Puer Robustus – Part Twelve

Es folgt ein Gastbeitrag von Elmar; zum vorhergehenden Part Eleven.

Es ist nicht zu übersehen, daß die Diskussionen um den puer robustus nach dem zweiten Weltkrieg sich von Philosophie und Psychologie weg bewegen und zunehmend politisiert werden. Das hat zur Folge, daß auch Politik mehr und mehr den Anstrich des Männlichen bekommt und ich vermute, daß dieser Trend auch zur gegenwärtigen Entpolitisierung der Frauen beigetragen hat. Denn was männlich ist, verachten Frauen in der Regel.

Auf unserer spracharchäologischen Suche nach den kulturellen Ursprüngen des Verständnisses von Männlichkeit, referiere ich heute in zweiter Hand die politischen Vorschläge zu unserem Thema aus dem Buch Puer Robustus (2016) von Dieter Tomä.

1. Togliatti

Palmiro Togliatti war bis zu seinem Tod 1964 Generalsekretär der Kommunistischen Partei Italiens und ein führender Vertreter des Kommunismus. Er charakterisierte seine Partei 1949 i.S.d. des puer robustus als jung, kräftig und nicht zu überlisten – und beruft sich dabei auf Hobbes und Friedrich Engels: der puer robustus bei Togliatti ist gut und wird nur von anderen für böse gehalten.

Generell hat Togliatti die Politik aufs Engste mit der Frage nach der Jugend verbunden – was nach den Jahren im Faschismsus 1949 immer noch mehr ein Anspruch ist als eine Beschreibung der Realität. Denn nach Togliatti steht die Jugend insgesamt für die Differenz zwischen dem Status quo und einer anderen, neuen Welt – gewissermaßen zwischen der Wirklichkeit und einem enthusiastischem Traum von Neuem. Entsprechend sieht Togliatti die Politik bestimmt durch die Spannung von Ordnung und Störung. Er päppelt nicht das Klischee vom Ungestüm oder von der Unschuld der Jugend, sondern lenkt die Aufmerksamkeit auf jene dramatische Schwelle, von der aus die Spielregeln der politischen Ordnung in Frage gestellt werden können: die Schwelle, auf der sich der puer robustus bewegt.

 

2. Das kommunistische China

Im kommunistischeen China der 1950er initiierte Mao Zedong eine kurze Phase der politischen Offenheit, die Phase der 100 Blumen, welche sich in Wahrheit gegen die erstarrte Bürokratie richtet, und in der deshalb Störenfriede ausdrücklich begrüßt wurden. Mao will ungenutztes Potential mobilisieren und die Menschen zur Mitwirkung beim Aufbau der Volksrepublik bewegen. Die Kampagne führte zum Pekinger Studentenaufstand von 1957, der bereits nach wenigen Wochen unter Benutzung des Propaganda-frames der Rechtsabweichler brachial niedergeschlagen wurde.

Innerhalb dieser Kampagne generiert Mao insgesamt vier Optionen, wie mit Störenfrieden umzugehen sei, da nach seiner Vorstellung nicht jeder Störenfried automatisch positive Beiträge leistet, sondern – um im Bilde zu bleiben – neben Blumen eben auch Unkraut zu erwarten sei:

a) Kriminalisierung: Mao’s Idee ist, es das Unkraut, die Staatsfeinde, die unerwünschten, kritischen Stimmen durch falsche Versprechungen herauszulocken, und dann zu vernichten.

b) Regulierung: Mao möchte auch profitieren, und sich Mißstände berichten zu lassen und sie beseitigen. Das reguliert auch zugleich den Unmut der Bevölkerung.

c) Konflikt: Die dritte Begründung dafür, dass Mao das giftige Unkraut wachsen lassen will, stützt sich auf eine agonale Auffassung von Politik. Konflikte gibt es nach Mao nicht nur in der Epoche des Klassenkampfes, sondern auch in der sozialistischen Gesellschaft. Herablassende Kriminalisierung und Regulierung genügen hier nicht, der Kampf geht weiter.

d) Kritik: Mao gibt zu, dass es zum Streit darüber kommen kann, was als gut und als böse zu gelten habe: Da es Probleme gibt, ist es gut, ein bisschen Unruhe zu haben.Wenn Probleme existieren, sollte man eben beide Seiten betrachten. Damit wird auch hier die Verwandlung des Bösen ins Gute denkbar, die aus der Geschichte des puer robustus bekannt ist.

Am Ende wird die Hundert-Blumen-Bewegung von Mao zerschlagen, weil sie sich der Gleichschaltung widersetzt. Es darf politische Bewegungen geben, aber deren revolutionäre Energien müssen vom Regime gutgeheißen werden, Denn nur dann können diese Energien zur Bekämpfung des inneren Feindes eingesetzt werden.

Innerhalb der Hundert-Blumen-Bewegung forderte der Physikstudent Tan Tianrong in einer Wandzeitung, die Regierung der Stadt an bartlose junge Männer zu übergeben und unterschreibt seinen Text mit “Puer robustus sed malitiosus”. Daneben werden Forderungen nach sozialistischer Demokratisierung laut. Das Spannungsverhältnis zwischen Alt und Neu wird diskutiert, sowie verschiedene zum Teil evolutionär anmutende Modelle, die vor der Revolution Vorrang haben sollen, zum Umgang mit staatlicher Ordnung und individueller Störung.

3. Alain Badiou

Dass die chinesische Kulturrevolution in den 1970er Jahren von vielen zeitgenössischen Aktivisten und Theoretikern als antietatistischer Befreiungsakt gefeiert wurde, wäre nebensächlich, wenn der französische Philosoph, Mathematiker und Autor Alain Badiou, der auf eine Revolution aus ist, sie nicht als Vorbild für den aktuellen Protest gegen den globalisierten Kapitalismus empfehlen und die Hundert-Blumen-Bewegung dagegen abfällig behandeln würde.

Badiou zufolge fällt die Politik – oder, wie viele vorziehen zu sagen, das Politische – nicht mit der Theorie des Staates zusammen, sie setzt vielmehr ein beim Konflikt zwischen dem Staat und dem, was von ihm ausgegrenzt oder verstoßen wird, was sich ihm entzieht, in ihm fehlt oder für ihn nicht existiert. Man kann Badious Interpretation dieser Idee anhand der großen Themen der Theorie des Störenfrieds – Geschichte, Macht und Moral – einordnen. Auf der Geschichte insistiert er, indem er die dialektische Bewegung auf Dauer stellt. Die Macht soll im Zuge der historischen Dynamik vom Staat auf die Masse übergehen. Deren Aktionen erhalten ein moralisches Gütesiegel.

a) Geschichte: Nach Badiou ergibt sich die prinzipielle Unabgeschlossenheit der Geschichte aus dem Spiel der gesellschaftlichen Widersprüche, anders gesagt: aus seiner Theorie der Dialektik. Hier knüpft er bei Maos Lenin-Interpretation an. Mao lobt Lenin dafür, die Einheit als bedingt, zeitweilig, vergänglich, relativ, dagegen die Entwicklung, die Bewegung der Gegensätze als absolut bezeichnet zu haben. Alle Vorgänge in der Welt seien, so schreibt Lenin selbst, in ihrer Selbstbewegung, in ihrer spontanen Entwicklung, in ihrem lebendigen Leben aufzufassen. Mit Mao verlängert nun Badiou diese Dialektik über die Gegensätze in der bürgerlichen Gesellschaft hinaus und meint, dass gesellschaftliche Widersprüche auch in einer sozialistischen Gesellschaft wie China fortbestünden.
Selbstbewegung bedeutet nichts anderes, als dass sich diese Bewegung selbst der Vereinheitlichung entzieht. Sie ist nur in partikularen Momenten fassbar. Deshalb kann man sich die Geschichte nicht anders denn als pluralistische Veranstaltung vorstellen, in der eine Vielzahl von Selbstbewegungen stattfindet, die sich artikulieren, aufeinander beziehen und im Streit miteinander liegen. Zudem bindet Badiou das politische Subjekt an ein kollektives Schicksal, in dem sich das Leben jedes Einzelnen ohne Kluft mit der großen Geschichte aller vermischt.

b) Macht: Badiou steht mit dem Staat welcher Art auch immer auf Kriegsfuß: Auch innerhalb eines Staates, der formal ein proletarischer Staat ist, muß der Klassenkampf anhalten, einschließlich der Formen der Massenrevolte. Der sozialistische Staat in China kann daher nicht das befriedete und polizeilich überwachte Endstadium der Massenpolitik sein, sondern soll im Gegenteil ein Stimulans zu deren Entfesselung im Zeichen des Fortschreitens zum realen Kommunismus sein. Die Kulturrevolution wird von Badiou als Ausdruck der Widersprüche innerhalb des Volkes gefeiert, weil sie den Übergang der Macht vom Staat zur Bewegung betreibt. Sie bringt die geschichtliche Entwicklung dem Moment näher, in dem nach Engels‘ von Badiou gern zitiertem Ausspruch der Staat abstirbt oder, in einer harmloseren Variante, von selbst einschläft. Damit der Staat einschläft, müssen aber andere aufwachen.

Löst man sich vom Einzelfall der Kulturrevolution, so erkennt man bei Badiou eine Strategie, die als Ermächtigung des Störenfrieds bezeichnet werden kann. Solange dieser als Außenseiter an der Schwelle zur Ordnung steht, ist er gezwungen, seine Selbstbestimmung in Bezug auf die Macht zu rechtfertigen. Er tut dies, indem er sich egozentrisch auf seine eigenen Interessen beruft, exzentrisch die Macht unterläuft oder sich nomozentrisch zum Teilhaber einer anderen Macht aufschwingt. Mit Badious Verselbständigung der Massenrevolte kollabieren aber all diese Strategien. Die Schwelle, an der sich der Störenfried befindet, wird zu einem rechtsfreien Raum ausgeweitet. Historisch zeigt sich dies daran, dass der revolutionären Jugend in China während der von Mao entfesselten Kampagne offiziell Straffreiheit zugesichert wurde, was Badiou im Sinne einer ungestörten Störung begrüßt: Der Störenfried muß sich nur noch selbst genügen. Dadurch, dass Badiou dem freigelassenen, wildgewordenen Störenfried eine Erhebung des ganzen Volkes zuordnet, bereitet er schließlich dessen moralphilosophische Legitimation vor.

c) Moral: Nach Badiou leitet die Kommunistische Partei Chinas ihre Legitimität allein daraus ab, dass sie sich so vollständig wie möglich der Art und Weise aussetzt, wie sie von den Aktionen der Masse negiert wird, die gegen sie rebellieren. Der Staat hat demnach nur indirekt die Chance, selbst gut zu sein: indem er sich nämlich abschafft, die Macht delegiert und das Gute an anderer Stelle, in der Selbstbewegung der ermächtigten Masse, freisetzt. Ansonsten findet jede Revolution durch die Massen in einem außermoralischen Raum statt, sie ist über Vergleich und Begründung erhaben. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird immer innerhalb einer etablierten Ordnung getroffen, weshalb der Störenfried nur außerhalb der Ordnung sowie auch der Moral angesiedelt werden kann.

4. Strömungen in der Politik der neusten Zeit

Die gegenwärtige Lage des puer robustus ist bestimmt durch einen Kampf, den er mit sich selbst führt. Die Szene füllt sich gleichzeitig mit verschiedenen, krass voneinander abweichenden Störenfrieden. Sie geraten in Streit miteinander und legen sich zugleich auf je eigene Weise mit der politischen Ordnung an. Zudem zeigen sich neue Kräfte, die alles daransetzen, den puer robustus mit Hilfe von typ-abhängien Normalisierungen ruhig zu stellen.

a) Dem nomozentrischen Störenfried wird die Eingemeindung angeboten. In einer Demokratie, in der die Störung werksseitig installiert ist, steht ihm die Kooperation offen und die Subversion bleibt ihm erspart. Er scheint seine Waghalsigkeit mäßigen zu können, ohne sein Anliegen zu beeinträchtigen. Weiterhin kann er eine andere Ordnung antizipieren, doch er muss im Rahmen der demokratischen Meinungs- und Willensbildung um Zustimmung dafür werben.

b) Der exzentrische Störenfried wird normalisiert, indem er dem Egozentriker angenähert wird. Statt – wie in seinem originalen Einsatz – auf das Ich und das Eigeninteresse zu pfeifen, verwandelt er die Lust an der Überschreitung und Selbstentfremdung in den fureur de se distinguer. Er versucht, mit seinen Distinktionsmerkmalen bei den anderen Markteilnehmern zu punkten und sein Humankapital zu erhöhen. Der Störenfried wird zum Mitglied der creative class.

c) Dem massiven Störenfried wird das Martialische abgewöhnt. Man versucht ihn von dem Altar fernzuhalten, auf dem er sich um einer höheren Sache willen zu opfern hätte, er darf aber gern in der Masse mitschwimmen, auf die Love Parade gehen und Spaß haben. Ansonsten läuft die Individualisierung wie geschmiert.

Doch diese Normalisierungen sind nicht sehr erfolgreich: Die Störenfriede kriechen in Wahrheit bereits aus ihren Löchern heraus und widerrufen die behauptete Befriedung. Denn die Störenfriede, die an der Schwelle zur Gesellschaft auf prekäre, fragile Weise leben, haben ein Identitätsproblem. Ihre Identität ist notwendig relativ, sie können sich nicht bestimmen ohne Bezug auf das, was sie abstößt – und dabei sind wiederum alle Varianten im passiv-aktiven Spektrum mitzudenken: dass sie abgewiesen werden, sich abgewiesen fühlen oder sich gezielt von ihrer Umgebung abstoßen. Dies belegen Bespiele der jüngsten Zeit:

a) Der egozentrische Störenfried löst sein Identitätsproblem, indem er sich rein auf sein Eigeninteresse stützt und es darauf anlegt, die Ordnung auszutricksen. Der egozentrische Störenfried – als Gewinner vom Platz gehen und verbrannte Erde hinterlassen – z.B. sieht zum Zeitpunkt der Finanzkrise 2008 die Chance zu deregulierter Bereicherung und löst dabei eine Krise aus, die zahlreiche Menschen um ihre Existenz und einige Staaten an den Rand des Abgrunds bringt. Der Störenfried stört nicht mehr die moralische oder politische, sondern die wirtschaftliche Ordnung, die erstere für wirtschaftliche Interessen korrumpiert damit zugleich deren Gültigkeit unterminieren. Letztlich ergibt sich daraus die bekannte Kombination aus der Privatisierung von Gewinnen und der Sozialisierung von Verlusten.

b) Der exzentrische und nomozentrische Störenfried versuchen nicht, wie der massive Störenfried, sich in eine geschlossene Welt zu flüchten. Ihr Verhältnis zur Ordnung ist zudem, anders als dasjenige des egozentrische Störenfrieds, nicht instrumentell. Sie fragen nicht: Wie kann ich mich von der Ordnung verabschieden? Oder: Wie kann ich sie austricksen? Anders als ihre zwei feindlichen Brüder behaupten die exzentrischen und nomozentrischen Störenfriede keine Solldistanz zur Ordnung, sondern arbeiten sich kritisch an ihr ab. Sie beziehen sich auf sie im Modus der Transgression oder der Transformation.
Der exzentrische Störenfried überschreitet die Ordnung und sich selbst, pfeift also auf seine Identität, bleibt aber ebenso kritisch auf die bestehende Ordnung bezogen wie der nomozentrische Störenfried, der ihr eine andere Ordnung entgegenhält und sich mit ihr im waghalsigen Vorgriff identifiziert. Beispiele wären etwa Occupy Wall Street und Edward Snowden.

c) Der massive Störenfried versucht sein Identitätsproblem zu lösen, indem er das Relative an seiner Identität durchstreicht und für sich in Anspruch nimmt, voll und ganz einem geschlossenen Kollektiv anzugehören. Der massive Störenfried tritt aber nicht nur als Faschist auf, sondern – allgemein – als Fundamentalist und – speziell – als Islamist. Ein Beispiel wäre Anders Behring Breivik.

Ich breche an dieser Stelle mein Referat ab, da ich die weiteren Ausführungen von Dieter Tomä zu den jüngste politischen Ereignissen vor 2016 für weitgehend falsch halte. Es geht aber auch
nicht darum, seine Ansichten zu kritisieren, sondern sich zu fragen, wie man seine außergewöhnliche Vorarbeit im Sinne der Männer nutzen kann. Daher werde ich nun an einem Abschluß-post arbeiten, der meine eigenen Vorstellungen zu dem Thema schildern wird.

 

Ein Gedanke zu „Puer Robustus – Part Twelve

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