich und unberechenbar: Auf das Unecht von oben antwortet der puer robustus mit spontanem revolutionären Rechtsbruch von unten.

Man möge es mir nachsehen, daß die die politischen und ökonomischen Theorien von Marx und Engels so weit wie möglich verkürzt habe. Mir kam es hier nur darauf an, darzustellen, wie bei Marx und Engels der Mann als puer robustus als ein Mensch dargestellt wird, der keineswegs asozial ist, sondern erst in der Gemeinschaft der Brüder Zugang zu positiver Freiheit und Selbstverwirklichung erlangen kann. Denn diese Sichtweise des Mannes ist heutzutage beliebig unpopulär.

Nächster Teil: Sigmund Freud.

2 Gedanken zu „Puer Robustus – Part Seven

  1. Pingback: Männlichkeit unter Druck – Victor Hugo « jungs & mädchen

  2. Pingback: Puer Robustus – Sigmund Freud « jungs & mädchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s