Zum Sherry bei Lotti – Wo sind die Männer?

Paul-Hermann Gruner: „Frauen und Kinder zuerst“, Seite 63

Männer sind nicht da. Sie sind irgendwo weg. Aber wo sind sie? Dieses Themas nahmen sich auch viele fortschrittliche Buchverlage an, die in den achtziger Jahren alle miteinander Frauenbücher, Frauenbuchreihen, Frauenpublikationen und Frauin-der-Gesellschaft-Serien auflegten. Eine tolle Zeit. In den Magazinen zu diesen Buchreihen, in Werbebeilagen und Zuführartikeln wurden «Frauenwelten» geschildert. Mitunter sogar, was typischerweise darin fehlt: Männer. Das Werbemagazin des Rowohlt-Verlages stellte 1997 neue Frauenbücher so vor: «Starke Frauen, freche Bücher: Pia Frankenberg, Francine Prose und Milena Moser erzählen mit viel Witz und Scharfsinn Geschichten aus einer exotischen Welt: dem Frauenalltag.» Es geht also exotisch zu. Immerhin. Beispielsweise so: «Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Vormittag, kurz nach 11 Uhr bei Rosa im Supermarkt oder in irgendeinem unterbezahlten Job, nachmittags mit Marion Meierhans strickend am Kinderspielplatz und, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, auf einen kleinen Sherry bei Lotti. Nur die Männer sind immer gerade ganz woanders.» Die irgendwo senkrecht in der Luft stehen bleibende Frage, wo sie denn nun sind, die Männer, wird im Folgenden leider nicht aufgeklärt. Die geneigte Leserin hat allerdings ausreichend Anlass, blitzschnell zu assoziieren: Männer? Nicht da? Wo sind die wohl: Kneipe, Fitnesscenter, Fußballplatz, Bordell. Wo sonst. Stimmt aber nicht. Die Männer sind, ganz banal, bei der Arbeit. Das kann an jedem Wochentag schlüssig nachgeprüft werden. Nicht etwa nur in den Werkhallen und Büros, nicht etwa nur bei Rosa im Supermarkt, sondern am «Vormittag, kurz nach 11» in jeder beliebigen Fußgängerzone jeder beliebigen Stadt. Machen Sie die Probe aufs Exempel: Laufen Sie achtsam, mit ganz weit geöffneten Augen durch Ihre Stadt, kurz nach elf. Frauen jeden Alters sind unterwegs, Vorschulkinder und die Senioren. Männer im besten Verwendungsalter sind nicht anzutreffen – höchstens als nicht Verwendungsfähige (obdachlos, arbeitslos, invalide) oder als Angestellte, die an und in der Fußgängerzone arbeiten. Die eigentliche Insinuation von «Männer sind immer ganz woanders» ist aber die, dass sich Männer immer irgendwie um was herumdrücken: Nicht da sein, woanders sein, das «würgt» den «Kerlen» so richtig eins rein, aber schließlich ist das konkrete Opferperspektive und außerdem klingt es schließlich auch viel giftiger, als zuzugeben, dass die Männer «bei der Arbeit» sind und gerade die Kohlen hereinholen für Marion Meierhans samt Söhnchen, Töchterchen und Hündchen. Und letztlich auch für den Sherry bei Lotti. Aber es wäre zu ehrlich, zu banal, das so kundzutun. Andersherum wirkt es doch viel knackiger, «frecher», richtiggehend «stark». Und das freut die «starken» Frauen und die wenigen verbliebenen schwachen. Weil sie ja doch die ganze Arbeit machen, wie wir von der Frauenbewegung wissen. Allerdings reicht es noch zu einem Sherry bei Lotti – «egal, wann».

Siehe auch: «Was treiben Männer eigentlich so?»

Ein Gedanke zu „Zum Sherry bei Lotti – Wo sind die Männer?

  1. beweis

    Danke. Eine tolle Darstellung des Wesens feministischer Egozentrik, die fatalerweise von der Restwelt immer weiter bestätigt oder sogar bestärkt wird.

    Antwort

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